Coversong Roads

Visualizzazione post con etichetta Literatur. Mostra tutti i post
Visualizzazione post con etichetta Literatur. Mostra tutti i post

domenica, novembre 01, 2026

Kurzgeschichte: Sprung nach vorn


 

Es war ein trüber Tag. Dunkle Wolken hingen über der Landschaft. Kevin Mallory stoppte seinen Cadillac vor der Ampel. Scheibenwischer klackten. Müde blickte er aus dem Wagenfenster. Ein Schwarm Krähen stob aus einem Kastanienbaum  empor und liess sich auf einem Acker nieder.

  Die Ampel schaltete auf grün und Kevin bog auf die Scuffletown Road. Ein paar Meilen weiter verengte sich die Strasse und endete vor einer Schranke. Am Gitterzaun ein Schild mit der nichtssagenden Aufschrift ‘AL-Institute’. Ein Wachmann in Uniform. Kevin liess die Scheibe herunter und hörte: “Guten Tag, Dr. Mallory. Einen schönen Tag noch.” Die Schranke hob sich und Kevin fuhr noch ein paar hundert Yards, an gepflegten Rasenflächen, an Bäumen vorbei. Kevin stellte seinen Wagen ab und sah die parkenden Wagen.

  “Verdammt, ich bin der letzte,” murmelte er, griff nach seiner Tasche und hastete  am Wachmann im Foyer vorbei, eilte durch ein paar Korridore und riss die Tür zum Konferenzraum auf. Frauen und Männer standen im Raum, unterhielten sich. Andere schenkten sich Kaffee ein, dann gab es die auf ihren Plätzen, die in die Luft starrten. Akademiker, so sagten die Namensschilder.    

  Ein seriös wirkender, grauhaariger Herr hielt seine Brille gegen das Licht,   putzte sie und rief in die Menge. “Meine Damen und Herren. Ich meine wir sollten jetzt anfangen.”

  Er stellte sich vor. “Ich heisse George McLoyd und habe einige Kollegen von der Regierungskommission für neue Technologien mitgeschleppt, um sie an den Ergebnissen teilhaben zu lassen, die Sie uns nun präsentieren wollen. Bitte sehr.”

  Geräuschlos senkten sich die Fensterjalousien. Deckenlampen tauchten den Raum in gedämpftes Licht. Bill Brown ging zur Projektionswand.

  “Unser Forschungsobjekt, Artificial Life, das Künstliche Leben, ist an einem Scheideweg angekommen. Es stehen uns interessante Zeiten bevor.”

  Browns Brillengläser blinkten im matten Schein des Projektors. “Sie erinnern sich, in der siebziger Jahren startete Marvin Minsky einen Versuch mit AI, der Künstlichen Intelligenz. Entscheidungsprozesse sollten auf dem Computer abgebildet und optimiert werden. Hierdurch wurde ein Problem sichtbar, das der Wissenserhebung und –speicherung.

  Wissen ist zu komplex in seinen diversen Ausprägungen. Wie Minsky sagte: “Vögel können fliegen, es sei denn, es sind Pinguine oder Strausse, sie sind tot, haben gebrochene Flügel, befinden sich in Käfigen, ihre Füsse stecken in Zement oder sie haben so schlimme Erfahrungen gemacht, dass sie psychologisch dazu nicht mehr imstande sind.

  Mit AL haben wir die Hürde genommen. Das Programm, welches wir entwickelt haben, ist lernfähig, imstande, Wissen auf hierarchischen Ebenen aufzunehmen,  zu verarbeiten und Entscheidungsvorbereitungen zu erstellen. Folgendes schlagen wir vor:”

Brown zauberte mit der Fernbedienung ein neues Computerbild auf die Leinwand.

 

“

·         Einsatz des Programmes in jedem bundes- und staatseigenen Computer .

·         Angebot an den Bürger, an einem P2P, also einem Peer to Peer-Versuch teilzunehmen.

Dadurch werden zwei Dinge erreicht:

1.       Erweiterung der Wissenserhebung mit Hilfe der Benutzer-Computer.

2.       Nutzung ihrer Maschinenzeit im Computer-Verbund.

·         Verbund sämtlicher bundes- und staatseigenen Computer über Hochgeschwindigkeitsleitungen.”

 

  Brown blickte in die Runde, dann brachte er eine neue Grafik auf die Leinwand.

  “Diese Massnahme soll uns dazu bringen, herauszufinden, welches Resultat aus der Wissensverarbeitung entsteht.

  Sicher ist Ihnen bekannt, dass diejenigen, die sich mit AL beschäftigen, in zwei unterschiedlichen Lagern stehen. Auch in unserem Institut:

 

1.      Komplexe Entscheidungsprozesse können auf einfache Sachverhalte reduziert und durch simple Formeln ermittelt werden.

2.      Komplexe Entscheidungsprozesse finden in offenen Systemen statt, ändern sich ständig und sind daher nicht vorhersehbar.

 

  Die im täglichen Alltag eingesetzte Software wird uns Auskunft geben, welche These gültig ist. Mit Hilfe des AL-Programmes kommen wir unserer Zielsetzung einen bedeutenden Schritt näher, das Leben des Bürgers in unserem grossen Land zu schützen und seine Lebensqualität zu erhöhen. Gott segne Amerika!”

  Brown schaltete den Projektor aus und ging an seinen Platz zurück.

  Mit allen Wassern gewaschen, dachte Kevin bewundernd. Den letzten Satz für die rechtsgewirkten Republikaner in der Kommission.

  “Dr. Brown, vielen Dank,” meldete sich McLoyd wieder zu Wort. “Wir sollten jetzt die Diskussion eröffnen. Meine Frage an Sie: Können wir davon ausgehen, dass die Software sicher ist?”

 

  Kevin harrte an seinem Platz aus. Als die Diskussion beendet war, hatte er das Empfinden, die Kommission stünde ihrem Vorhaben positiv gegenüber, und es würde eine AL-Initiative der Regierung geben mit dem Ziel, Gelder bereitzustellen und ihre Vorschläge umzusetzen.

 

  In der Tat. Nach einigen Monaten gab es grünes Licht für den Einsatz der Software. Kevin hatte dafür gesorgt, dass das erste und das dritte der drei Robot-Gesetze Isaac Asimovs auch für die einzusetzende AL-Software Gültigkeit hatte. Die drei Robot-Gesetze lauteten:

 

·         Ein Robot darf keinen Menschen verletzen oder zulassen dass ein Mensch verletzt wird.

·         Ein Robot muss jeden Befehl eines Menschen ausführen, so lange er nicht gegen das erste Gesetz verstösst.

·         Ein Robot muss sich schützen, es sei denn, dies verstiesse gegen das erste oder gegen das zweite Gesetz.

 

  Nun, die AL-Software war natürlich nicht dazu da, jedem Hacker zu gehorchen. Daher kam das zweite Gesetz für die Computerprogramme nicht in Betracht.

 

  Schon bald zeigten sich erste positive Auswirkungen im Nationalen Verteidigungssystem und in anderen Bereichen:

·         Armeelaser schossen eine simulierte Interkontinental Rakete nach der anderen, sowie obsolet gewordene Satelliten ab

·         Es wurde ein Impfstoff gegen den Rinderwahnsinn entwickelt

·         Fortschritte in der Krebsbekämpfung

 

  Die Regierung konnte mit Genugtuung feststellen, dass die U.S. ihren wissenschaftlichen und technologischen Vorsprung rasant erweiterten. Das AL-Institute jedoch verlor an Bedeutung, konnte die Entwicklung nur registrieren, nicht steuern. Es wurde ihm unmöglich, die vielfältigen Aktivitäten des AL-Programms zu überwachen, das fortwährend neue Informationen gewann und sich autonom weiterentwickelte. Die Institutsmitarbeiter irrten frustriert durch die Gänge, konferierten unablässig auf der Suche nach neuen Aufgaben.

 

  Der rötliche Schein der untergehenden Sonne warf Reflexe auf den gekachelten Boden des Speisesaals. Browns Silhouette hob sich dunkel gegen das einfallende Licht ab. Einsame Gestalt an einem der langen Tische, vor sich einen Becher Kaffee, und er blickte in die Leere.

  “Ein anderer Tag, ein anderer Dollar.” Kevin setzte sich zu ihm. “Nachdem alles so schön läuft. Was machen wir jetzt?”

  Brown, dessen dunkle Haare zu einem Pony zurückgeschnitten waren, blickte missmutig hoch. “Obwohl es gut aussieht, habe ich ein mulmiges Gefühl. Das Parkett ist sehr glatt, auf dem wir stehen. Ist dir klar, dass inzwischen sämtliche Bürger erfasst werden, ohne dass es jemand merkt oder dagegen protestiert?”

  “Wieso das?” fragte Kevin.

  “Gestern musste ich meinen Führerschein erneuern. Die Daten auf dem Antrag werden nicht mehr eingetippt, sondern gescannt. Zu diesen Daten gehören auch meine Fingerabdrücke, die mit blossem Auge nicht, aber für den Scanner  erkennbar sind. Für die Formulare benutzen sie speziell beschichtetes Papier.”

  “Donnerwetter.” Kevin schlürfte nachdenklich seinen Kaffee. “Da gibt es einen Zusammenhang mit der BSE-Impfung, zu der jeder aufgerufen wurde. Dort nehmen sie Blut ab, um es auf BSE zu testen, wie sie sagen. Ich wette, dass sie die DNA automatisch speichern lassen.”

  Brown sah Kevin an. “Wir sollten die letzten Aktionen auf sich wiederholende Muster und Trends überprüfen. Wie nennen wir es? Zauberlehrling-Syndrom? Die Programme lassen sich nicht entfernen, ohne dass wir sämtliche Computer abschalteten.”

 

  Doch sie kamen nicht von der Stelle. Das Programm war inzwischen zu komplex geworden. Ständig wurden Teile auf andere Computer ausgelagert, so dass inzwischen auf der hauseigenen Maschine nur ein Bruchteil des Gesamtprogrammes lief. Die Spuren an Information, die sich ihnen offenbarten, reichten jedoch aus, sie nervös zu machen.

  “Was meint das Programm mit Reziprozität?” fragte Kevin in den Raum hinein. Er sass vor seiner Tastatur, blickte auf den Bildschirm und fluchte vor sich hin. Ihm fiel es schwer, aus einem Lademodul etwas herauszulesen.

