Wie
die Zeit läuft. Schon wieder Herbst, und in Horsdorp an der Wümme
prasselte Regen gegen die Butzenscheiben des „Roten Ochsen“, in
dem sich zwei grantelnde Bauern bei einem Bier über ihre Frauen
unterhielten, während das Schlagzeug einer Band vom Tanzsaal
herüberhämmerte.
Die
Kapelle spielte etwas Langsames. An einem der Tische saß Peter
Grützmann und stierte auf die Frau seiner Träume, die sich mit
ihrem Mann auf der Tanzfläche drehte, und er sang mit: „Me and
Mrs. Jones, we got a thiiiiing going on.”
Er
hörte nicht, wie der Wirt rief: „Hallo Iggy! Am Tisch neben der
Säule sitzt dein Freund Grützmann und himmelt Lisa Lammer an.“
“Alter,
das ist nicht Mrs. Jones. Das ist Frau Lammer, die dort tanzt.“
Plötzlich stand neben Grützmann ein junger Kerl, strich sich über
das gegelte Haar, wackelte mit den Hüften und sang: „Here comes
Johnny Yen again with the Liquor and Drugs and the flesh machine.“
“Iggy!“
Grützmann sprang auf. „Wann habe ich dich das letzte Mal gesehen?
Jahre ist das her. Setz dich, Mann!“ Er drückte Iggy auf einen
Stuhl, ließ sich auf seinen Sitz fallen und sah wieder auf die
Tanzenden. „Sie lächelt mich an“, stöhnte er.
„Du
bist nicht der einzige.“ Iggy räkelte sich. Der Messingknopf an
seiner Nase funkelte.
„Lisa
Lammer ist ein Leuchtfeuer“, fuhr er fort. „Sie rotiert und
blinkt die Männer an. Achte mal auf die in ihrem Blickfeld.“
Auf
deren Gesichtern war ein idiotisches Grinsen zu sehen, dass wieder
verschwand, sobald sich Frau Lammers Blick nicht mehr auf sie
richtete.
“Du
meinst....”. Grützmann war wie betäubt.
„Genau,
und dabei hast du dich so fein gemacht. Den Konfirmationsanzug wieder
aufgebügelt?“ Iggy kicherte und stand auf: „Gehen wir in die
Gaststube.“
Wie
benommen folgte Grützmann und bestellte zwei Bier bei der Bedienung,
die mürrisch hinter der Theke stand.
„Und
ich dachte, sie hätte nur mich angelächelt.“ Grützmann starrte
in sein Bier. Dann sah er hoch. „Wo hast du die ganze Zeit
gesteckt?“
„Physik
studiert, in Dünkelskirchen, und nebenbei...“ Iggy prostete
Grützmann zu. „Nebenbei habe ich eine Zeitmaschine gebaut.“
„Ich
glaube, ich gehe wieder nach drüben“, bemerkte Grützmann. „Was?
Zeitmaschine? Schön wäre es. Ich gäbe dir die Hälfte von 1000
Euro, wenn du in die Vergangenheit reist und meinen Großvater
umbringst, bevor er Kinder gezeugt hat. Die andere Hälfte bekämst
du, wenn du zurückgekommen bist.“
„Was
für ein Trickser.“ Iggy grinste. „Grützmann, dann existierst du
doch gar nicht und das wolltest du doch, oder? Dann,“ überlegte
er, „könntest du mir dein ganzes Geld geben.“ Iggy erhob sich.
„Du hast dich in eine verheiratete Frau verliebt. Ist dir noch zu
helfen? Ich habe nicht viel Zeit. Ich zeige dir den Apparat am besten
gleich. Komm mit. Ist nicht weit.“
Iggy
führte ihn zu einer Scheune, die leer war bis auf ein Drahtgestell,
das, wenn man seine Phantasie spielen ließ, an das Stargate
erinnerte.
„Dieser
Ring da?“, fragte Grützmann. “Das ist alles?“
„Die
Intelligenz steckt in meinem Notebook.“ Der Ring war durch Kabel
mit einem Laptop verbunden, der auf einem Klapptisch ruhte.
