Am
Fuße der Ozarks liegt Van Buren. Eine unsichtbare Wolke von Trauer
hing über dem Ort.
Am
Abend blakten Öllampen
in
Häusern,
im
Eisenbahndepot, in dem Ted Lemming mit einem Lappen über Kuppel- und
Schubstangen der Lokomotive fuhr. Er hörte
Schritte, sah Ben Brinkley, den Bürgermeister in der Tür.
„Ted,
morgen kommt die Kohle für den Tender, und wir haben die Brauerei
wieder zum Laufen gebracht.” Brinkley bückte sich und zog vier
Flaschen Bier aus seiner Tasche.
“Zwei
nimmst du mit nach Hause,” sagte er und öffnete die beiden
anderen.
“Auf
das Erlösungsfest.”
Der
kleine Mann richtete sich auf und wischte Haare
aus der Stirn. Ein Jahr war es her, dass er das letzte Bier getrunken
hatte. Brinkley hatte alle Hände voll zu tun, das Fest
vorzubereiten, und Ted wusste zu schätzen, dass der Bürgermeister
jedes Jahr Zeit fand, bei ihm vorbei zu kommen. Brinkley sah an Ted
vorbei, dann auf seine Schuhe, fuhr sich mit den Händen an den Hals
und lockerte seinen Hemdkragen.
“Es
ist traurig, dass sich wieder so viele im Rathaus haben registrieren
lassen.” Brinkley trat mit einem Fuß gegen eines der Räder.
“Deine
Tochter ist unter ihnen. Das weisst du sicher?”
Ted
sah Brinkley aus leeren Augen an, schlug
die Hände vors Gesicht, spürte nicht, wie Brinkley einen Arm um ihn
legte.
“In
all den Jahren hat sie es nicht verwunden, Ted. Es war ein
Zugereister. Er hatte das Virus. Und danach hat sie keinen Mann mehr
angesehen. Ted, es tut mir leid. Wir müssen ihren Entschluss
respektieren, und du weißt wie es bei uns läuft. Jeder an seinem
Platz.”
Ted
wankte benommen zur Tür hinaus.
Schon
draußen, bevor Ted ins Haus kam, hörte er Karens Saxophon. Sie übte
für die Highschoolband.
Hilda,
seine ältere Tochter, saß am Esstisch und sah zu Ted hoch, während
Liz, seine Frau die Speisen auftrug und nach Karen rief.
Ted
setzte sich ans Kopfende des Tisches. Er wartete, bis Karen Platz
genommen hatte, sah sie der Reihe nach an, dann heftete sich der
Blick auf seine Frau.
“Liz,
hast du es gewusst?” Wie
erstarrt blickte sie auf den Teller.
“Und
warum hast du mir nichts erzählt?”
“Papa,
es war meine Entscheidung.” Hilda hielt seinem Blick stand. Das
rötliche Licht der Lampen warf Schatten auf ihr Gesicht. Augen
wie zwei dunkle Seen.
“Ich kann so nicht weiter leben.”
“Es
gibt doch in Van Buren genügend ungebundene Männer.”
“Aber
nicht meinen.”
Liz
liefen Tränen die Wangen hinab.
“Was
sollen wir denn machen? Wenn du es nicht tust, kommt die ganze
Familie ins Gefängnis und nächstes Jahr wären wir alle dran.”
Ted
blickte zu Karen, die krampfhaft versuchte, ihre Tränen
zurückzuhalten.
“Und
macht es dir Spaß, den Drinking Song zu spielen, wenn es passiert?”
“Natürlich
nicht, Dad.”
Liz
füllte die Teller, Ted faltete die Hände, blickte auf seinen Teller
und sprach das Gebet. Sie redeten nicht, hielten die Köpfe gesenkt.
Gabeln klirrten, Teller klapperten, Gedanken
kreisten.
Als
die Töchter auf ihre Zimmer gegangen waren, verlor Liz ihre Haltung.
Ihre Hände verkrampften sich ums Tischtuch, die Knöchel traten weiß
hervor.
“Ted,
warum werden wir so bestraft? Hätte das Virus doch auch uns
getötet!”
Ted
blieb stumm.
In
der Nacht träumte er, sein Freund Johnny sei mit einer Flasche
Kirschwasser zu ihnen ins Haus gekommen. “Hol mal ein paar Gläser,
habe ich selbst gemacht”, sagte er. Dann wurde die Tür
eingetreten, Sheriff Milbrad stand mit gezogenem Revolver vor ihnen
und führte sie beide ab. Der Traum änderte sich.