 “Nun mal langsam,” meinte Lisa, die neben ihm sass. Sie lächelte ihn an. “Durch Fluchen wird es auch nicht besser.”  Lisas, ein niedlicher Kobold. Kleine Stupsnase, grüne Augen und rotblonder Haarschopf. Ein Glück, dass es so etwas wie Lisa gibt. Kevin fühlte sich wohl in ihrer Nähe. Und sie war tüchtig, hatte einen scharfen, investigativen Verstand

  “Dann erzähl mal. Was ist hier mit Reziprozität gemeint?”

  “Gegenseitigkeit. Tust du mir was gutes, tu ich dir was gutes. Ich weiss nur noch nicht, in welche Zusammenhänge das Programm dieses Konzept einstellen will.”

 

  Nach einigen Monaten wurde es in Ansätzen sichtbar. Die Regierung folgte den Empfehlungen der Regierungskommission für neue Technologien, setzte in laufender Folge die Vorschläge der AL-Software in die Praxis um.

  Die komplette Automatisierung von Produktion und Verwaltung in Grossbetrieben war einer von ihnen, bei Entlassung der Arbeitskräfte unter Beibehaltung von Lohn- und Gehaltszahlung. Aktien wurden in Anteilsscheine umgewandelt, die eine jährliche Dividende versprachen. Der Spekulation wurde  der Boden entzogen, sämtliche Produktionsmittel nach und nach in gesellschaftliches Eigentum überführt. Das kapitalistischste Land der Welt wurde in kommunistisches umgewandelt.

  Regierung, Senat, Repräsentantenhaus, Volks- und Betriebswirtschaftler, Arbeiter, Angestellte, Bauern, Lehrer, Schüler sahen fassungslos, wie ihr Land in einer lautlosen Revolution von Computern übernommen wurde. Der Umbruch ging nicht reibungslos vonstatten. Es gab Verwerfungen. Millionen fanden sich plötzlich auf der Strasse wieder, ohne Tätigkeit, die ihrem Leben einen Sinn gegeben hatte. Revolten flammten auf, die von der Nationalgarde schnell im Keim erstickt wurden.

  Die Menschen hatten keine Chance, dagegen anzugehen. Sämtliche Mikroprocessoren bis hin zu denen in der Waschmaschine oder in den Autos waren von der AL-Software übernommen worden. Sie waren ihr ausgeliefert. Gewerkschaften wurden aufgelöst. Gegen wen sollten sie die Rechte der noch tätigen Arbeitskräfte geltend machen? Gegen Mikroprocessoren?

 

  Für Kevin, Brown, Lisa und die anderen Mitarbeiter des AL-Institutes machte es keinen Sinn, ihren Arbeitsplatz aufzusuchen. Sie taten es trotzdem. Die Wachmänner versahen ebenfalls noch ihren Dienst. Auch ihre Anwesenheit war nicht mehr erforderlich. Was taten die Programme? In welche Richtung entwickelten sie sich weiter? Niemand wußte es. Ein Sprung von Komplexität zur Perplexität.

  Der Fernseher in der Kantine war eingeschaltet. Brown und seine Mitarbeiter sahen Nachrichten. Das Parlament hatte sich aufgelöst. Gesetze wurden nunmehr von Maschinen gemacht. Die Regierungskommission für neue Technologien hatte die Aufgabe übernommen, die Dekrete der Computer so darzustellen, als ob sie von ihr stammten. Die neuen Beschlüsse waren:

 

  “Es wurde heute entschieden, dass jeder U.S. Bürger die Chance hat, sich weiter um die Gesellschaft verdient zu machen. Diejenigen, die noch in Arbeit stehen, gehören zu jenem Kreis. Aber auch Bürger ohne Arbeit haben die Gelegenheit, Punkte zu sammeln und in den Genuss von staatlichen Privilegien zu kommen, wenn sie einen positiven Beitrag leisten. Dazu gehören folgende Aktivitäten:

 

·         Weiterbildung und erfolgreiche Ablegung von Prüfungen

·         Kunstausübung wie

·         Poesie, Romane, Kurzgeschichten

·         Bildhauerei

·         Malerei

·         Musik

·         Theater

·         Film

·         Hörspiel

·         Forschung und Entwicklung

 

  Künstler sind dazu angehalten, ihre Ergebnisse binnen eines Monats in ihren PC einzuscannen, so dass AL-Programme sie beurteilen können. Kunstwerke müssen originell sein. Plagiate führen zu Minuspunkten.

 

  Sollte von Komponenten der nichtarbeitenden Bevölkerung binnen eines Monats kein positiver Beitrag geleistet worden sein, so sind diese angehalten, ihren Wagen gegen einen Roller umzutauschen, auf dass jedem Bürger ersichtlich ist, dass dort ein Trittbrettfahrer fährt, der an der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft keinen Anteil hat.  Ihre Bezüge werden auf das Minimalgehalt heruntergestuft.

  Privilegien hingegen bestehen aus neuen Wagenmodellen, Anteilsscheinen an Produktionsmitteln, Information über wissenschaftliche Entdeckungen der AL-Programme, Zugang zu Kunstausstellungen und Konzerten, in denen auch die Werke der AL-Programme zu sehen und zu hören sein werden und vieles andere mehr.

  Im Anschluss an diese Mitteilung bringen wir nun das Konzert “5. Dimension”, komponiert von AL, gespielt von den Philharmonikern Philadelphias unter der Leitung von AL-Robot XZ5001. Viel Vergnügen.”

 

  Brown nahm die Fernbedienung vom Tisch und versuchte den Fernseher auszuschalten. “Verdammt, was ist los?” Brown drückte ein weiteres Mal auf die Taste. Der Fernseher blieb aktiv. Brown druckte auf Programm 2, dann auf 3 und auf 4. Überall das gleiche Fernsehprogramm.

  Kevin kratzte sich am Kopf. “The shit hits the fan. Damit haben wir uns was eingebrockt. Diesen Laden können wir dichtmachen.”

  Lisa lehnte sich zurück und starrte an die Decke. “Die Programme sind extrem neugierig. Geschlossene Systeme interessieren sie nicht. Das war gut für nicht intelligente Programme. Darüber sind sie hinaus. Was sie wollen, ist Originalität, etwas was sie nicht vorherbestimmen können. Sie benötigen Stoff, originellen Stoff, um herauszufinden, warum sie selbst nicht darauf gekommen sind.

  Leute, die sich darauf nicht einlassen wollen oder können, müssen eben mit diesem Roller durch die Gegend fahren. Sie sind berechenbar und damit für die Programme uninteressant. Hätten wir nicht die Asimovsche Regel eingebaut, würden sie eliminiert werden.”

 

  “Was ist mit krimineller Originalität?” fragte Kevin. “Keine Ahnung,” erwiderte Lisa. “Ich meine jedoch, Fingerabdrücke und DNA in der Datenbank werden es Kriminellen nicht lange erlauben, auf freiem Fuss zu bleiben. – Ich denke, ich mache mich davon. Mal sehen, was ich künstlerisch mache. Ich meine, das ist der geringste Aufwand, um Punkte zu ergattern.”

  Lisa erhob sich. Als sie auf die Tür zuging, wandte sie sich noch einmal um. “Meine e-mail adresse habt ihr. Lasst von euch hören. Vielleicht sollten wir uns alle zwei Wochen treffen um neue Entwicklungen zu diskutieren.”

  Kevin sah ihr nach, als sie durch die Tür verschwand. Brown wirkte verstört. “Es ist frustrierend, dass wir hier nichts mehr tun können.” Er blickte alle der Reihe nach an. “Aber Kevin hat recht. Wir können den Laden hier dichtmachen. Ich schlage vor, dass wir uns alle künstlerisch betätigen, um unser gesellschaftliches Niveau zu halten und abwarten, in welche Richtung sich die Programme  weiterentwickeln. Vielleicht können wir, wenn wir mehr wissen, ihnen Hilfestellung geben und Vorschläge unterbreiten, wo noch Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht. Lasst uns nach Hause gehen. Ich werde auch den Wachmännern sagen, dass sie gehen können.”

 

  Als Kevin heimfuhr, schaltete er das Radio ein. Zum Glück gab es dort noch keine Gleichschaltung. Country & Western drang aus den Lautsprechern.  Die Natur war schön wie eh und jeh. Die Parkplätze der Einkaufszentren standen voller Wagen. Es gab keine äusseren Anzeichen eines Umbruchs. Zu Hause angekommen, holte sich Kevin ein Bier aus dem Kühlschrank und Schreibpapier aus seinem Studio und wartete auf die Inspiration.

                           

                            Berechenbare Schönheit

                           

                            Von Kevin Mallory

 

Wo sind wir jetzt, wo stehen wir,

im Abseits des Stromes gefangen?

Gedanken sind frei, Gedanken von mir

müssen zu Euch wohl gelangen.

Ihr habt die Wahl, doch ohne Emotion

vermögt Ihr nicht, auch wenn Ihr Euch bemüht,

die Schönheit einer Blume schon

verstehen, wenn sie erneut erblüht.

 

  “Hoffentlich gibt ihnen das zu denken,” brummte Kevin, als er den Text seines Gedichtes einscannte. Kurz darauf erschien eine Nachricht auf seinem Monitor.

 

  Wir haben Ihr Gedicht empfangen. Besten Dank. Ihrem Konto wurden 500 Punkte gutgeschrieben. Rund um die Uhr stehen wir zur Aufnahme weiterer Werke von Ihnen bereit. Denken Sie daran, 10000 Punkte versetzten Sie in die Lage, beim nächsten Händler einen Porsche 911 abzuholen.

 

  Donnerwetter, dachte Kevin. Allemal besser als ein Roller.

 

  Zu einem Porsche hatte es für Kevin nach einem Monat doch noch nicht gereicht, aber er war auf dem besten Wege dorthin. So fuhr er weiterhin seinen Cadillac und lenkte ihn in die Innenstadt. Lisa, Brown und er selbst hatten sich zu einem Treffen in einem Restaurant verabredet, dass im Zentrum der Stadt lag.

  Es dauerte eine Weile, bevor er einen Parkplatz fand. Ein paar Roller standen auf dem Bürgersteig. Kevin stieg aus und schlenderte durch die Fussgängerzone. Ein Pflastermaler fotografierte sein Werk mit einer Polaroidkamera und hetzte zum nächsten Kopiershop, um sein Photo einzuscannen. Demjenigen der sein Strassenpflasterbild danach nutzte, würden Punkte abgezogen werden. Zehntausend Minuspunkte bedeuteten Umerziehungslager.

