Schnelle
Schritte im Flur, Murren in Büros, Türen knallten, Telefonleitungen
liefen heiß. Stastny ging den Korridor entlang. Sein Unternehmen
hatte diesen maroden Laden gekauft, um ihn auf Vordermann zu bringen
und danach mit Gewinn zu veräußern. Sein Gesicht zeigte keine
Regung, als er in den Sitzungsraum trat. Da saßen sie: Direktor,
Hauptabteilungsleiter, Abteilungsleiter und lockerten ihre Krawatten.
“Downsizing!
Re-Engineering! Rationalisierung der Abläufe! Personaleinsparung!”,
bellte Stastny in den Raum und legte eine Folie auf den
Overhead-Projektor.
“In
der Kostenrechnung vier einviertel Arbeitskräfte, in der Buchhaltung
drei einhalb Mann, im Verkauf fünf dreiviertel und im Einkauf zwei
einhalb.
Organisation
und Datenverarbeitung werden zusammen gelegt. Dadurch fallen
ein Abteilungsleiter und ein Hauptabteilungsleiter weg.” Drei
Männer zogen ihre Köpfe ein.
“Die
Abläufe und Einsparungen sind ab morgen wirksam. Danke meine
Herren.”
Wenige
Stunden später. Türen knallten zu, als der Schritt schwerer
Stiefel, Rufe und Schreie durch die Flure hallten. Männer der Wach-
und Schließgesellschaft zerrten Frau Henning aus der Buchhaltung
durch den Gang, stießen sie in die Postabteilung. Dort stand Frau
Meister an der Frankiermaschine. Eine Bandsäge surrte. Herr
Schildkraut aus der Kostenrechnung lag ohnmächtig auf einem Tisch,
ein Bein im Auffangkorb. Das Fallbeil daneben. Vier Rümpfe
übereinander. Die Köpfe!
“Herr
Schmidt!,” schrie Frau Henning und versuchte sich los zu reißen,
“Frau Glauber!, Frau Rauer!, Herr Sauss! Was haben sie mit Ihnen
gemacht!” Frau Hennings Knie gaben nach.
Personaleinsparung,
resignierte sie. Und wozu gehöre ich? Zu den drei Mann? Bin ich die
halbe Person? Dann lag sie festgeschnallt auf dem Tisch. Frau Meister
schob sie auf die Säge zu, und die Männer der Wach- und
Schließgesellschaft waren wieder unterwegs.
“Frau
Meister, ich habe ein paar Briefe….Was ist denn hier los?” Heinz
starrte gebannt auf die Säge, die sich zwischen Frau Hennings
Beine schob. Dann gab er sich einen Ruck.
“Frau
Meister! Sie halten jetzt sofort die Säge an! So geht das ja nicht.
Haben Sie das mit dem Betriebsrat abgestimmt? Ich jedenfalls weiß
nichts davon.”
Die
Säge verstummte. Heinz ging zum Telefon.
“Karl,
Heinz hier. Kannst du mal ins Postzimmer kommen? Sie haben wieder was
gemacht, ohne uns vorher zu fragen.”
Heinz
löste die Riemen.
“Also
Frau Henning. Die Unternehmensleitung hat uns übergangen. Ist ja
nicht das erste Mal. Da machen wir nicht mit. Gehen Sie doch wieder
in die Buchhaltung zurück. Wir melden uns, wenn es wieder so weit
ist.”
Karl
quetschte sich ins Postzimmer. Er hielt sein Frühstücksbrot noch in
der Hand und kaute.
“Einsparungen,
was? Lassen wir doch den Stastny und Direktor Müller kommen.” Er
griff zum Telefon.
“Herr
Stastny? Karl Emmerich vom Betriebsrat. Wir sind hier im Postzimmer.
Sie werden schon wissen, worum es geht. Kommen Sie doch mal her und
bringen Sie Direktor Müller gleich mit.”
“Frau
Meister haben Sie die Liste?”
“So
so,” meinte Karl. “Kostenrechnung vier einviertel Arbeitskräfte,
Buchhaltung drei einhalb Mann, Verkauf fünf dreiviertel und Einkauf
zwei einhalb.”
Sie
hörten Stöhnen. Heinz und Karl blickten hinter den Sägetisch zu
Herrn Schildkraut aus der Kostenrechnung, der auf dem Boden lag und
auf die Stelle stierte, wo sein Bein gewesen war.
“Unerhört!”
rief Karl. “Einsparung von einer viertel Arbeitskraft bedeutet doch
nicht, das Bein abzusägen. Jetzt kippt der Mann immer um, wenn er
keine Krücke hat. Kosteneinsparung, dass ich nicht lache.”
Stastny
und Müller traten ein und sahen sich um.
“Ach,
die Herren Stastny und Müller. Meine Herren, Ihr Vorgehen können
wir nicht akzeptieren. Wir müssen das unserer Zentrale melden. Herr
Stastny, wenn Ihre Firma unser Unternehmen gekauft hat, bedeutet das
noch lange nicht, dass Sie hier schalten und walten können, wie Sie
wollen.” Karl redete sich in Rage.
“Vielleicht
sollte ich mal mit Ihrem Betriebsrat reden.”
