Heinz
Ehrlich trat auf die Terrasse hinaus, reckte sich und sah auf seine
Tochter hinab, die wie ein Häufchen Unglück auf ihr Lehrbuch
starrte.
Ehrlich
blickte über ihre Schulter.
“Strohmann
Trugschluss. Barbara, was ist denn das?”
Er
setzte sich zu seiner Tochter und nahm das Buch in die Hand.
“‘Herr
Goldberg hat gegen das Gebet in Öffentlichen Schulen argumentiert.
Offensichtlich befürwortet Herr Goldberg den Atheismus. Aber
Atheismus war das, was in Russland vorherrschte. Atheismus führt zu
Unterdrückung aller Religionen und zu einer Substitution von Gott
durch eine omnipotente Staatsmacht. Ist es das, was wir für unser
Land wollen? Sicherlich nicht. Daher ist Herr Goldbergs Argument
unsinnig.’”
Na,
ich hoffe, du hast nun alles verstanden” meinte Barbara mürrisch.
“Verdammt
heiß hier auf der Terrasse, und dabei habe ich schon meine Shorts
an. Ich weiß nicht, wie du das aushältst.”
“Du
weichst aus. Na schön, ist auch egal. Ich weiß gar nicht, warum ich
mir das hier noch antue.“ Dann setzte Barbara doch zu einer
Erklärung an.
„Also
wir haben hier zwei Argumente. Goldberg bringt das erste der beiden
Argumente vor. Er argumentiert gegen das Gebet in Öffentlichen
Schulen. Eine weitere Person attackiert Goldbergs Argument, in dem
sie es einem Argument für Atheismus gleichsetzt. Dann zieht sie
gegen den Atheismus zu Felde und schließt, dass Goldbergs Argument
unsinnig sei. – Nun hat Goldbergs Argument mit Atheismus nichts zu
tun, daher ist das zweite Argument ein Strohmann Trugschluss.”
“Na
was ihr nicht alles auf der Uni lernt. Ich hoffe, du hast deine
Pillen genommen.” Ehrlich stand auf und schüttelte den Kopf. “Ich
muss zurück ins Geschäft. Sage deiner Mutter Bescheid, dass ich
heute im Roten Ochsen zu Abend esse.”
Barbara
vertiefte sich in ihr Lehrbuch und machte Notizen. Nach einigen
Minuten legte sie das Buch zur Seite. Die Welt war ihr zuwider, die
Menschen in ihr. Sie waren es nicht wert, die Erde zu bevölkern. Man
brauchte sich ja nur die Zeitungen anzusehen. Wie versteinert saß
sie auf der Bank. Das Panorama vor ihren Augen, die Weiden mit Kühen,
Pferden, knorrigen Eichen, es ließ sie unberührt.
Der
Himmel war wolkenlos und am Horizont sah Barbara die sanften Hügel
des Gebirges, wo sich der Donnerberg reckte. Etwa hundert Meter vor
ihr, hinter einem Deich verborgen, floss die Wümme. Cisco und
Ramses, ihre beiden Pferde, Appaloosa und Quarterhorse, grasten
unbekümmert.
Barbara
zog sich Reitstiefel an, holte Ramses von der Weide, führte ihn zum
Stall, striegelte sein Fell, sattelte ihn und ritt auf den Deich zu.
Ramses wechselte automatisch von Trott in den Galopp und preschte den
Abhang hoch. Barbara ließ die Zügel locker, hielt ihn in der
Gangart. Sie stieg in die Bügel, der Wind pfiff ihr um die Ohren.
Ein herrliches Gefühl, in seltenen Augenblicken wie diesen fühlte
sich Barbara von der Last befreit, die so schwer auf ihr lag. Sie
ritt bis zur Schleuse, hinter der sich Äste und Zweige aufstauten.
Barbara
drehte um und ritt langsam zurück. Erst jetzt fiel ihr der junge
Mann auf, der am Flussufer seine Angeln ausgeworfen hatte. Sie
versuchte ihn zu ignorieren, doch der Mann blickte zu ihr empor und
rief: “Hallo!”
Barbara
hielt ihr Pferd an. “Petri Heil. Schon was gefangen?”
Der
Mann schüttelte den Kopf. “Noch nichts.”
Barbara
ritt den Deich hinab. Der Bursche war jung, um die zwanzig, hielt
seine schwarzen Haare kurzgeschoren und trug Brille und Kinnbart.
“Was
angeln Sie denn?”
“Karpfen.