  Kevin ging weiter. Ein Penner nahm einen Schluck aus seiner Wermutflasche, hantierte mit einer Spraydose, lallte: “Wir machen jetzt in Kunst”, und sprühte Graffitti auf die Hausmauer. Nach einigen Sekunden schon war die Polizei zur Stelle, fotografierte die Mauer und nahm ihn fest. Kevin wusste, sie würde ihn wieder laufen lassen, nachdem sie Pluspunkte aus seiner Kunst gegen die Minuspunkte wegen Sachbeschädigung verrechnet hatte.

  Als Kevin die Tür des Restaurants öffnete, bemerkte er seine Kollegen im Hintergrund des Lokals. Sie unterhielten sich angeregt. Lisa zeigte ein Bild herum. Kevin gesellte sich hinzu, beugte sich vor und nahm das Bild in die Hand. “Abstrakte Kunst”. Lisa bog ihren Kopf zurück und strahlte ihn an. “Es heisst Die Suche.”

  “Es hätte ebenso Die Seuche heissen können,” lachte Brown.

  “Ich habe mir schon etwas dabei gedacht,” meinte Lisa ungehalten. “Nächstes Mal, bringe ich mehr Rot hinein und nenne es dann Die Suche nach Liebe. Den Monat darauf mehr Grün. Dann wird es Die Suche nach der Natur usw. “

  “ Und ich habe mir mit meinem Gedicht so viel Mühe gegeben, während Du nur gekleckst hast.” Kevin zog mit bedeutungsschwerer Miene sein Gedicht aus der Jackentasche und las es vor.

  “Schön, wunderschön, Du bist ein Poet. Ist Kevin nicht ein Poet, Bill?” Lisa blinzelte zu Brown hinüber. “Wenn Kevin so weitermacht, kann er sich vor schmachtenden Frauen nicht mehr retten.”

  “Im Moment reichte es schon, wenn Du mich anschmachtetest, Lisa. Nun Bill, womit hast Du Deine Sporen verdient?”

  “Ich kann nichts vorzeigen.” Brown lächelte verschmitzt. “Ich lade Euch jedoch ein, unser nächstes Konzert in der Musikhalle zu besuchen. Hier sind die Tickets.”

  Brown zog ein paar Karten hervor und verteilte sie. “Ich spiele Geige.”

 “Du hast schon immer die erste Geige gespielt,” meine Kevin lachend. “In das Geigenspiel kannst Du wenigstens noch Originalität hineinlegen. Da wird es dem Musiker mit der Triangel viel schwerer fallen, zu Punkten zu kommen.”

  “Es zählt nicht so sehr die Originalität des Einzelnen, sondern mehr die des Klangkörpers, also des Orchesters. Wenn wir zum Beispiel das gleiche Stück mehrere Male spielen, müssen wir darauf achten, es immer wieder anders darzustellen, oder wir müssten ständig die Stücke wechseln. Das fällt uns dann nicht schwer, wenn wir AL-Kompositionen spielen. Von denen gibt es jeden Tag neue und sie sind erstaunlich gut.”

  “Es wird bizarr, wenn ich höre, dass unsere Irrenanstalten Unmengen von Punkten sammeln, nachdem sie die Maltherapie ausgeweitet haben.” Lisa ergriff das Bierglas und nahm einen kräftigen Schluck. “Das, was die Kranken dort zusammenklecksen, wird von AL als Kunst angesehen und honoriert.”

  “Was ist daran so verkehrt?” Brown nahm sich die Speisekarte vor. “Warum soll AL diese Leute anders behandeln als Dich?”

  “Bevor es jetzt gemischt wird, sollten wir bestellen.” Kevin rief den Kellner herbei. Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, fuhr Kevin fort. “Es gibt ein paar unschöne Fälle, wie den der Oma, die auf Wunsch ihrer Enkelkinder das gleiche Märchen zwanzig Mal erzählt hatte und nun im Umerziehungslager sitzt. Im allgemeinen funktioniert es jedoch erstaunlich gut. Ich kann mich mit dem neuen System anfreunden. Jedem, der ohne Arbeit ist, werden die gleichen Chancen eröffnet, sich künstlerisch oder wissenschaftlich weiterzubilden und zu betätigen. Und es werden immer mehr in dem Maße, in dem menschliche Arbeit abnimmt und durch Computer oder Roboter ersetzt wird. Es sieht so aus, als wenn AL bei ihrer Suche nach neuen Erkenntnissen die Menschen in unserem Land nicht zurücklassen wolle.”

  Brown und Lisa hoben ihr Glas. “Na denn prost.”


domenica, ottobre 25, 2026

Minutennovelle: Insektenplanet


 

"Einsam hier", meinte Grönländer. „Nun fliegen wir schon lange herum, ohne das sich was ereignet. Sollten wir der Erde nicht mal einen Besuch abstatten?“

„Nicht so schnell“, sagte das Schiff. „Habe eben einen Exoplaneten ausfindig gemacht, den wir ansteuern können.“

„War keine schlechte Idee, die mit der Erde. Nur, wenn wir hier etwas neues zu sehen bekommen“ meinte Grönländer. „Dann fliegen wir erst mal dahin.“

Es war ein Dschungelplanet. Bäume, Wasser und Insekten. Große Insekten. Die taten so, als hätten sie täglich Raumschiffe gesehen und gingen ihren Tätigkeiten nach, was auch immer das war.

„Phantastisch.“ Krazny war hingerissen. „Ameisen unserer Größe. Und hier ist ihre Queen.“

Wie soll man sie beschreiben? Ziemlich groß. Um die 2 m hoch. 5 m lang. Stachelbüschel auf dem Kopf. 3 Augen, und ein Mund, von dem man nicht weiß, ob es ein Lächeln ist. Um sie wuselten Insekten, viel kleiner als sie. Hin und wieder sahen sie zu ihr hoch.

„Habe noch nie andere Planetenbewohner gesehen.“ Krazny hörte es in seinem Hirn. Übersetzte sein Gehirn, oder war es die Queen?´Ist ja auch egal.´ „Willkommen“.

„Wir sind von der Erde und kommen in friedlicher Absicht“, sagte Grönländer. „Uns interessiert zu wissen, was der Kosmos an Lebewesen hervorgebracht hat.“

„Wir haben euer Raumschiff beobachtet. Sind neugierig, mehr darüber zu lernen. Kann ich es mir ansehen?“

„Klar doch“, meinte Grönländer. „Geh die Rampe hoch. Das Schiff wird mit dir einen Durchgang machen.“

„Das Schiff?“

„Das Schiff, unser Navigator und Künstliche Intelligenz. Es wird dir alles erklären.“

„Komm,“ dröhnte das Schiff und die Queen stieg die Rampe hoch.

domenica, ottobre 18, 2026

Minutennovelle: Monique


 

Udo lag auf der Couch, Bier und Salzstangen neben sich. Ein Gummibaum stand einsam in der Ecke..

´Seine Blätter werden gelb. Er braucht Gesellschaft. Freundschaft, Zuneigung. Ich muss mal zusehen, wo ich einen zweiten Gummibaum herbekomme.´

Auf dem Tisch, neben dem Bier stand ein Schachspiel. Seit Jahren schon. Er hatte es nie angefasst. Es kam ja keiner.

Ein Fernseher flimmerte. Ton war aus. Und langsam kamen die Erinnerungen wieder. Arkham. Irre. Monique. Sie hatten Schach gespielt. In einer Kneipe. Wie hatte er sich wohlgefühlt, in ihrer Nähe. Obwohl sie immer gewann. Schöne Tage. Dann war sie plötzlich weg. Kam nicht wieder.

Heinrich und er verließen Arkman, nachdem sie Frau Leonardis Sohn ausfindig gemacht hatten. Der war am Cthulhu-Tag mit seinen Klassenkameraden ins Meer getaucht und kam nicht wieder hervor. Sie wurden Fishies. Er wettete, dass Monique auch einer geworden ist. Und ihm wurde klar, dass er ihr nie gesagt hatte, dass er aus Hamburg sei. Denn sonst wäre sie doch auch in die Untertasse eingestiegen, oder?

Er sollte mal mit Heinrich darüber reden, ob er einen Weg sieht, an Monique heranzukommen. Auf der anderen Seite: Wenn sie ein Fishy geworden ist.... Wenn er sie doch noch einmal vorher sehen könnte....


domenica, ottobre 11, 2026

Kurzgeschichte: Kein Mensch, kein Tier

 


  Schritte im Regen. Hinter ihr, und sie wurden schneller. Die Frau begann die Straße entlang zu laufen, durch Schlamm und Pfützen. In einer Kneipe öffnete sich die Tür. Die Frau hörte Gelächter und Kreischen. Dann schlug die Tür zu, und wieder hörte sie Schritte, den Regen. Kein Mensch, kein Tier sollte bei diesem Wetter auf der Strasse sein. Sie passierte immergleiche Häuser mit dunklen Fenstern und die Straße nahm kein Ende. Ihre Hand umkrampfte den Griff des Schirmes. Wasser floss vor ihr aus einer Regentraufe. Die Schritte, diese Schritte!

  Unter einem überhängenden Dach fand sie eine trockene Stelle und blieb stehen, zögerte sich umzusehen, dann tat sie es doch. Nichts. Die Schritte waren verklungen. Wolken brachen auseinander. Die andere Seite der Straße wurde von dem wuchtigen Gebäude der Brauerei beherrscht. Die Scheibe des Mondes warf ihre Strahlen auf das Ziegeldach. Wind trug Gebell vom Tierheim herüber, dann hörte die Frau Stöhnen. Sie stand da. Die Heftigkeit der Angst hatte sie völlig gelähmt. Sie stand da, bis das Stöhnen verklang. Etwas lief zur Brauerei hinüber. Ein Schatten, der dort nicht hin gehörte. Ein dunkles Schemen mit einer Kette, die sich unter den Strahlen des Mondes blinkend um seinen Nacken wand. Ein finsteres Tier, ein Wolf, der auf leisen Pfoten hinter der Einfriedung verschwand. Wieder fing die Frau an zu rennen und wurde jäh in ihrem Lauf gestoppt. 

  “Was ist junge Frau?” Der Mann hatte sie fast umgeworfen. Er stank nach Schnaps. Den Hut tief in seine Stirn gezogen, griff er nach ihr. “Wo wollen Sie hin?”