Ted fuhr mit dem Touristenzug durch herbstliche Wälder der Ozarks.
Blätter leuchteten im satten Rot unter der Sonne.
Der Ton der Dampfpfeife brach sich an den Hängen. Schwaden
gaukelten über Baumkronen. Liz trug ihr luftiges Sommerkleid. Sie
scherzte mit Hilda, während Karen sich aus dem
Fenster lehnte, der Wind durch ihr Haar blies. Auf einmal
kamen Bürgermeister, Apotheker, Sheriff und der Gemeindearzt in ihr
Abteil und riefen: “Hilda, auf die Gleise mit dir!” Ted wachte
schweißgebadet auf. Er dachte an Brad, der vor ihm zum Erlösungsfest
die Lokomotive gefahren hatte. Eines Tages war Brad verschwunden und
hatte seiner Frau einen Abschiedsbrief hinterlassen. Er habe es nicht
mehr tun können, stand darin. Und nach ein paar Wochen war er wieder
in Van Buren aufgetaucht. In Fort Smith habe er es allein nicht
ausgehalten. Der Sheriff warf ihn ins Gefängnis.
Liz
wälzte sich hin und her. Ted hörte, wie sie im Schlaf redete und
fragte sich, wie es um Hilda stünde. Er stand auf, zog sich an und
öffnete ihr Zimmer.
Ted
hörte ihren ruhigen Atem und wunderte sich, dass sie schlafen
konnte. Dann ging er auf die Straße hinaus. Er holte sich das
Amtsblatt aus der Druckerei, irrte mit der Zeitung durch die Stadt,
nachdem er den Namen seiner Tochter auf der Liste gesehen hatte.
An
allen Straßenkreuzungen standen Kästen. Bier. Vorbereitung auf das
Erlösungsfest. Ted griff nach einer Flasche, setzte sie an die
Lippen. Gehetzt strich er an Schaufenstern entlang. Passanten riefen
im aufmunternde Worte zu. Einige legten ihre Hand auf seine Schulter,
sagten ihm: “Es tut mir leid.” Am Marktplatz setzte er sich auf
eine Bank.
Tankwagen
fuhren vorbei. Das Krankenhaus hatte eigene Generatoren. Sie
brauchten Treibstoff. Landwirtschaftliche Maschinen Dieselöl.
Kraftstoff aus Fort Smith, wo das Virus, wie in anderen Teilen der
Welt, menschliches Leben ausgelöscht hatte. Auch in Van Buren hatte
es viele Tote gegeben. Zugewanderte ohne Resistenz-Gen. Hildas Mann
war darunter gewesen. Leute, wie Ted, die überlebt hatten, waren
über Generationen miteinander verwandt und immun geworden.
Ted
hörte Klappern von Pferdefuhrwerken. Radfahrer machten sich auf den
Weg zur Arbeit. Jeder an seinem Platz. Warmer
Herbsttag. Ted ging zur Kreuzung, trug einen Kasten Bier zu seiner
Bank. Stunden vergingen, er trank. Der Schmerz ebbte ab.
Als es Nacht wurde, hatte er den halben Kasten geleert.
Am
nächsten Morgen lag Ted auf der Bank, wusste nicht, wo er
war. Wolken formten bizarre Muster. Ein Pferdekarren rumpelte vorbei,
Betrunkene torkelten über Bürgersteige, Tauben stoben hoch und
ließen sich auf den Dächern der Geschäfte nieder.
Bakteriologischer Krieg, Tiere waren davon verschont. Erinnerungen
machten sich in seinem Schädel breit, bis ihn der
Schlaf wieder übermannte.
Lärm
der Highschool Band. Ted schreckte hoch,
zitterte vor Kälte, ihm wurde schwindlig, als er sich aufrichtete.
Dann sah er sie: Sechs Frauen und drei Männer auf dem Weg zum
Gottesdienst. Sie trugen weiße Umhänge und blickten zu Boden. Mit
blutunterlaufenen Augen stierte Ted zu Hilda hinüber.
“Hilda!
Lass davon ab! Lauf weg!”, brüllte er, heulte wie ein Hund. Hinter
der Gruppe gingen die Jungen und Mädchen der Highschool Band. Karen
mit ihrem Saxophon in der dritten Reihe. Ted blickte ihnen nach. Als
sie nicht mehr zu sehen waren, erhob er sich.