Ich angle auf Grund. Für Schwimmer ist die Strömung zu stark.”
Barbaras
Pferd schnaubte. “in der letzten Zeit hat es in dieser Gegend viel
geregnet, auch im Donnergebirge. Das Wasser muss erst einmal
abfließen. Was benutzen Sie als Köder?”
“Mais
und Kartoffeln. So wie es aussieht, hätte ich hier erst einmal
anfüttern müssen.”
“Das
lohnt immer.” Barbara sah über das Wasser hinweg. “Ich angle
auch gern, als Ausgleich zu meinem Studium. Sie sollten es mal unter
den überhängenden Ästen versuchen. Dort halten sich die Karpfen
auf. Ich hatte dort schon beobachtet, wie sie sich in der Sonne
aalen. Sie setzen die Fische doch wohl wieder zurück?”
“Klar
doch. Ist es nicht faszinierend zu wissen, dass Karpfen sich aalen
können? Noch nie habe ich einen Aal gesehen, der sich in der Sonne
oder sonstwo karpft.“ Er kicherte. „Ich studiere auch.”
Barbara
zwang sich zu einem Lächeln. “Die ideale Gegend zum Ausspannen.
Was und wo studieren Sie? Auch in Dünkelskirchen?”
“Genau
dort. Physik. Wir beschäftigen uns zur Zeit mit der
Quantenmechanik.”
“Ich
Philosophie. Es hilft jedoch nichts. Ich sehe nur das Schlechte in
der Welt. Sie macht mich krank.”
“Die
meisten Menschen vergessen, dass wir nur Gast auf dieser Welt sind
und uns dementsprechend verhalten sollten. Es ist verkehrt
anzunehmen, dass wir der Natur unseren Willen aufzwingen könnten.”
“Ich
leide darunter. Die einzigen Freunde, denen ich vertraue, sind meine
Katzen und Pferde.”
Der
junge Mann schwieg einen Moment. “Ich gebe Ihnen recht. Unsere
Kultur ist bis ins Mark verdorben.
Die
Wissenschaft sehe ich als einzige brauchbare Alternative, die Welt
von ihrer Schlechtigkeit zu befreien. Dafür werden Menschen, die das
wollen, Opfer bringen müssen.”
Barbara
war überrascht. So lange hatte sie sich noch nie mit einem Fremden
unterhalten. Der Mann schien genau wie sie zu denken.
“Es
hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Barbara.” Sie streckte ihre
Hand aus. Der Mann schüttelte sie.
“Thomas,
angenehm. Vielleicht sollten wir irgendwann unser Gespräch
fortsetzen.“
“Heute
abend ist mein Vater im Roten Ochsen, da geht es nicht. Wie wäre es
Morgen in dem Lokal gegen acht Uhr abends?”
“Ich
werde dort sein.”
Barbara
lenkte Ramses auf den Deich zurück, winkte dem jungen Mann noch
einmal zu und ließ das Pferd in einen leichten Trott fallen.
Ihre
Mutter stand mit sorgenvoller Miene auf der Terasse.
“Da
bist du ja, wo hast du denn so lange gesteckt?”
“Das
siehst du doch. Ich muss Ramses noch abreiben. Ach so. Papi isst
heute Abend im Roten Ochsen, damit du Bescheid weißt. “
“Schon
wieder?”, murrte ihre Mutter. “Er sollte damit aufhören. Das
Essen ist doch nur ein Vorwand für seine Sauferei. Denke daran, du
musst noch zur Apotheke.”
Barbara
fuhr mit ihrem alten Opel nach Horsdorp. Ihre Mutter hatte recht, auf
Antidepressiva konnte sie nicht verzichten. Ohne die wäre sie schon
längst in die Wümme gesprungen.
Sie
parkte vor der Apotheke und ging hinein. Barbara sah einige Kunden,
die nach Kopfschmerzmitteln anstanden und von Karin, der Apothekerin
bedient wurden. Ihr Mann verkaufte die anderen Medikamente.
“Fräulein
Ehrlich, Sie sollten es Dr. Bölling sagen. Es gibt jetzt ein noch
wirksameres Mittel gegen Ihre Depressionen. Es heißt Telsac
und setzt sich
aus paroxetin hydrochlorid zusammen.”
Barbara
wurde rot im Gesicht und blickte verstohlen um sich. Die anderen
Kunden taten, als hätten sie nichts gehört.