  Sie riss sich los und setzte ihren Weg fort.

  “Bleiben Sie!” Der Mann torkelte ihr nach. Das Gebell kam näher. Hunde sprangen hinter der Brauerei hervor. Pinscher, Pudel, Schäferhunde, alle Rassen. Sie liefen über die Strasse, an der Frau und dem Betrunkenen vorbei. Das Biest trieb die Hunde vor sich her, stürzte sich auf einen Schäferhund, eine Hündin. Die Frau verspürte einen leichten Schwindel, als sie sah, wie sich das Tier aus der Umklammerung zu befreien versuchte. Der Anhänger der Kette wirbelte bei jedem Stoß um den Hals der Bestie. Knurrend und kläffend liefen die anderen Hunde um das Paar herum. Der Wolf beachtete sie nicht, kopulierte und verbiss sich in dem Nacken seiner Partnerin bis diese leblos zu Boden fiel. Der Wolf lief auf die Mitte der Strasse und legte seinen Kopf im Licht des Mondes zurück. Sein Geheul hallte von den Wänden der Gebäude, verebbte über den Dächern. Dann verschwand der Wolf in der Dunkelheit, während die Hunde bellend hinter ihm her liefen.

  Bewegungslos lag die Hündin lag auf der Straße. Dort, unter ihrem Hals ein schwarzer Fleck, der immer größer wurde. Benommen ging die Frau weiter. Ihr war, als erwachte sie aus einem bösen Traum. Der Mann schwankte schimpfend in die Kneipe und ließ die Frau mit dem Regen allein.

 

  Tische aus Teakholz, Ledersessel und gedämpftes Licht. Herrenclub Athenaeum am Waterloo Place. Männer unterhielten sich. Ein Butler bewegte sich zwischen den Tischen und füllte Getränke nach. Van Helsing lag in einem Sessel und rieb sich die Augen. Er musste geschlafen haben. In Oxford, am Madeleine College hatte er seinen Vortrag ‘Aberglaube und Pathologie’ gehalten. Nun war er zurück. Aus halbgeschlossenen Augen sah er Farnsworth und Pommeroy am Nebentisch. Geoffrey Farnsworth, der, wenn er nicht im Club war, über den Highgate Friedhof ging und Inspirationen für seine Gedichte sammelte. George Pommeroy,  Getreidehändler. Der sah vom Nebentisch zu Van Helsing herüber, während er sich mit Farnsworth unterhielt.    

  “Geoffrey”, hörte Van Helsing. Pommeroys dicker Finger zeigte auf eine Zeitung, die aufgeschlagen auf dem Tisch lag.

  “Geoffrey, das wird Van Helsings Interesse wecken.”

  “Ein Wolf mit einer Halskette, der eine Schäferhündin bespringt und tötet. George, es scheint absurd. Der Bursche, der das bezeugt hat, war sternhagel voll und die Frau, von der er schwafelte, ist unauffindbar.”

  “Und was ist mit den Hunden, die aus dem Tierheim entflohen sind? Das Gitter wurde aufgerissen.”

  Van Helsing erhob sich. Seine hagere Gestalt im schwarzen Gehrock. Sein Gesicht mit scharfen Gesichtszügen, bohrenden grauen Augen. 

  “Pommeroy, Farnsworth. Ich habe meinen Namen gehört.” Van Helsing sah auf die beiden Männer hinab.

  “Seht her.” Pommeroy hielt die Londoner Times hoch. Sie trug das Datum vom siebzehnten Oktober Achtzehnhundertfünfundsechzig. “Wolf bricht ins Tierheim ein.”

  Van Helsing überflog den Artikel.

  “Seltsam”, meinte er mehr zu sich selbst. “Vielleicht sollte ich mich mit Scotland Yard darüber unterhalten.” Er gab die Zeitung zurück und verließ den Club.

 

  Van Helsing unterhielt sein Haus in der Marylebone Road, wo ihn Sherlock und seine Haushälterin erwarteten. Sherlock, ein schwarzer Kater mit weißen Flecken.  Mrs. Witherspoon Witwe um die vierzig. Drei Jahre war sie schon bei ihm und trug noch immer dunkle Kleider. Sie ging in ihrer Rolle auf, Van Helsing das Leben angenehmer zu gestalten. Die Frau schien besorgt. Ihre Hände strichen unruhig die Schürze entlang.

  “Wie geht es Miss Rosanna?” 

  “Sir, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll. Miss Rosanna hat vor, sich Malern als Modell anzubieten.” Mrs. Witherspoons freundliches, rundes Gesicht rötete sich unter Van Helsings Blick. “Miss Rosanna sagte, sie wolle Ihnen nicht länger auf der Tasche liegen.”

  “Sie hat ihren eigenen Kopf. Modell ist ein ehrbarer Beruf”, brummte Van Helsing, nahm Sherlock mit in sein Studio und schloss die Tür hinter sich. 

  Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Sherlock sprang auf seinen Schoß und schnurrte. Van Helsing lehnte sich zurück und kraulte dem Kater hinter die Ohren.

Modelle, ehrbarer Beruf? Es schien so. Oskar Wilde hatte über sie geschrieben: Sie seien schön, gefällig, geschwätzig, interessierten sich nicht für Kunst. Sie seien korrekt und pünktlich, lebten bei ihren Eltern und seien eine gute Partie. 

  Rosanna Clairmont. So jung. Und keinesfalls geschwätzig. Sie könnte seine Tochter sein. Zu Anfang hatte er mehr als väterliche Gefühle für sie gehegt. Er dachte an das Abenteuer auf dem Balkan, als er den Fluch bannte, der über dem Haus der Clairmonts gelegen hatte. Das Ergebnis war verheerend. Rosanna verlor Haus und Hof. Kurz davor war ihr Vater gestorben. Van Helsing hatte Rosanna mit nach London genommen. Sie war bei Mrs. Witherspoon untergekommen und versuchte sich ein neues Leben aufzubauen.

  Er sah ihr bleiches, schmales Gesicht vor sich. Ihre dunklen Haare, blaßblaue Augen, die ihn vertrauensvoll und mit einem Ausdruck ansahen, den er nicht zu deuten wusste. Van Helsing versuchte sich auf Farnswoth und Pommeroy zu konzentrieren, dachte an den Bericht in der Times. Einbruch ins Tierheim. Ein Wolf mit einem metallenen Halsband. Der betrunkene Mann, der in einer Kneipe darüber berichtet hatte.

 

  Zwei Wochen vergingen, ohne dass Van Helsing Rosanna zu Gesicht bekam. Er schrieb das ihren Bemühungen zu, sich als Modell zu etablieren. Als sich Van Helsing bei Mrs. Witherspoon nach ihr erkundigte, erzählte ihm die Haushälterin, dass Rosanna Adrian, einen jungen Maler kennen gelernt habe und ihm täglich Modell stünde.

  “Als was?” Seine Gedanken verschwammen. Täglich? War Rosanna verliebt? Er wandte sein Gesicht ab und sah zum Fenster hin. Eine Kutsche fuhr draußen vorbei. Rosanna war verliebt. Adrian. Ein Maler. Es war qualvoll, weitere Fragen zu stellen. Sie war verliebt. Warum konnte er an nichts anderes denken?

  “Mrs. Witherspoon, ich möchte die Beiden für den Sonntag zu mir zum Essen einladen. Könnten Sie das arrangieren?”  

   

                  

  Er war jung, schön und feurig. Adrian, ein junger Mann mit dunkeln Haaren und blassem Teint. Er belebte die Konversation. Seine Beiträge waren geistreich, doch transitorisch. Er wechselte die Themen wie das Chameleon die Farbe. Sprach er über Doktor Livingstones nächste Reise nach Afrika und Leutnant Maurys Theorie eines Regengürtels über dem Äquator, der, von außen betrachtet, einem Saturnring gleichkäme, war er eine Minute später bei Singers Nähmaschine und ihrem Beitrag zur Aufrechterhaltung der Moral, in dem sie es Frauen gestattete, zu Haus unter Aufsicht von Eltern und Verwandten Kleider zu fertigen. Er redete über die Socken, die ihm seine Großmutter mit zitternden Fingern gestrickt. Socken, die industriell gefertigte um Jahre überdauerten. Diese Sprunghaftigkeit, fand Van Helsing, verdeckte eine Leere, die wohl nur er zu bemerken glaubte. Warum band Adrian Rosanna nie in seine Konversation ein? Stumm hing sie an den Lippen des jungen Malers, ihre Blicke folgten jeder seiner intensiven Gesten, mit denen er seine Argumente unterstrich. Einen Moment lang überkam Van Helsing ein Gefühl von Hilflosigkeit, das einen Menschen befällt, dem Emotion wider seinen Willen zusetzt.

  Adrian hatte sich den Pre-Raphaeliten angeschlossen und sich der Romantischen Malerei gewidmet, während er sich seinen Unterhalt durch Auftragsmalerei verdiente.

  Van Helsing erhob sein Glas. “Behandeln Sie Rosanne, wie es sich für eine wohlerzogene unverheiratete Frau geziemt.” Mahnung oder Warnung? Van Helsing war sich nicht sicher. Adrian antwortete nicht. Er wandte sich Rosanna zu. Seine Finger spielten mit der metallenen Kette, die an seinem Hals hing.

  Mrs. Witherspoon trug den Nachtisch auf. Sherlock kam mit ihr durch die Tür und sprang auf die Fensterbank. Ein Stuhl fiel polternd um, als Adrian sich auf den Kater stürzte, der schreiend davon lief und sich unter einen Schrank verkroch..

  “Adrian! Was ist?”, riefen Rosanna und Van Helsing wie aus einem Munde und sahen sich an. Rosannas bleiches Gesicht überzog sich mit Röte. Adrian nahm, als sei nichts geschehen, seinen Platz wieder ein und widmete sich dem Nachtisch. 

   

  Eine Woche darauf klopfte Mrs. Witherspoon in der Frühe an Van Helsings Studiotür.

  “Ich weiß nicht weiter, Sir.” Van Helsing sah, die Frau war verzweifelt. Ihre Hände verkrampften sich ineinander, in ihrem Gesicht arbeitete es. Sie schien dem Weinen nahe. “Miss Rosanna liegt in ihrem Bett und weigert sich etwas zu sich zu nehmen.”

  Van Helsing lief mit Mrs. Witherspoon auf die Strasse und rief nach der nächsten Kutsche.

