Im
Roten Ochsen war
es laut geworden. Anna sah vom Tresen hoch, als vom Stammtisch
Gelächter herüberdrang. Den Gerd Beimer hatte sie schon lange nicht
mehr so aufgekratzt gesehen. Der Lehrer redete ununterbrochen und
Anna hätte gern gewusst, worüber. Sie blickte zum Wirt, der die
Pilse zapfte, dann sah sie wieder zum Stammtisch hinüber. Seit dem
Fiasko mit Otto, dem Busfahrer, der ihr eines Nachts den
Sternenhimmel zu erklären versucht hatte, war ihr klar geworden,
dass sie sich mehr dafür interessieren musste, was in der Welt vor
sich ging. Sie nahm das Tablett mit den Biergläsern und ging zum
Stammtisch hinüber. Während sie ein Glas nach dem anderen absetzte,
hörte sie wie Beimer etwas von Dimensionen erzählte. Was war denn
das nun wieder? Kopfschüttelnd
ging Anna wieder zum Tresen zurück.
“Man
sollte nicht glauben, dass ein Klassiker aus dem Jahre 1884 auch
jetzt noch so modern sein würde. Ich habe ihn als Text fuer den
Englischunterricht genommen, weil ich meine, dass er die Phantasie
der Schüler anregt und ihren Verstand öffnet für Dinge, die wir
mit unseren heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geistig noch
nicht erfassen koennen.
Stellen
Sie sich doch einmal vor, meine Herren,” fuhr Beimer fort, “der
Abbott beschrieb mit seinem Roman Flatland eine zweidimensionale
Welt, d.h. eine Welt, die nur lang und breit war und keine Höhe
kannte. Auf ihr gab es nur Geschöpfe, die entweder gerade Linien
waren oder Dreiecke, Vierecke, Fünfecke, Sechsecke oder Vielecke.”
“Ich
habe davon gelesen,” meinte Heinrich Böckler. “Ganz zum Schluss
taucht aus einem dreidimensionalen Raum eine Kugel auf und bringt das
Weltbild des Erzählers durcheinander. Stimmts oder hab ich Recht?”
“Richtig,”
erwiderte Beimer und griff nach dem Bierglas. “Doch wie die
Personen der zweidimensionalen Welt beschrieben wurden, das ist schon
beachtlich, wenn auch nicht mehr zeitgemäss. Die Frauen zum Beispiel
standen in der Hierarchie ganz unten und bestanden daher nur aus
einer geraden Linie. Wenn sie einer anderen zweidimensionalen Person
ihren Rücken zuwandten, waren sie nur als Punkt zu sehen, der fast
unsichtbar war.”
“Ich
glaube, ich muss das Buch mal lesen.” Dorfvorsteher Schulze lachte
glucksend. “Vielleicht kann ich daraus ersehen, wie ich meine Frau
ebenfalls unsichtbar machen kann. Ein Strich in der Landschaft ist
sie ja schon.
Oder
seht euch doch unseren Heinrich an. Wenn der Lisa Lammer sieht, die
Frau unseres Autohändlers, dann befindet auch er sich in einer
anderen Dimension.”
“Nicht
zu sprechen von einem bestimmen Körperteil, dessen Dimension sich
auch verändert hat,” meinte Schlachter Grosskopf trocken und haute
mit seiner Pranke auf den Tisch.
“Anna,
noch mal vier Bier!”
“Nun
macht mal halblang.” Böckler blickte gequält in die Runde. “Es
ist doch gar nicht so abwegig, dass es noch mehr Dimensionen gibt,
als die, die wir kennen.”
“Was
haben wir nun davon?” Schulze strich sich ueber seinen Bart. “Wenn
wir sie nicht kennen, dann kennen wir sie eben nicht. Prost.”
Schulze hob das Glas und trank sein Bier aus.
“Es
gibt da so eine Theorie, die String Theorie, in denen Partikel wie
Saiten das Universum durchziehen und zum Schwingen gebracht werden.
Aber es bringt nichts,” winkte Boeckler ab, “das hier zu
vertiefen, zumal ich selbst nur zehn Prozent davon kapiert habe. Nur
ein Beispiel: Kenntnisse von weiteren Dimensionen könnten es möglich
machen, mit einer vielfachen Lichtgeschwindigkeit das Universum zu
durchqueren.”
“Das
wäre doch was, wenn ich mit dem Englischbuch einen Denkanstoss geben
könnte, dass vielleicht der eine oder andere Schüler in dieser
Richtung weiterforscht. Was sagen Sie dazu Anna?” Beimer lehnte
sich in seinen Stuhl zurueck und lächelte Anna zu, die ihre
Biergläser ablud.
“Ich
weiss nicht recht.” Anna blickte von einem zum anderen. “Das ist
mir alles zu hoch. Ich glaube ich habe noch viel zu lernen.”
“Machen
Sie sich nichts draus,” beruhigte Beimer sie. “Wir haben auch
keine Ahnung. Ich hatte ueber ein Buch von Edwin A. Abbott, einem
englischen Lehrer, berichtet, das er 1884 unter dem Pseudonym A.
Square, das heisst A.Quadrat, veroeffentlicht hatte. Das Buch trägt
den Namen Flatland, A Romance
of Many Dimensions, auf deutsch wohl Flachland, Ein Roman vieler
Dimensionen.”
Beimer
blickte zu Anna auf, die steif an ihrem Tisch stand. “Wenn Sie
wollen, drucke ich Ihnen ein Exemplar aus. Das Buch gibt es
kostenfrei im Internet.”
Annas
Gesicht rötete sich leicht. “Danke, aber ich kann kein Englisch.”
Verwirrt lief sie mit dem leeren Tablett zum Tresen zurueck.
An
ihrem nächsten freien Tag sass Anna in Ottos Autobus, ganz vorn auf
der ersten Bank, und liess sich von ihm nach Dünkelskirchen fahren,
um die kommunale Bibliothek zu besuchen und sich bei der
Volkshochschule einschreiben zu lassen.