“Die
genaue Formel ist
(-)-trans-4R(4’-fluorophenyl)-3S-[(3’,4’-methylendioxyphenoxy)
methyl] piperidin hydrocholrid hemihydrat und das Molekulargewicht
ist 374.8. Es hat einen Schmelzpunkt von 120 bis 138 Grad Celsius.
Aber so heiss wird Ihnen wohl nicht werden, “ lachte Böckler und
drückte ihr die Schachtel Prozac in die Hand. Denken Sie daran
Telsac heißt
es, Telsac.”
Barbara
brummte der Kopf. Vielleicht sollte auch sie sich vorsorglich wie
andere Kunden mit Kopfschmerzmitteln eindecken; denn keiner von ihnen
konnte die Apotheke wechseln. Die nächste war etwa dreißig Km
entfernt.
Am
nächsten Abend ging Barbara in die Gaststube des roten Ochsen und
nahm an einem Tisch an der Wand Platz. Es war Samstag, im Festsaal
war Schwof. Sie bestellte ein Glas Rotwein. Vor sich sah sie vier
Personen am Stammtisch sitzen, unter ihnen Heinrich Böckler in
Vertretung seiner Frau, der Apothekerin. Barbara sah, wie Böckler
unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte.
“Ich
glaube, jetzt hat im Festsaal die Polonaise angefangen. Da mache ich
doch lieber mit,” meinte er verlegen und erhob sich. Er legte
zwanzig Euro auf den Tisch, verschwand durch den Eingang und wurde an
diesem Abend nicht mehr gesehen.
Thomas
tauchte auf und sah sich suchend um. Als er Barbara erblickte, setzte
er sich zu ihr.
“Schön,
dass Sie gekommen sind, Barbara. Für mich auch einen Rotwein,”
rief er der vorbeieilenden Bedienung zu.
“Lassen
Sie mich erklären, woran ich zur Zeit arbeite. Vielleicht können
Sie mir helfen.
Haben
Sie schon einmal von Schrödingers Katze gehört?”
Barbara
schüttelte verneinend den Kopf.
Thomas
blickte um sich und sagte leise zu ihr, als sei es ein
Staatsgeheimnis.
“Im
Jahre 1935 schlug der österreichische Physiker ein Experiment vor,
welches bis heute den Übergang von der Quanten-Physik zur
klassischen Physik besonders eindrucksvoll darstellt.
Haben
Sie schon bezahlt, Barbara? Nein? Könnten Sie meinen Wein nachher
bezahlen?”
“Erzählen
Sie weiter, Thomas.”
“Danke.
Schrödinger stellte sich eine Kiste vor, die ein Atom, einen
Geigerzaehler, eine Flasche mit Giftgas und eine Katze enthielt. Er
stellte sich weiter vor, dass das Atom eine 50 % Chance hatte,
während der ersten Stunde zu zerfallen. Wenn das geschähe, würde
der Geigerzähler einen Hebel umlegen, der die Flasche mit dem Gas
zerstörte, das die Katze tötete.”
Barbara
sprang empört auf. “Unerhört!”, rief sie. “Dass du mit
Experimenten zu tun hast, die Katzen töten, hättest du mir nicht
erzählen dürfen.” Sie verließ die Gaststube, ohne sich
umzusehen.
Entgeistert
blickte ihr Thomas nach. Es machte ihn wütend, dass er nun bezahlen
musste, dann verschwand auch er aus dem Lokal. In seiner Wohnung
angekommen, machte er sich an die Arbeit und polsterte die große
Kiste aus, die er sich in der vergangenen Woche zurechtgezimmert
hatte.
In
den nächsten Tagen fühlte sich Barbara unbehaglicher als sonst. Sie
hatte sich über den Computer ihrer Mutter in das Internet eingeloggt
und Informationen über Schrödingers Katze
angefordert.
Ihr war nun klar, dass sie zu heftig reagiert hatte. Es handelte sich
um ein Gedankenexperiment, dass Thomas ihr hatte erklären wollen.
Barbara sattelte Ramses und ritt auf dem Deich zur Schleuse. Nach
einigen Minuten sah sie Thomas, der neben einigen überhängenden
Zweigen seine Angel ausgeworfen hatte und ritt den Deich hinab.
“Hallo
Thomas, schon etwas gefangen?”
“Ja,
zwei Karpfen.”
“Wo
sind sie?”
“In
der Wümme. Ich habe sie wieder zurückgesetzt.”
“Es
tut mir leid, dass ich so heftig reagiert hatte. Jedoch, wenn es um
Experimente mit Tieren geht, dann hört bei mir der Spaß auf.”