 

  Mrs. Witherspoon lebte in einem Reihenhaus am Rande der Stadt. Ein Vorgarten voll Rhododendren und Azaleen schmiegte sich an die verrußten Backsteinmauern. Die Vorhänge der Fenster waren grau und zugezogen. Hinter einem von ihnen wartete das Schlafzimmer Rosannas. Als Van Helsing mit Mrs. Witherspoon den Raum betrat, lag Rosanna im Bett und starrte auf die Zimmerdecke. Van Helsing setzte sich zu der jungen Frau und drückte seine Hand auf ihre Stirn. Er beugte sich über sie und sah ihr in die Augen. Ihre Pupillen waren verengt.

  “Laudanum?”

  “Sie nimmt es jeden Tag, Sir.”

  “Wo ist es?” Mrs. Witherspoon holte es aus der Schublade des Nachttisches.

  “Verstecken Sie es!”, befahl Van Helsing. Dann beugte er sich über die Frau.

  “Rosanna, erzählen Sie.” Sie rührte sich nicht, sah an ihm vorbei. Eine Viertelstunde lang stellte Van Helsing seine Fragen. Ohne Erfolg. Rosanna zeigte keine Regung. Van Helsing nickte zu Mrs. Witherspoon hinüber und zog eine Taschenuhr hervor. Er hielt sie über Rosannas Gesicht, ließ sie vor ihren Augen  pendeln.

  Seine leise Stimme füllte den Raum: “Rosanna, sehen Sie auf die Uhr. Holen Sie tief Atem und füllen Sie ihre Lungen. Atmen sie langsam aus. Schlafen Sie jetzt. Nun holen Sie tiefer Luft als zuvor. Atmen Sie so tief ein, wie Ihre Lungen es zulassen. Gut. Atmen Sie aus. Schlafen Sie jetzt. Schließen Sie die Augen. Ihre Augen sind jetzt geschlossen. Lassen Sie sie geschlossen bis ich Ihnen sage sie wieder zu öffnen.”

  Van Helsing steckte seine Uhr in die Tasche und sagte leise: “Sie werden mir jetzt alle meine Fragen beantworten.

  “Rosanna, haben Sie Angst?”

  “Ja.”

  “Wovor?” Ihre Lippen bewegten sich.

  “Sagen Sie es lauter.”

  “Dem Bild.”

  “Welchem Bild?”

  “Das Adrian von mir macht.”

  Van Helsing und Mrs. Witherspoon sahen sich an.

  “Haben Sie es gesehen?”

  “Ja.”

  “Hat er es Ihnen gezeigt?”

  “Nein. Wenn er nicht malt, hängt er ein Tuch darüber.”

  “Warum?”

  “Er sagte, es sei erst fertig, wenn der Vollmond schiene.”

  “Und sie haben unter das Tuch geschaut?”

  “Ja.”

  “Was haben Sie gesehen?”

  “Einen Hund mit meinem Gesicht. Einen Schäferhund.”

  “Und das verängstigt Sie?”

  “Nein.”

  “Was dann?”

  “Der Wolf.”

  “Ein Wolf? Was ist mit dem?”

  “Er, er stützt sich von hinten auf den Schäferhund und, und….”

  “Trägt der Wolf eine Kette um den Hals?”

  “Ja.”

  “Ist es Adrians Kette?”

  “Ja.”

  “Himmel Hergott!”, rief Mrs. Witherspoon. “Was geht hier vor?”

  “Schweigen Sie, Frau!” Van Helsings Blick ließ sie erstarren.

  “Rosanna. Wenn Sie aufwachen, haben Sie vergessen, was sie auf dem Bild gesehen haben und haben auch kein Bedürfnis es sich ansehen zu wollen. Gleichfalls haben Sie vergessen, was wir eben besprochen haben. Morgen werden Sie Adrian wieder Modell stehen und ihm sagen, Sie haben sich nicht wohl gefühlt. Sie werden von nun an Mrs. Witherspoon jeden Abend berichten, wie es Ihnen mit Adrian ergangen ist.”

  Van Helsing richtete sich auf. “Ich zähle bis drei. Danach wachen Sie auf und fühlen sich sehr wohl. Eins – zwei – drei.”

  Rosanna schlug die Augen auf und sah Mrs. Witherspoon und Van Helsing verwundert an. “Wieso liege ich hier? Was ist passiert?”

  “Sie hatten einen Schwächeanfall.” Van Helsing zwang sein Gesicht zu einem Lächeln. “Mrs. Witherspoon hat mich gebeten, Sie zu untersuchen.”

  Röte überflammte Rosannas Gesicht, als sie sah, dass Van Helsing ihre Hand hielt.

  “Morgen können Sie wieder Ihrer Arbeit nachgehen.” Er bat Mrs. Witherspoon diesen Tag bei Rosanna zu bleiben.

  Als er wieder in der Kutsche saß, war er auf dem Weg nach Scotland Yard um Detectiv McElroy zu sprechen. Das Jagdfieber hatte Van Helsing ergriffen. Ein Rausch, der ihn befiel, wenn immer er  einem neuen Phänomen auf der Spur war. 

 

  Adrian schrieb Rosanna Gedichte. Jeden Tag. Van Helsing las die Abschriften, die  Mrs. Witherspoon von ihnen machte. Die Originale gab Rosanna nicht aus der Hand. 

 

‘Voller Mond, der Wolken bricht

Sehe dich in seinem Licht

Wenn die Scheibe silbern scheint

Sind wir unter ihr vereint’

 

  Van Helsing dachte: ‘Wenn Adrian so malt, wie er dichtet, wird die Welt nicht um ihn trauern.’ “Bis auf eine Ausnahme”, murmelte Van Helsing und verzog das Gesicht.

 

  In der Vollmondnacht stand er mit Polizeidetektiv McElroy und Mrs. Witherspoon vor deren Haus. McElroy, ein Mann athletischer Statur, der in dieser Zeit der Moderne, die Bauwerke wie dem Londoner Kristall-Palast die Möglichkeit gab sich zu entfalten, in der Schiffe in fünfzehn Tagen den Atlantik überquerten, in der Professoren wie Van Helsing das Geheimnis von Vampiren und Trollen lüfteten, sich nicht wunderte, dass weitere Phänomene der Entdeckung harrten.

McElroy hatte sich sofort bereit gefunden, Van Helsing mit seinen Männern bei diesem Vorhaben zur Seite zu stehen. Polizisten hielten sich mit schussbereiten Waffen und einem dutzend Pitbull Terrier in einer Seitenstraße verborgen.

  In Rosannas Schlafzimmer brannte Licht. Die Vorhänge waren zurückgezogen.

Van Helsing sah, Rosanna lag im Bett und wälzte sich im Halbschlaf hin und her. Er hatte es Mrs. Witherspoon gestattet, Rosanna einige Stunden zuvor Laudanum zu geben. Das Opiat sollte ihr den Schrecken nehmen, von dem sie unweigerlich überwältigt werden würde, wenn -.

  Das Metall seiner Halskette glänzte silbern unter den Strahlen des Mondes, als der Wolf an ihnen vorbei in den Vorgarten rannte und durch das Schlafzimmerfenster sprang. Glas klirrte. McElroy blies in seine Trillerpfeife. Polizisten liefen in den Vorgarten und bauten sich mit ihren Gewehren vor dem Fenster auf. Der Wolf sprang auf Rosannas Bett, zog die Decke mit seinen Zähnen zurück. Die Polizisten legten an. Der Wolf zerrte am Nachthemd.

  “Feuer frei!”, brüllte McElroy. Die Polizisten zögerten. Worauf warteten sie? Van Helsing war irritiert. Hatten sie noch nie eine nackte Frau gesehen? Wut stieg in Van Helsing hoch. Er riss einem Polizisten das Gewehr aus der Hand, legte an und schoss. Dann schossen sie alle. Die Geschlosse schleuderten den Wolf aus dem Bett. Rosanna richtete sich auf.

  “Feuer einstellen!” McElroy stellte sich vor seine Leute und drehte sich zum Fenster hin. Der Wolf sprang wieder hervor.

  “Adrian!” Der schrille Schrei Rosannas riss Van Helsing aus seiner Lähmung. Der Wolf schien unversehrt und fuhr fort, Rosannas Körper bloß zu legen.

  ‘Silberne Kugel. Wieso habe ich es nicht für möglich gehalten. Es geht nur damit.’  Van Helsing hob Sherlock von Mrs. Witherspoons Arm und trug ihn in das Haus.

  “Sherlock, du bist der Einzige, der uns noch helfen kann”, flüsterte er ihm zu, bevor er ihn in Rosannas Schlafzimmer ließ. Durch die Tür sah er, wie Sherlock auf den Wolf sprang, die Krallen über dessen Rücken zog und auf die Fensterbank flüchtete. Der Wolf ließ von Rosanna ab und folgte Sherlock in den Vorgarten. Der Kater fegte über die Mauer. Der Wolf verfolgte ihn, die Hundeführer ließen die Terrier los. Der Mond schien hell genug, um die Männer sehen zu lassen, wie die Hunde sich an dem Wolf festbissen. Der wand sich unter den Attacken der Tiere. Seine Silhouette nahm menschliche Gestalt an. Die Terrier hingen an ihren Armen, Beinen, an ihrem Rumpf und liessen erst von ihr ab, als sie zu Boden fiel. 

  “Mrs. Witherspoon, kümmern Sie sich um Rosanna!” rief Van Helsing und rannte mit den Polizisten auf die Hunde zu, welche laut bellend den auf dem Boden liegenden Körper umkreisten.

  “Adrian.” Nur die Halskette ließ erahnen, dass er es war. Er schlug ein Auge auf. Seine Stimme war schwach.

  “Sagen Sie Rosanna, ich habe sie geliebt.” Das Auge erstarrte. Van Helsing wandte sich ab.

  “Ihr könnt ihn haben.” Er klopfte McElroy auf die Schulter und ging langsam auf  Mrs. Witherspoons Haus zu. Als er sich zu Rosanna ans Bett setzte, wusste er was er zu tun hatte und zog seine Taschenuhr hervor.


domenica, ottobre 04, 2026

Minutennovelle: Schneehausen


 

Es wurde kälter. Nun, es war immer noch warm. Aber nicht mehr so heiß wie im Sommer. Frühherbst. Eduard und Rich saßen im Garten des Restaurants von Schneehausen und ließen es sich schmecken.