“Die
haben keinen.” Heinz setzte sich auf den Schreibtisch. “Deren
Unternehmen sitzt auf den Bahamas. In Deutschland haben sie nur eine
Briefkastenfirma.”
“Wenn
der nicht überläuft.” Karl ging um das Fallbeil herum und biss
von seinem Brot ab.
“Was
meinen Sie damit?” Stastnys Gesicht blieb ohne Ausdruck.
“Ihren
Briefkasten, Herr Stastny. So wie Sie hier agieren, müsste der
voller Beschwerden sein.” Karl zeigte auf die Rümpfe neben dem
Fallbeil.
“Als
ob wir nicht schon genug kopflose Mitarbeiter hätten, und was noch
schlimmer ist: Das Fallbeil hat keine TÜV-Plakette.”
Heinz
sah sich das Gerät an.
“Stimmt.
Ist nicht abgenommen. Wussten Sie das, Herr Müller? Sicherheit am
Arbeitsplatz. Schon mal was davon gehört? Sie haben Frau Meister an
einem Gerät arbeiten lassen, dessen Sicherheit nicht gewährleistet
ist. Wir werden das dem Gewerbeaufsichtsamt melden.”
Direktor
Müller sah betreten zu Stastny hin, dessen Gesicht rot angelaufen
war.
Die
Tür ging auf. Männer der Wach- und Schließgesellschaft trieben
drei Mitarbeiter der Buchhaltung vor sich her.
“Herr
Stastny. Die Männer sollen ihre Aktion einstellen. Am besten Sie
gehen und tragen die Leute wieder in die Kostenrechnung zurück.”
Stastny
nickte den Männern von der Wach- und Schließgesellschaft zu. Die
packten sich je einen Rumpf und trugen ihn aus dem Postzimmer.
Stastny schloss sich ihnen an.
“Und
nun zu Ihnen, Direktor Müller.” Karl legte sein Frühstücksbrot
auf den Schrank und näherte sich dem Mann, der verängstigt
zurückwich.
“Wann
haben Sie sich das Rückgrat rausoperieren lassen?”
“Zenker
oder Virchow,” meinte Heinz.
“Was?”
“Methode
Zenker oder Methode Virchow. Ich bin mir da nicht sicher. Wir haben
in unserer Schreibgruppe eine Pathologin. Freundliche Frau. Die gibt
uns Hinweise, wenn mir mit unserem Medizin Einmaleins in unseren
Geschichten daneben liegen.”
“Was
Heinz, du schreibst?”
“Ja,
in meiner Freizeit. Kurzgeschichten im Internet.”
“Was,
du hast Freizeit?” Karl war verblüfft. “Ich bin vierundzwanzig
Stunden im Dienst der Gewerkschaft.”
“Die
kämpft doch für mehr Freizeit, oder?”
“Ja,
wieso hab ich dann keine?”
“Weiß
ich nicht,” meinte Heinz. “Doch zurück zum Rückgrat. Der
Schädel wird hinten geöffnet, das Gehirn entfernt und das Rückgrat
durch die Schädelöffnung rausgezogen.”
“Und
was ist ne Pathologin?”
“Na,
viel Obst, Gemüse, Fisch und so weiter. Was Gesundes eben.”
Karl
fragte noch einmal.
“Seit
wann haben Sie kein Rückgrat mehr, Herr Müller?”
“Ich
kann mich nicht erinnern.”
Heinz
nickte. “Weil Sie ohne Gehirn rumlaufen.”
“Muss
aber gewesen sein, als er noch Abteilungsleiter war.” Karl bückte
sich und legte die Köpfe so, dass ihre Nasen nach oben zeigten.
“Ohne
Rückgrat kann man vor dem Boss besser einknicken. War doch Ihrer
Karriere förderlich, nicht wahr, Herr Müller?”
Bevor
Heinz und Karl das Postzimmer verließen, drehte sich Karl noch
einmal um.
“Frau
Meister. Säge und Fallbeil bleiben außer Betrieb, bis Sie von uns
hören.”
Frau
Meister nickte eifrig, ohne ihren Blick von der Frankiermaschine zu
wenden.
Karl
blickte noch einmal auf die Köpfe.
“Nächste
Woche ist Betriebsausflug. Heinz, sag mal, haben die da auch ‘ne
Bowling Bahn?”
Als
sie den Korridor entlang gingen, meinte Karl noch: “Wir sollten die
Maschinen verplomben, auch wegen der fehlenden TÜV-Plakette. Wir
besorgen uns ein paar Plomben beim DGB. Morgen ist
Betriebsratssitzung. Die Einsparung wird ein Thema.”
Heinz
dachte nach.
“Also
ich weiß nicht. Einsparung von einem viertel Mitarbeiter. Ist das
richtig, einen Arm oder ein Bein einfach abzusägen? Ich meine, die
Person müsste doch gewogen werden. Mal angenommen, sie wiegt
einhundert Kilo, dann müssten doch, wenn man es genau nimmt,
fünfundzwanzig Kilo runter. Was sagen denn die DGB-Richtlinien
darüber?”
“Weiß
nicht,” antwortete Karl. “Die sind um die zweitausend Seiten
stark und ich bin erst bei Seite zehn.”
Nach
und nach öffneten sich die Bürotüren wieder. Es hatte sich
herumgesprochen: Auf den Betriebsrat war Verlass.