“Da
stimme ich zu. Obwohl es nur ein Gedankenexperiment war, hätte
Schrödinger statt einer Katze lieber einen Menschen nehmen sollen.”
Thomas
erhob sich von seinem Hocker und wandte sich Barbara voll zu.
“Das
Konzept von Leben und Tod ist meiner Ansicht nach verkehrt und ich
habe es vor zu beweisen.”
Thomas
blickte Barbara in die Augen. “Mit der Quantenmechanik können wir
zumindest das Gute dem Schlechten gleichsetzen, aber nicht messen. Es
käme zur Dekohärenz und das Schlechte würde sich als das
Schlechte, das Gute als das Gute manifestieren und wieder hätten wir
die klassische Zustandsbeschreibung der Welt, mit der wir nicht zu
Rande kommen.”
Thomas
blickte auf seine Angeln, die in ihren Haltern ruhten, dann sah er
Barbara wieder an.
“Mein
Experiment wird eine epochale Veränderung nach sich ziehen, wie
Menschen Welt und Leben betrachten.
Die
Welt ist zweideutig, nichts ist sicher. Barbara, denken Sie nur
daran, wie Clinton mit den Chinesen umging. Oder unsere
Bundeskanzlerin jetzt. Nie waren sie spezifisch, sondern mehrdeutig.
Das ist quantenmechanische Politik.”
Wasserpflanzen
bewegten sich. Karpfen wurden unruhig.
“Wie
verhält es sich bei einem Atom? Ein Atom kann Teilchen und Welle
sein. Wir sprechen dann von Wellen/Partikel Dualität. Wenn wir es
jedoch messen, kann es niemals Teilchen und Welle gleichzeitig sein,
dann ist es entweder das eine oder das andere.”
Thomas
hatte sich in Fahrt geredet. Sein Blick glitt nervös über das
Pferd. Ramses hatte das Gras schon bis auf einige Millimeter
abgefressen und wurde ungeduldig. Barbara hielt die Zügel fest und
hing an Thomas Lippen.
“Warum,
so frage ich mich, sehen wir die Welt nicht quantenmechanisch? Das
Schlechte würde nicht mehr wahrgenommen, wenn man es nicht misst und
daher würde es für jeden sinnlos, Schlechtigkeit erzeugen zu
wollen. Ist das nicht ein überzeugendes Argument, das für die
quantenmechanische Betrachtung der Welt spricht?”
“Was
kann ich dabei tun?” Ein Windstoß fuhr durchs Schilf. Barbara
schauderte.
“Wir
müssen Schrödingers Experiment auf eine reale Basis stellen.
Giftgas und Tiere benötigen wir nicht. Was wir brauchen, ist eine
Person, die dem Experiment die notwendige Dynamik verleiht, um den
Durchbruch mit dem Paradigmenwechsel zu erzielen. Barbara, ich habe
dabei an Sie gedacht. “
Thomas
kramte in seiner Hosentasche und zog ein bekritzeltes Stück Papier
hervor.
“Hier
ist meine Adresse. Kommen Sie morgen gegen acht Uhr abends in meine
Wohnung. Ich werde Ihnen dort alles erklären.”
Ein
Angel zuckte. Thomas griff nach ihr und kurbelte. Barbara sah
fasziniert zu, wie ein mächtiger Karpfen hin und herschwamm, an der
Schnur riss und sich vom Haken zu befreien versuchte.
Langsam
wurden seine Bewegungen matter und Thomas führte die Angel über
seinen Kescher. Den hob er an und setzte ihn auf die Uferböschung.
Dann nahm er ein Tuch und griff nach dem Fisch, löste ihn vom Haken
und setzte ihn sacht ins Wasser zurück. Er schien Barbara vergessen
zu haben. Die drückte die Hacken in Ramses Weichen und ritt den
Deich empor. Ihr war seltsam zumute. Das Gefühl, was es auch immer
war, es war tausendmal besser als das, was sie all die Tage zuvor
empfunden hatte.
Am
nächsten Abend stand Barbara vor Thomas Wohnungstür und läutete.
Die Tür öffnete sich. Thomas bedeutete Barbara schweigend, ihm zu
folgen. Im Wohnzimmer stand eine große Holzkiste.
“Dies
ist das Experiment. Ich habe es auf open-end angesetzt. Wenn Sie es
auf sich nehmen wollen, Barbara, dann klettern Sie hinein. Danach
werde ich die Kiste verschließen. Sie kann luftdicht sein, oder auch
nicht. Mit anderen Worten. Sie können ersticken oder auch nicht.