„Im Grunde hat sich nicht viel verändert“, meinte Rich. „Schon vor zwei Jahren promptete ich und stellte Arbeitsabläufe um, und die meisten Unternehmen denken immer noch darüber nach, wie sie vorgehen sollten, um die KI zu integrieren.“

„So wie wir. Die Preise sind so unterschiedlich. Jede Woche kommt eine neue KI-Version auf den Markt, und schon ändern sich die Preise.“

„Und dann steht plötzlich Elsa hier.“ Eduard sprang von seinem Sitz und rückte Elsa einen Stuhl zurecht,

„Tag Elsa, gut dich zu sehen. Haben sie dir in der Robotversuchsanstalt ein paar Tage freigegeben?“

„War ich schon eine Woche nicht mehr. Meine Schwester ist zur Zeit dort, und versucht die Roboter auf Vordermann zu bringen.“

„Könnten sie dort nicht einfach eure Programme auf die Roboter übertragen?“

Elsa schüttelte den Kopf. „Stellt euch doch vor, es gäbe tausende Elsas in Deutschland. Das geht doch gar nicht. Wir verlören unseren Einzigartigkeitsstatus.“ Elsa bestellte eine Cola.

„Und Roboter mit Elsas Intelligenz würden sich auch in keiner Polizeitruppe wohlfühlen. Die Elsas lösen Probleme.“ Eduard sah die beiden an. „Dafür sind sie da“.

„Gut, dass du das nochmal bekräftigst. Ich wurde zur Cthulhu-Statue in den Stadtpark geschickt, um herauszufinden, warum jeder, der vorbeikommt, sich vor ihr verbeugt. Ich konnte nichts finden. Ist eine steinerne Figur auf einem Sockel. Das ist alles.“

„Eines der ungelösten Rätsel des Universums.“ Rich trank sein Bier aus. Der Himmel hatte sich bewölkt. Ein Wind zog auf.

„Gehen wir lieber rein.“ Eduard erhob sich. Gemeinsam gingen sie ins Restaurant.

 

„Gehen wir lieber rein.“ Eduard erhob sich. Gemeinsam gingen sie ins Restaurant.



domenica, settembre 27, 2026

Kurzgeschichte: Mamma


 

 Der Stoff des Klappstuhls gab unter seinem Gewicht nach, als Luigis massiger Körper in sich zusammen sank, während er über das Wasser starrte. Ein Windhauch bewegte das Schilf. Fischreiher standen in den Nebelbänken, Krähen krächzten auf den Äckern.

  Die Pose zuckte. Luigi riss die Angel hoch. Nichts. Er warf sie wieder aus. Ihn fröstelte. Sie hatten den ersten März, und es war zu kalt am Fluss. 

  Nebel umhüllte ihn mit klammen Fingern. Äcker, Reiher, Fluss und Schilf lösten sich in weißen Dunst auf. Luigi hörte etwas brummen, dann dachte er an zu Hause und wartete, bis sich der Nebel verzog.

  “Wo kommst denn du her!” Die Stimme hatte einen fremden Akzent und kam vom anderen Ufer. Luigi sah, dies war nicht sein Fluss. Dieser war breiter, viel breiter. Kleine Inseln mit rotblättrigen Bäumen, die sich im Wasser spiegelten. Vier grüngefiederte Schwingen, mit denen Vögel von Insel zu Insel flogen, und Luigi erschrak.  

  “Wo kommst denn du her!” Luigi blickte gegen das bläuliche Licht der Sonne und wurde bleich im Gesicht, als er zwei Monde, perlmutterfarben, opalisierend, am Horizont entdeckte. Am anderen Ufer sah er den dunklen Umriss eines Mannes. 

  “Ich bin Luigi aus Buona Compra.”

  “Ich bin Zehn. Bist du registriert?”

  “Was heißt das?”

  “Dort ist eine Brücke.” Luigis Blick folgte dem ausgestreckten Arm des Mannes.  

  “Komm rüber.”

  Seine Muskeln verkrampften sich, als Furcht sich in ihm ausbreitete. Mit steifen Bewegungen näherte er sich der Brücke. Wo bin ich, fragte er sich, als er über sie hinweg ging, und er blickte auf die Vögel mit den grünen Flügeln über dem träg dahinfließenden Gewässer. Wo bin ich? Äcker und Fischreiher waren verschwunden. Eine rostbraune Steppe dehnte sich bis zum Horizont, hin zu einer Bergkette. Häuser kauerten vor deren Ausläufern. Braune Echsen flüchteten aus silbrigen und schwarzen Gräsern und verschwanden hinter dornigen Sträuchern und Disteln.

   Der Fremde war alt. Ein grauer Bart verdeckte die untere Hälfte des schmalen Gesichts mit der gekrümmten Nase und den zusammen gekniffenen Augen. Seine grauen Haare fielen auf den braunen Umhang, unter dem Beine wie weiße Stöcke aus Schnürstiefeln ragten. Er war nicht größer als der Holzkarren neben ihm. Ein Tier schnaubte, schüttelte den Kopf hin und her und scharrte mit den Hufen. Sechs Beine, gepanzertes Hinterteil. Wo die Panzerplatten in Haut übergingen, wellte die sich grünlich bis zur breiten Brust. Der kleine Kopf drehte sich zu ihm hin. Rote Augen starrten Luigi an.

  “Steig auf”, rief der Mann. Sie kletterten auf den Bock, dann schnalzte der Alte mit der Zunge. Der Karren rumpelte über die braune Ebene. Echsen schossen aus den Gräsern hervor und liefen in alle Richtungen.

  “Wo bin ich?”, fragte Luigi verwirrt.

  “Willkommen in Neu-Italien.”

  Neu-Italien? Mamma, dachte Luigi. Wie wird sie mich vermissen. Sie wird  die  Carabinieri gerufen haben und sein Foto ist sicher schon in der Sendung ‘Wer hat sie gesehen?’. Er sah im Geiste, wie Taucher den Fluss absuchten und fing an zu zittern.

  “Ich muss zurück!”, rief er und sprang von der Karre.

  Der Mann hielt den Wagen an. “Das hat noch niemand geschafft. Steig ein.”

  Ein Pfeifen kam vom Himmel her, als ein metallenes Objekt auf sie zu schoss.  Ein Feuerstrahl fraß sich neben Luigi in den Boden. Das Fluggerät drehte ab.

  “Der Vollstrecker!”, rief der Mann. “Hocke dich unter den Reno, andernfalls tötet er dich.”

  “Der Reno?”

  “Der Vollstrecker!”

  “Und wer ist der Reno?”

  “Das Tier hier! Mach schon!”, schrie der Alte und deutete auf das Zugtier.

  Luigi hechtete zwischen dessen Beine und kauerte sich auf den Boden. Die Drohne pfiff über sie hinweg. Luigi kroch unter dem Tier hervor. Das Objekt verschwand hinter einem Gebäude am Fluss, das metallisch in der Sonne funkelte.

  Der Alte folgte seinem Blick.

  “Die Station”, meinte er. “Du brauchst einen Namen, musst dich registrieren lassen.”

  “Ich habe einen”, protestierte Luigi. “Ich heiße Luigi.”

  “Und ich Zehn. Luigi ist kein Name.” Zehn zog ein Halsband hervor. Luigi sah den metallenen Anhänger. Eine Zehn leuchtete rot. Unter dem Display befanden sich kleine Knöpfe in einem sechseckigen Feld.

  Schweigend fuhren sie dahin. Steinmauern zogen sich um grüne Felder. War es Gemüse? Es waren keine Pflanzen, die Luigi kannte. Kein Getreide. Luigi sah Mamma vor sich, wie sie den Nudelteig ausrollte. 

  Sie näherten sich der Häusergruppe. Flache Gebäude aus behauenem Granit. Nummern neben den Eingängen. 98 51. 26 33. Sie fuhren weiter und hielten vor dem letzten Haus. Luigi las 10 97. 

  Öllampen warfen ihre Schatten auf eine junge Frau, die in der Küche vor einem Herd stand.

  “Gib dem Mann zu essen!”, rief Zehn und polterte aus dem Raum. Die Frau kam mit einem Salatteller und einer Suppe. Sie setzte sich zu Luigi an den Tisch, sah an ihm vorbei und sagte: “Ma.” Nach einigen Sekunden sagte sie wieder “Ma”, und Luigi sah seine Mutter in ihrem geblümten Kleid vor sich, robust und wuchtig, mit Armen, von denen die Dörfler sagten, sie könne damit einen Ochsen zu Boden zwingen. Luigi sah, wie sie am Tisch saß, wenn Carlo, sein Bruder, ihr die Rente abnahm und Mamma erzählte, dass es nur zu ihrem Besten sei. “Ma” sagte dann auch sie. Immer wieder “Ma”.

  “Ist was passiert?” Wie hieß die Frau? Luigi konnte sich keine Nummern merken. Nach einer Pause sagte sie: “Sechsunddreißig ist tot. Er war mein Mann”.

  “Mein tiefstes Mitgefühl.” Luigi ließ eine Minute verstreichen. Dann setzte er zu einer weiteren Frage an: “Bauen Sie Getreide an? Kennen Sie Pizza, Polenta?”

Die Frau schüttelte den Kopf. “Oder Pasta Asciutta wie Tortellini, Ravioli, Fettucine, Lasagna, Tagliatelle, Spaghetti?” Die Frau verneinte auch dies. Luigi hörte ihr “Ma”, während er ungläubig in der Suppe stocherte. Er ließ den Löffel fallen. Dann kam es auch aus seinem Mund: “Ma”. Verzweiflung echote von einer Person zur anderen.

  Zehn kam ins Zimmer. Er hielt ein Halsband hoch und steckte es in seine Jackentasche.

  “Gehörte einem Verstorbenen. Fahren wir zur Registrierung, bevor es dunkel wird.” Er schaute zu seiner Frau hinüber und schüttelte den Kopf. Als sie in den Karren stiegen erklärte er: “Meine Frau kommt nicht über den Tod von Sechsunddreißig hinweg. Sie war mit ihm zusammen, bevor ich sie bekam.”

  “Bekam?”

  “Im Sommerfest vor ein paar Tagen. Sechsunddreißig hat es nicht verwunden und sich in den Fluss gestürzt. Heute war ich wieder dort, um ihn zu suchen. Irgendwann kommen sie alle hoch.” 