Auf
dem Weg zum Lokomotivschuppen kam er an einem Trupp Gefangener
vorbei. Mörder, Schnapsbrenner, Hühnerdiebe und Bürger, die sich
unregistriert das Leben hatten nehmen wollen. Vergehen oder
Verbrechen. Es machte keinen Unterschied. Aneinander gekettet, waren
sie auf dem Weg zu den Bahngeleisen. Hilfspolizisten begleiteten sie,
Knüppel in den Händen.
Ted
öffnete die Tore des Schuppens, kletterte in den Führerstand,
heizte den Kessel der Lokomotive an. Er wartete, bis genügend Druck
da war und fuhr die Lok aus dem Depot. Er nahm Wasser auf, schaufelte
Kohle, betätigte die Dampfpfeife, und die Lokomotive schob sich mit
ihrem Waggon in die Bahnstation.
Ted
blickte durch das Vorderfenster, dorthin, wo die Geleise in einer
flammenden Wand von Ahornbäumen verschwanden. Er sah, wie Männer
die Gefangenen auf die Schienen pressten, der Schmied ihre Fuß- und
Handketten in den Grund dübelte. Etwa hundert Meter vor der
Lokomotive legte sich Hilda mit den anderen Kandidaten auf die
Gleise. Der Priester sprach ein letztes Gebet. Ted wurde für einen
Moment schwarz vor Augen. Er wollte weg laufen. Doch dann würde es
jemand anders machen.
Sein
Blick trübte sich, als er durch das Seitenfenster die gaffende,
betrunkene Menge sah. Sie wogte auf dem Bahnsteig hin und her. Ein
Mann sprang auf die leeren Bierkästen, die unter
seiner Last zusammenbrachen. Frauen und Männer des
Kirchenchors versteckten sich in schwarzen Umhängen, sangen fromme
Lieder. Blasinstrumente glänzten. Die Highschool Band war
angetreten, wartete auf ihren Einsatz. Dann erschienen die
Honoratioren. Der Sheriff und der Gemeindearzt schleppten den
Apotheker untergehakt heran und schoben ihn in den Waggon,
kletterten selbst hinein. Bürgermeister Brinkley schwankte zur
Lokomotive. In einer Hand eine Flasche Bier, in der anderen die
Fahrkelle. Ted steckte seinen Kopf durch das Fenster.
“Will
noch mal sagen, Ted, wie leid es mir tut.” Brinkley sah sich um und
winkte der Menge zu, die sich gegen den Kordon der Hilfspolizisten
drängte, dann hielt er die Fahrkelle hoch. Sie zeigte Rot, die Band
fing an zu spielen, die Menge grölte:
“I
was drunk the day my ma got out of prison.”
“Du
weißt Ted,” brüllte Brinkley. “Wir mussten das mit den
Selbstmorden kanalisieren. Dafür haben wir dieses Fest. Und du weißt
auch: Jeder an seinem Platz.”
“And
I went to pick her up in the rain.”
Menschen
auf dem Bahnsteig sangen, brüllten und schwenkten ihre Bierflaschen.
Brinkley
wankte zum Waggon, kletterte auf die Stufen und hielt die Kelle hoch.
Sie zeigte Grün, dann verschwand auch er im Zug. Karen hatte sich
mit ihrem Saxophon von den Geleisen weggedreht. Ted ließ die Pfeife
schrillen, löste die Bremsen und gab Dampf auf die Kolben. Der
Zug setzte sich in Zug in Bewegung.
“But
before I could get to the station in my pick-up truck.”
Ted
sprang auf der anderen Seite von der Lokomotive und rannte los.
Niemand sah ihn, als er das Fahrzeug überholte.
Er ließ das stampfende Ungeheuer hinter sich, doch dann kam es immer
näher an ihn heran.
“She
got run over by a damned old train.”
Ted
hörte das Fauchen der Lok, als er sich keuchend neben Hilda auf die
Gleise fallen ließ.
“Hilda!,”
rief er. “Ich kann so nicht weiter leben. Dies ist die letzte
Fahrt.”
Seine
Tochter drehte ihr Gesicht zu ihm. Er nahm noch einmal ihr Gesicht in
sich auf, ihr liebevolles Lächeln, dann wurde es Nacht um ihn.
“So
I hang around as long as you will let me.
And
I never minded standing in the rain
You
don’t have to call me darlin’, darling.
You
never even called me by my name.”
Der
Zug verschwand zwischen den Ahornbäumen und wurde nie mehr gesehen.
David
Allen Coe: You never even called me by my name