“Sie
quantifiziert die Zeit“, fuhr Iggy fort. „Ich mache es simpel.
Zeit ist eine in unendliche Anzahl von Möglichkeiten gesplittete
Dimension, die in jedes Lebewesen dringt und es als Strang in Form
der berechenbaren Vergangenheit verlässt.“
„Und
wenn man Objekte durch schickt“, Grützmann zeigte auf den Ring,
„verschwinden diese? Perfekte Lösung zur Müllbeseitigung. Die
Kommune schiebt ein Förderband zur Hälfte durch den Ring. Würde
das funktionieren?“
„Probieren
wir es aus.“ Iggy verschwand nach draußen, kam mit einer
Eisenstange zurück, ging zum Ring und schob sie zur Hälfte
hindurch. Iggy wurde in die Luft geschleudert. Die Stange verschwand.
„Mann,
wenn ich die Stange nicht losgelassen hätte... . Was den Vorschlag
mit dem Müll betrifft. Alles, was hinter dem Ring verschwindet,
kommt nach einigen Stunden wieder zurück. Würde das nicht
passieren, wäre es trotzdem sinnlos, denn die Erde wäre in unserer
Zeit längst zugemüllt.“
„Wo
und wann lande ich, wenn ich durch den Ring steige?“
„In
Horsdorp und um die Zeit herum, die ich in den Bildschirm eingegeben
habe“, antwortete Iggy. „Es ist ein Quantum Computer.“ Iggy
zeigte auf den Laptop. „Der kann gar nicht exakt arbeiten. Würde
er das tun wollen, funktionierte er nicht. Das ist doch wie bei
eurer, ähm, ich meine bei unserer Bundeskanzlerin. Als Physikerin
kennt sie die Quantenmechanik. Je genauer ihre Aussagen sind, desto
weniger funktioniert ihre Politik.“
„Cool.“
Grützmann kratzte sich am Kopf und stellte sich vor den Ring. „Kann
ich da mal durchgehen? Ich komme doch wieder zurück, oder?“
„Ich
habe noch nie einen Menschen durch geschickt. Aber Mensch oder
lebloses Objekt. Das Gesetz ist für alle gleich.“ Iggy lachte.
„Das physikalische.“ Er machte sich am Computer zu schaffen.
„Ich
stelle ihn auf minus 60 Jahre ein. Wenn du nicht innerhalb von 6
Stunden wieder zurückkommst, hast du deinen Großvater umgebracht.“
Grützmann machte einen Schritt vorwärts.
Die
träg dahin fließende Wümme war das erste, was er sah. Er stand auf
dem Deich. Es war neblig und Grützmann erblickte mit Mühe Blüten
und Konturen der Apfelbäume. Er lief den Abhang hinab, kletterte
über ein paar Zäune und machte sich auf den Weg in die Stadt. Auf
den ersten Blick hatte sich an der Dorfstraße nichts verändert. Er
sah den Roten Ochsen, doch dann ein paar Birken und hohes Gras, wo
das Autohaus Lammer hätte stehen müssen. Grützmann dachte an Lisa
und seufzte, bewegte sich auf die Kirche am Marktplatz zu. Daneben
musste sich das Fahrradgeschäft befinden, das sein Vater vom
Großvater übernommen hatte. Er sah einen Blumenladen.
Grützmann
setzte sich auf eine Bank. Die Zeit sei wie ein Gummiband, hatte Iggy
gesagt, und würde ihn in wenigen Stunden zurückholen. Seinen
Großvater umzubringen, nur damit er selbst aus dem Leben
verschwinden konnte, war vielleicht doch keine so gute Idee. Zumal es
seinen Vater dann auch nicht mehr gäbe. Und was würde dann aus dem
Fahrradgeschäft?
Ein
junger Mann setzte sich neben ihn und packte sein Brot aus.
„Hallo.“
Grützmann erwiderte den Gruß.
„Neu
hier?“
„Zur
Hälfte.“ Der Nebel versteckte sich zwischen den Apfelbäumen. Die
Sonne brannte.