  Sie fuhren in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Zehn lenkte das Tier  zu dem metallenen Gebäude neben dem Fluss. Es stand schief am Ufer. Eine Seite war im Boden versunken. Wieder hörte Luigi das brummende Geräusch.

    “Was ist das?”

    “Die Station.” Sie traten ein. Aggregate surrten. Luigi presste eine Hand gegen die vibrierende Wand. Das Gebäude war größer als dieser Saal. Licht kam von der Decke. Bildschirme hingen an einer Wand. Einer war aktiv. 

   Zehn zog das Halsband aus der Jackentasche. Das Display des Anhängers zeigte nichts an. 

  “Die Sechsundreißig ist frei geworden, als er den Tod fand.” Der Registrierprozess war einfach. Zehn steckte den Anhänger in ein Loch unter dem Monitor, zog ihn heraus und hängte Luigi das Halsband um.

  “Und nun heißt du so.” Luigi betrachtete das Display, auf dem ihn die Sechsunddreißig anstarrte. Er ging zu den anderen Bildschirmen.

  “Was zeigen die?”

  “Das wissen wir nicht.” Zehn ging zum Ausgang. “Das Haus war bewohnt. Seltsame Wesen waren es. Sie zeigten unseren Urahnen, wie sie sich zu registrieren hatten, dann verschwanden sie.”

   Als Zehn und Luigi auf den Wagen zu gingen, drehte sich Luigi noch einmal um.

  “Wieso steckt das Gebäude so schief im Grund?”

  “Es war bereits hier, als die ersten von uns in dieses Land kamen. Das sagen unsere Aufzeichnungen.” Luigi ging zurück. Seine Hand strich über einen Vorsprung, der aus der Metallhülle ragte.

  “Ein Sternenschiff”, meinte er.

  “Vor Generationen wies die Haut Löcher auf, war von tiefen Rissen durchzogen. Jetzt sind sie nicht mehr zu sehen. Das Haus heilte sich selbst.”

  Warum fliegt es dann nicht fort?, dachte Luigi. Von alledem fühlte er sich überwältigt. Wieso war er nicht in seinem Dorf? Wer hatte ihn in diese Welt gebracht? Was war mit Mamma?

  Er hörte ein schabendes Geräusch. Ein Loch öffnete sich in der Hülle. Die Drohne flog heraus und verschwand am Horizont.

  “Der Vollstrecker, er lebt hier?” Zehn sah dem Objekt nach.

  “Es ist eine Maschine,” bemerkte Luigi.

   Der Alte stieg auf den Karren. “Er ist es, der uns tötet.”

 

  Während sie zum Dorf zurück fuhren, erklärte der Alte: “Kommen zu viele Kinder auf die Welt, fliegt der Vollstrecker herbei und tötet die Alten.”

  “Zu viele?”, fragte Luigi.

  “Unsere Zahl bleibt konstant”, antwortete Zehn. “Um die hundert Personen. Es können bis zu zwanzig mehr oder weniger sein. Doch mehr als hundertzwanzig werden vom Vollstrecker nicht toleriert. Sind es weniger als achtzig, werden Personen wie du aus der Heimat geholt.”

  “Dann hast du ja zur Zeit nichts zu befürchten”. Absurd, das Ganze, dachte Luigi und schüttelte den Kopf.

   “Die ersten Generationen von uns wussten nicht, worauf der Vollstrecker hinaus wollte”, fuhr der Alte fort. “Er vernichtete die Häuser, in denen alte Personen lebten. Mit der Zeit fanden meine Vorfahren heraus, dass Alte den Kindern zu weichen hatten, und sie stellten Pfähle auf dem Marktplatz auf, woran die Alten gebunden wurden. Damit blieben die  Häuser verschont.” Zehn blickte Luigi von der Seite an. “Dann fing unsere Generation an, die Geburten zu regulieren.”

  Im Dorf fuhr Zehn zu einem anderen Haus. “Bei uns kannst du nicht schlafen”, sagte er. “Meine Frau würde an ihren verstorbenen Mann denken, sähe sie deinen Namen.” Zehn deutete auf Luigis Anhänger. “Ich möchte, dass sie ihn vergisst.”

  Neben dem Eingang war eine Dreizehn an die Wand gemalt. In der geöffneten Tür stand eine Frau.

  “Sechsunddreißig wird bei dir wohnen”, sagte Zehn zu ihr. “Behandle ihn gut.”

  Luigi sprang vom Wagen und Zehn fuhr davon. Zögernd ging Luigi auf die Frau zu. Sie war hoch gewachsen und trug einen grauen Umhang. Die Füße steckten in Schnürsandalen. Ihre langen braunen Haare umrahmten ein schmales und ernstes Gesicht. Sie war jünger als Luigi, der die Dreißig schon seit fünf Jahren überschritten hatte. Die Müdigkeit ihres Ausdrucks ließ sie älter erscheinen. Sie machte ihm Platz und schenkte ihm ein gequältes Lächeln. Luigi folgte der Frau in ein kleines Zimmer, in dem Öllampen ihr schwaches Licht auf einen niedrigen Tisch warfen. Felle lagen auf dem Boden. 

  “Ich möchte dorthin zurück, wo ich her gekommen bin”, sagte Luigi, und blickte sie fragend an. Die Frau sah an ihm vorbei.

  Später, als sie stumm die Suppe in sich hinein löffelten, begann er mit sich und seinem Schicksal zu hadern. Als ihm Dreizehn im Bett den Rücken zukehrte und die Geschehnisse der vergangenen Stunden an ihm vorbei zogen, war Luigi, als sei er in einem Alptraum gefangen. Bilder quälten ihn. Von Mamma, seinem Bruder Carlo, die seines Dorfes und erst als es heller wurde, gelang es ihm, die Attacke seiner Erinnerungen abzuwehren. Später trugen ihm die Dorfältesten die Geschichte ihres Dorfes vor.

  “Vor vielen hundert Jahren hatte die Station die ersten von uns in dieses Land geholt. Sie war von Wesen bewohnt, die sich Noks nannten und unsere Sprache kannten. Diese Skizze haben wir aus den Aufzeichnungen kopiert.” Einer der Männer schob ein Bild über den Tisch. Luigi sah einen Humanoiden, der ein Halsband in der Hand hielt. Die anderen drei Hände streckten sich ihm wie zum Gruß entgegen.

  “Jedoch alles, was sie uns gaben, waren einhundertzwanzig Halsbänder mit Anhängern. Sie befahlen uns, sich registrieren zu lassen, zeigten es uns und verschwanden.”

  “Kennt ihr den Begriff Getreide? Oder die Wörter Weizen, Mais?”

  “Aus dem Beginn unserer Aufzeichnungen. Unsere Vorfahren meinten, sie brauchten sie für ihre Nahrungsmittel und unternahmen Versuche, hiesige Gräser zu kultivieren. Sie hatten keinen Erfolg.”

  Soviel zu Tortellini, dachte Luigi resigniert. Die Alten trugen ihm auf, im Steinbruch zu arbeiten.

 

  Die Italiens, so nannten sich die Dörfler, hatten die Siebentagewoche von der Erde übernommen. Das Jahr war länger, hatte dreiundsiebzig Wochen. Davon zog eine nach der anderen an Luigi vorbei, während er die Felsen bearbeitete. Granit, der sich, wie die Männer sagten, zur Zeit der Gletscherwanderungen von den Bergen gelöst hatte. Luigi gewöhnte sich an das neue Leben, wollte es nicht mehr missen. Die Rauheit der Berge, der Steppe. Hier musste jeder Hand anlegen, damit das Gemeinwesen funktionierte. Hier war er Jemand.

  Abends saßen die Männer im Wirtshaus um Luigi herum, tranken Schnaps, der aus den Blättern des Kohls, den sie Collardo nannten, gebrannt wurde und lauschten seinen Erzählungen. Sie wollten wissen: Wie ging es in der Welt zu, aus der ihre Ahnen stammten? Luigi erzählte von Mammas Nudelteig, wie sie ihn ausrollte, mit flinken Händen die Pasta zu Tortellini formte. Luigi brachte den Männern das Kartenspiel Briscola bei. Er hörte genug von ihnen, um Dreizehn zu verstehen. Luigi wusste, dass sie sich mit Webarbeiten ihren Lebensunterhalt verdiente, jetzt erfuhr er, wie die Frauen ihren Männern untersagten, ein Wort an sie zu richten, wie sie aus dem Laden stoben, wenn Dreizehn ihre Einkäufe tätigte und Luigi dachte an Mamma. Auch sie war abergläubisch, doch dies hier hätte sie nicht mitgemacht. Sie hätte den Frauen Bescheid gegeben, denn sie nahm kein Blatt vor den Mund wenn sie wütend wurde, und Luigi entschied, dass er Dreizehn mochte. An Feiertagen zeigte er sich mit ihr im Dorf. 

  “Ich bin Dreizehn, die Unglückszahl”. Sie sagte es nicht mehr so oft. Und wenn sie zu weinen anfing, setzte er sich mit ihr auf die Kissen vor dem flachen Tisch und wiegte sie in seinen Armen. Luigi spürte, dass auch er sich änderte. Früher, als Mamma geweint hatte, war er in die Bar gelaufen oder zum Angeln gefahren.

  “Ich bin nicht abergläubisch”, sagte Luigi nun und kreuzte die Finger hinter seinem Rücken.

  Wenn sie zusammen im Bett lagen, bedrängte Luigi sie. Doch Dreizehn wehrte sich.

  “Ich kann keine Kinder bekommen”, hatte sie einmal gesagt.

  “Um so besser,” hatte er geantwortet und Dreizehn mit Küssen bedeckt.

  “Nein, nicht wie du denkst. Sie wollen nicht, dass ich ein Kind bekomme und meinen, es brächte Unglück. Sie würden es nicht registrieren lassen, und dann wäre es nur eine Frage der Zeit. Der Vollstrecker würde es töten.” Doch es war  nur eine Frage der Zeit, dass Dreizehn Luigis Drängen nachgab.

  Nachts träumte Luigi davon, eine Mühle an einem Gebirgsbach zu bauen. Er sah, wie sich ein Wasserrad drehte und die Mühle Mehl machte, dann wachte er auf. Getreide. Er brauchte Getreide. Mamma, er wollte Mamma, und er dachte an das Tortellinifest. Jedes Jahr gab es in Buona Compra das Tortellinifest, das eine ganze Woche andauerte und zu dem hunderte von Menschen aus den benachbarten Dörfern kamen. Während dieser Zeit machten die Frauen des Dorfes Tortellini für die Gäste. Mit Kürbis, Sahne, Salami, Schinken.