Solange die Kiste nicht geöffnet wird, werden Sie beides sein:
Lebendig und Tot. Wenn jemand die Kiste öffnen würde, käme das
einer Messung gleich und man stellte fest, dass Sie leben oder dass
Sie tot sind. Trauen Sie sich dieses Experiment zu?”
Barbaras
Augen glänzten. “Ja, Thomas. Wenn ich dazu beitragen kann, dass
die Welt ein besserer Ort wird, dann bin ich bereit, jedes Opfer zu
bringen.”
Thomas
griff nach einem der Äpfel, die in einer Schale auf dem
Wohnzimmertisch lagen und biss hinein. “Auch einen?” fragte er
Barbara. Sie schüttelte den Kopf.
“Klettern
sie hinein.”
Barbara
stieg in die Kiste und hockte sich hin.
“Machen
Sie es sich dort drinnen bequem. Sie haben sicher gemerkt, dass ich
die Kiste ausgepolstert habe.”
Thomas
holte den Deckel von der Wand und legte ihn auf die Öffnung. Er nahm
den Hammer und ein paar Nägel vom Tisch, klopfte diese in den
Kistendeckel hinein.
Thomas
legte den Hammer an seinen Platz und verließ die Wohnung.
Als
Barbara am Abend nicht nach Hause kam benachrichtigten die Eltern die
Polizei. Halb Horsdorp war auf den Beinen und nahm an der Suchaktion
teil, die sich hauptsächlich auf das Gebiet um die Wümme
erstreckte. Suchtrupps durchkämmten die Gegend am Fluss. Danach
nahmen sie sich Weiden und Wälder vor.
Nach
zwei Tagen wurde die Suche abgebrochen. Einige Tage später fiel der
Bedienung des Roten Ochsen
der junge Mann ein, der für kurze Zeit in der Gaststube mit Barbara
zusammen gesessen hatte. Am darauffolgenden Morgen standen zwei
Polizisten vor Thomas Wohnung.
“Guten
Tag, wir suchen Barbara Ehrlich. Wissen Sie, wo sie sich aufhält?
“Ja,
das weiß ich.”
“Können
Sie uns sagen wo?”
“Das
kann ich.”
“Mann,
spannen Sie uns nicht so auf die Folter. Sagen Sie endlich wo sie
ist.”
“Bitte
folgen Sie mir.”
Die
Polizisten folgten Thomas in das Wohnzimmer. Thomas zeigte auf die
große Kiste. “Hier ist sie.”
“Machen
Sie die Kiste auf!”
“Das
mache ich nicht. Es würde unser Experiment entwerten.”
“Was
für ein Experiment, in Dreiteufelsnamen? Sie machen jetzt die Kiste
auf!”
“Es
ist Schrödingers Experiment mit der Katze in abgewandelter Form. Ich
habe dafür einen Menschen genommen. Barbara hatte sich bereit
erklärt, mich bei diesem Versuch zu unterstützen.
Sehen
Sie, solange die Kiste nicht geöffnet wird, lebt Barbara und ist
auch gleichzeitig tot. Wir können jetzt nicht sagen, ob sie lebt
oder tot ist.”
Thomas
deutete auf die Kiste. “Das ist auf jeden Fall besser für Barbara
als ihr vorhergehender Zustand, als sie nur lebte. Wie oft hatte sie
sich dann gewünscht, sie sei tot. Nun ist sie beides.”
Einer
der Polizisten pochte gegen die Kiste. “Fräulein Ehrlich, hier ist
die Polizei. Hören Sie mich?”
“Ich
hole ein Brecheisen aus dem Wagen,” meinte der andere.
Dieser
Vorfall war Stammtischthema der nächsten Wochen. Die vier Herren
diskutierten hitzig das Für und Wider der Quantenmechanik. Böckler
redete sich bisweilen so in Fahrt, dass er des Samstags die Polonaise
verpasste. Er hatte sich vorgenommen, an einem der nächsten Tage
Thomas in der Psychiatrischen Klinik von Dünkelskirchen zu besuchen.
Zum einen war er daran interessiert, mehr über den Hergang zu
erfahren, der zu der Tat geführt hatte, zum anderen hatten sie ein
neues Medikament in der Apotheke, welches alle klinischen Tests in
der Psychiatrie mit fliegenden Fahnen bestanden hatte. Er zögerte
jedoch, es für Thomas vorzuschlagen. Vielleicht war etwas dran an
dessen Theorien. Wäre es nicht besser, sie noch einmal zu testen?