„Ich
war schon in Horsdorp“, erklärte Grützmann. „Aber nicht zu
dieser Zeit.“
„Hier
ändert sich nichts.“ Der Junge biss herzhaft in die Stulle. „Bis
jetzt. Sehen Sie das Blumengeschäft dort?“ Eine Weile sagte er
nichts, verzehrte sein Brot.
Er
fuhr fort: „Der Besitzer macht dicht und geht in Pension. Ich
übernehme den Laden und verkaufe dann Fahrräder.“ Der Junge stand
auf, sagte: „Ich muss jetzt los“, und ging.
Grützmann
blieb das Wort im Hals stecken. Er sah dem Jungen nach. War das sein
Großvater? Die Uhr zeigte ihm, dass drei Stunden vergangen waren,
und er ging zum Deich zurück. Der Nebel machte sich bemerkbar, wurde
dichter. Er stieg die Anhöhe hoch, ging nervös auf und ab. Meisen
landeten auf dem Schilf, flogen davon. Mücken tanzten über dem
Wasser, Frösche quakten, Wasserhühner schwammen in Ufernähe herum.
Aus dem Nebel trat eine weibliche Gestalt hervor. Ihr Gesicht war
bleich. Sie trug das Kleid, das er an ihr bewundert hatte.
„Frau
Lammer!“ Grützmann errötete.
„Oh!“,
rief die Frau. „Sie sind doch der junge Mann, der bei Schlachter
Großkopf arbeitet!“
„Der
bin ich,“ strahlte Grützmann. „Doch wie sind Sie in diese Zeit
gekommen?“
„Ach“,
antwortete Lisa. „Mein Mann war im Tanzsaal eingeschlafen und dann
kamen die jungen Männer auf mich zu. Aus allen Richtungen. Es waren
so viele. Ich war wie gelähmt. Plötzlich stand Ihr Freund Iggy
neben mir und bot an, mir seine Zeitmaschine zu zeigen. Er war mein
Retter; denn nun bin ich bei Ihnen.“
Ein
„Oh“ entfuhr Grützmann. „Ich heiße Peter.“ Er trat näher
an Lisa heran. „Wissen Sie, dass wir nach einigen Stunden wieder in
unsere Zeit zurück fallen, in der ich Sie nur aus der Ferne anbeten
kann?“
„Das
ist so lieb, wie du das sagst, Peter.“ Lisa schmiegte sich an ihn.
„Küss mich.“ Sie hob ihm ihr Gesicht entgegen. Dann stand er
plötzlich auf dem Marktplatz.
Eben
schien noch die Sonne. Nun kam der Mond hinter den Wolken hervor, und
die Häuser glotzten Grützmann mit erleuchteten Fenstern an. Er
rannte los. Bis zur Scheune waren es nur zehn Minuten. Er wollte zu
Lisa, er wollte durch den Ring. Die Scheune war leer, als habe es
Iggy und seine Zeitmaschine nie gegeben. Grützmann fluchte und
schlurfte mutlos auf Schlachter Großkopfs Haus zu, in dem er ein
Zimmer bezogen hatte, wo er diese Nacht keinen Schlaf fand.
Am
nächsten Morgen kam Lisa in die Schlachterei. Sie trug Mantel,
Sonnenbrille, die nur mühsam die Schwellungen darunter verbarg, und
bestellte Gemischtes Hack. Grützmann packte noch zwei Steaks dazu
und flüsterte: „Sie wissen schon wofür.“
100
Jahre später hielt Iggy ein paar CDs in der Hand „Drei coole Alben
von Iggy Pop. Spielen wir sie, solange sie da sind.“ Und schon
dröhnte der „Passenger“ durchs Labor. „I´m the Passenger, and
I ride and I ride... .“
„Hast
du deinen Großvater gefunden?“, fragte ein Kollege.
„Er
war nicht in Horsdorp. Er studierte in Dünkelskirchen. Ich wollte
ihm die Zeitmaschine zeigen, ihn stolz machen und ihm sagen, mit was
für tollen Genen er ausgestattet war. Dafür traf ich dessen Freund,
dem ich zu einem Abenteuer verholfen habe, das er nicht vergessen
wird.“