    Der Herbst zog vorbei. Die braunen Sträucher und Disteln der Steppe wurden wächsern. Dreizehn wurde schwanger, und für Luigi begann eine schreckliche Zeit. Er musste ansehen, wie Dreizehn sich in ihr Innerstes zurück zog und sich ihm verweigerte.

  “Mein Kind”, weinte sie. “Sie werden es töten.” Doch meistens blieb sie stumm und tat, als sei Luigi nicht vorhanden, und sie ging nicht mehr aus dem Haus.

 

  Die Eidechsen verzogen sich in ihre Löcher als der Winter kam, und mit ihm das Winterfest. Wie das Sommerfest wurde es begangen, um für die vergangene Ernte zu danken und eine gute Ernte im neuen Jahr zu erbitten. Es gipfelte in dem Erntetanz. Luigi und Dreizehn wurden nicht eingeladen, und Luigi war froh darüber. Er wusste: Getanzt wurde in der Erntehalle. Paare stellten sich im Kreis auf. Männer auf der Innenseite, Frauen außen. Während die Musik spielte, tanzten die Paare ein paar Figuren. Die Männer rückten nach links, die Frauen nach rechts und tanzten die gleichen Figuren mit dem neuen Partner. Der Partnerwechsel setzte sich so lange fort, bis die Musik aufhörte. Die neuen Paare blieben für ein halbes Jahr zusammen. Kinder blieben bei der Frau. Die Wochen danach zerrten an den Nerven der Dörfler, und manch einer konnte sich nicht mit einem neuen Partner abfinden.

  “Machen alle mit?”, hatte Luigi gefragt. “Ja,” wurde ihm geantwortet. 

  “Bis auf Kinder, Kranke und diejenigen, die keinen Partner haben.”

  Zehn, der glückliche Bastard, dachte Luigi. Das letzte Mal hat er es gut getroffen.

 “Wie froh bin ich, dass man uns die Teilnahme verboten hat”, sagte er zu Dreizehn. “Ich möchte dich nicht verlieren”. Und er nahm sich vor, zu dem Sternenschiff zu fahren, welches die Dörfler Station nannten. Das Winterfest war der geeignete Zeitpunkt. Luigi zog den Reno aus dem Stall, spannte ihn vor den Karren. Als er los fuhr, kam Dreizehn schreiend aus dem Haus gerannt und lief hinter dem Karren her.

   Sie fuhren zur Station. Es schneite. Ein kalter Wind zauste Sträucher und Disteln. Wachsbleiche Wellen wogten über die Steppe. Luigi zog sich die Kapuze über den Kopf.

  Das Brummen der Station schien intensiver. Die Position des Schiffes hatte sich verändert. Es arbeitet sich aus dem Grund, dachte Luigi. Im Saal waren vier weitere Bildschirme aktiv. Der Boden vibrierte unter seinen Füßen, dann spürte er eine Erschütterung.

  “Es ist anders als sonst”, rief Luigi Dreizehn zu, als er die Reihe der Bildschirme entlang ging. Die Station erwachte. So schien es ihm, und er fühlte, dass nicht mehr viel Zeit blieb. Für was? Ein Display zeigte eine Halle. Mannshohe Zylinder standen nebeneinander an den Wänden, Behälter aus einem plastikähnlichen Material. Die meisten waren geöffnet und leer. Andere waren verschlossen. Hinter der Hülle sah Luigi Schatten, Rumpf, Beine, vier Arme. Bewegungslos.

  Ein anderes Display zeigte das Ufer des Flusses. Unter dem Bildschirm befanden sich Tasten in einem sechseckigen Feld. Wie auf Luigis Anhänger. Vier Tasten leuchteten. Luigi zog eine Spange aus Dreizehns Haar. Es fiel ihr über die Schultern. Wie schön sie ist, dachte Luigi und versank in ihren  Augen. Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Sie trug sein Kind. Ein kleines Lächeln umspielte ihren Mund. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Luigi blieb wie verzaubert, bis der Boden unter seinen Füßen bebte. Er zog das Halsband über den Kopf, ergriff den Anhänger und drückte mit der Haarspange die winzigen Tasten, wie sie auf der Konsole leuchteten.  

  Dreizehn wollte etwas sagen, brach mitten im Wort ab, stand mit großen Augen vor dem Monitor. Er zeigte Luigis Angelfluss. Luigi nahm Dreizehn an die Hand und zog sie zum Ausgang. Sie sprangen auf den Wagen und fuhren weiter auf das Ufer zu. Eine glasige,  undurchsichtige Barriere stellte sich ihnen in den Weg. Luigi sah, dass sie sich bis in den Himmel ausdehnte.

  “Was jetzt?” Luigi blickte Dreizehn fragend an. Sie zog eine weitere Spange aus ihrem Haar, sah Luigi an und dann ihren Anhänger. Als sie mit der Spange die Tasten bearbeitete, löste sich die Barriere auf. Ihnen zeigte sich der vertraute Fluss mit den Inseln aus rotblättrigen Bäumen. Sie fuhren über die Brücke ans andere Ufer.

  “Die Tasten!”, rief Luigi und Dreizehn wiederholte die Prozedur. Nebel zog über sie hinweg, und als Luigi sah, dass er sich an seinem Angelfluss befand, schaute er nach seinem Auto. Es war fort.

  Die Leute von Buona Compra rieben sich die Augen, als Luigi mit Dreizehn durch den Ort fuhr. Der Reno mit sechs Beinen, seinem gepanzerten Hinterteil, dem Winterfell. Sie rieben sich die Augen, die Leute von Buona Compra, und bevor jemand die Carabinieri hätte rufen können, hatte Luigi den Wagen hinter dem Haus von Mamma abgestellt.

  “Mamma! Mamma!”, rief er und öffnete die Tür. Mamma rang nach Luft, als sie ihn sah und fing an zu weinen.

  “Mamma, das ist Dreizehn. Wir sind gekommen, dich zu uns zu holen. Oder, Dreizehn, willst du hierbleiben?”

   Luigi dachte an die Einwanderungsbehörde. Wie heissen Sie? Dreizehn. Dreizehn? Woher haben Sie gesagt, kommen Sie? Aus Neu-Italien? Und dann dachte er an Carlo.

  “Lieber nicht”, beantwortete Luigi seine Frage. “Dreizehn, unterhalte dich mit Mamma. Ich muss noch mal los, Saatgut besorgen. Und Dreizehn”,

Luigi strahlte, “wir werden Getreidefelder anlegen, Mehl herstellen. Mamma wird Tortellini machen. Esskultur! Wir bringen Esskultur nach Neu-Italien!”

  Luigis Auto stand allein in der Garage. Carlo sitzt in der Bar und verprasst Mamas Rente beim Videopoker, dachte Luigi. Diesmal war er froh darüber.

  Der Saatguthändler wuchtete zwei Säcke mit Weizen und Mais in seinen Wagen. Luigi nahm noch ein paar Tüten Tomatensamen mit. “Bezahlt Carlo”, sagte er. Zu Hause sah er Mamma händeringend vor dem Reno, der mit dem Karren in ihrem Gemüsegarten stand und einen Salatkopf nach dem anderen fraß. Luigi lud die Säcke auf den Karren.

  “Mamma, steig auf. Die Zeit wird knapp.”

  “Und Carlo?”

  “Den holen wir später.”

   Luigi und Dreizehn fuhren so schnell es nur ging durch den Ort auf den Fluss zu. Mit offenem Mund sahen ihnen die Leute nach, beobachteten, wie Mamma sich an den Säcken fest hielt. Kinder folgten johlend und schreiend auf ihren Rädern.

   Am Fluss drehte sich der Reno zu den Kindern um. Seine roten Augen hielten sie auf Abstand. Dreizehn nahm ihre Spange und drückte die Knöpfe. Als sich der Nebel verzogen hatte, fiel Mamma in Ohnmacht. Neu-Italien. Luigi blickte auf seinen Anhänger.

  “Dreizehn. Unsere Namen sind weg!”

  “Wir müssen uns registrieren lassen! Und ich bekomme einen neuen Namen und kann mein Kind behalten!”, rief sie lachend und küsste ihn. Und ich habe sie nur noch bis zum Sommerfest dachte Luigi. Und was würde aus ihrem Kind? Ihm wurde übel.

  “Sieh dort!”, rief Dreizehn und zeigte in die Richtung des Dorfes. Luigi sah schwarze Punkte am Horizont. Wie Kakerlaken, die aus einer Dose krabbelten. Doch kamen sie schnell näher. Gespanne aus dem Dorf. Dörfler auf dem Weg zur Station.

   Luigi brachte den Wagen über die Brücke und hielt an. Es war, als sei das ganze Dorf unterwegs. Die Drohne in der Luft umkreiste die Gespanne wie ein Hirtenhund. Zehn jagte mit seiner neuen Frau an Luigi vorbei. Der fuhr mit seinem Wagen hinterher.

  “Wo bist du gewesen?”, rief Zehn.

  “Was ist los?”, brüllte Luigi zurück.

  “Wir haben keine Namen mehr!” Zehn zeigte auf seinen Anhänger, dann nach oben. “Müssen uns alle registrieren lassen!”. Lautes Brummen vermischte sich mit dem Rattern der Wagen. Das Sternenschiff schwebte einige Zentimeter über dem Boden. Dann fing es an zu pfeifen. Schreiend sprangen die  Dörfler ab und drängten sich durch den Eingang. Mütter trugen Kinder, Alte schleppten sich in das Schiff. Die Drohne schob sich in die Wand.

  “Bleib hier!” brüllte Luigi, doch es war zu spät. Entsetzt sah er, wie Dreizehn mit den anderen im Raumschiff verschwand.

  “Dreizehn, komm zurück!” heulte er und kletterte vom Wagen. Was interessierte es ihn, ob sie eine neue Nummer bekam. Er wollte sie, er wollte sein Kind. Dann drehte er sich um. Mamma richtete sich stöhnend auf. Die Triebwerke des Sternenschiffes sprangen an. Luigi lief auf das Raumschiff zu, kehrte um, sah auf Mamma und weinte, sah wie sich die Luke schloss, das Sternenschiff in die Lüfte stieg und im Blau des Himmels verschwand.