Traurigkeit bemächtigte sich seiner und zerrte an seinem Gemüt. Wie benommen sass Heinz auf der Terrasse und starrte düster auf die Idylle, in der Eichen wie schwarze Unheilsboten aus dem Wasser ragten. Azaleen, deren penetranter Duft, Schmetterlinge, die sie umgaukelten, schienen ihm zu sagen: dies war nicht seine Welt. Ein Kolibri schwirrte an ihm vorbei. Heinz sah zu, wie er an dem Pelikan vorbeiflog, der auf einem Pfahl döste, wie er zwischen den Magnolien verschwand, dann gab es keine Bewegung mehr. Es war, als sei die Natur erstarrt, das Plätschern des Wassers vor der Terrasse und das Knarren des Anlegesteges verstummt. Es war Tag und SIE schlief, schlief in seinem Haus, schlief auf seinem Bett. Er legte sich neben sie. Wie unschuldig und jung sie aussah. Wie alt war sie? Er hätte es nicht sagen können. Er wusste nur eines: sie liebten sich, mit jeder Faser ihres Seins und morgen würde sie für immer aus seinem Leben verschwinden. Seine Gedanken wanderten zwei Monate zurück.
Baton Rouge, Louisiana. Mit quietschenden Rädern setzte die Boeing 737 auf, bremste mit Gegenschub ab, rollte langsam über die Piste und wurde vor dem Gate eingewinkt. Motoren wurden abgestellt, das Anschnallzeichen erlosch, Gurte klickten. Es dauerte noch eine Weile, bis Heinz Dürr das Flugzeug mit den anderen Passagieren verlassen konnte. Dann die übliche Prozedur. Hinab zum Mietwagenstand, zum AVIS Parkplatz und ab über die Interstate 10 Richtung Lafayette. Heinz war ‘on the road again’.
Er brauchte das. Heinz kam aus Italien, wo seine Frau lebte, hatte den Flug Bologna, Frankfurt, Atlanta, Baton Rouge genommen. Er brauchte das, wollte raus aus der Enge, hatte Sehnsucht nach der Weite Nordamerikas, wo er Jahre seines Lebens zugebracht hatte, um dort zu arbeiten.
Wie befreit atmete er auf, als er in seinem Pontiac gen Westen fuhr, irgendwo hin, wo er noch nie gewesen war. Seine Frau hatte ihm zwei Monate zugestanden. Eine verständnisvolle Seele, das war sie, und nun hatte sie ihre Ruhe; er war weg.
Bereits Abend. Die nächste Ausfahrt war ein Lodging Exit. Sie zeigte Supermotel 8 sowie Red Roof’s Inn an. Eine Meile noch und Heinz bog ab, fuhr zum Motel, checkte ein, ging aufs Zimmer, warf sich aufs Bett und schlief prompt ein.
Am nächsten Morgen, nach ein paar Bagels und Kaffee, setzte er seine Fahrt fort. Noch einige Meilen auf der Interstate, dann bog er ab und nahm die Ausfahrt Richtung Loreauville.
Neben der Strasse wurde es sumpfig. Weisse Vögel schreckten hoch, stoben aus bemoosten Eichen am Wasser. Einige Stunden fuhr er nun schon, es wurde wärmer. Der Magen knurrte. Vor Heinz tauchte ein vergilbtes Strassenschild auf: ‘Eltville, 5 Miles’. Er bog ab. Die schmale Strasse schlängelte sich durch die Sumpflandschaft. Ein paar schlichte Holzhäuser kamen in Sicht, Zwiebelfelder, Schweineställe, ein Stadtschild ‘Eltville, Pop. 200’, dann eine Tankstelle, ein Friedhof mit einer Kirche, der kleine viereckige Platz mit einem Denkmal in der Mitte. Wie aus einem Spielzeugkasten. Geschäfte waren um den Platz gruppiert. Heinz fuhr seinen Wagen zwischen die Parkstreifen, hielt an und stieg aus. Er sah sich um. An der Ecke war ein Restaurant, die Bayou Inn.
Die Leute auf den Hockern vor der Theke drehten sich neugierig um, als sich die Tür hinter ihm schloss. Vor dem Fenster standen ein paar Tische und Bänke. Eine ältere Frau kam hinter der Theke hervor, und Heinz bestellte einen Hamburger with everything, mit allem, was es gab, sowie eine Cola. An der Theke unterhielten sich ein paar Leute. Nach einer Weile stieg einer von ihnen, ein untersetzter, graumelierter Mann, von seinem Hocker und setzte sich zu ihm.
“Hi, wohl neu hier in der Gegend, was? Wo kommst du her?”
“Aus Italien, mache Urlaub.”
“Well, hier bist du richtig. Ich heisse Mark Ellis und bin von der kommunalen Grundstücksverwaltung.”
Heinz nannte ihm seinen Namen, schüttelte Ellis Hand und sagte ihm, dass er zwei Monate ausspannen wolle.
“Kann man hier ein Appartment mieten?”
“Nicht nur das,” strahlte Ellis. “Für 400 Dollar im Monat biete ich dir ein möbliertes Haus am Wasser an. Wenn du willst, zeige ich es dir.”
Ellis ging zur Theke zurück und nahm seine Konversation wieder auf. Während Heinz ass, blickte er durch das Fenster. Vor den Geschäften pendelten Schilder im Wind. Der Himmel hatte sich eingetrübt und ließ die verblätterten Fassaden der Läden gegenüber noch trostloser erscheinen. Eine Böe wehte Papierfetzen über den Fussweg. Schaufenster ohne Auslagen. Nicht alle, aber einige. Die kleine Stadt schien halb tot.
Heinz warf einen Dollar Trinkgeld auf den Tisch, ging an die Theke und bezahlte die Rechnung. Ellis verliess mit ihm das Lokal. “O.K. Heinz, fahr hinter mir her. Es sind nur fünf Meilen von hier.”
Heinz sah, wie Ellis in einen Pick-up stieg und langsam davonfuhr. Heinz folgte ihm. Bald wich die feste Asphaltdecke der Strasse dem Schotter eines Weges, der, von hohen Bäumen umsäumt, immer dichter ins Sumpfgebiet führte. Ellis bog links ab, sie legten noch eine Meile zurück, bis er auf eine holprige Einfahrt fuhr. Eine Holzhütte lugte zwischen Zypressen hervor. Im Hintergrund blinkte ein See. Ellis hielt seinen Truck vor dem Haus.
“Das ist es,” meinte er, als sie beide aus ihren Wagen stiegen. Er zog einen Schlüssel aus seiner Jackentasche und schloss die Eingangstür auf.
Eine leichte Brise war aufgekommen. Wasser plätscherte gegen die Terasse, die sich knarrend hob und senkte. Spechte hämmerten, in der Ferne kreischte eine Motorsäge.
Heinz hatte es sich auf der Holzbank vor seinem Haus bequem gemacht und blinzelte in den heller werdenden Tag. Er sah die Eichen, deren Spiegelbild im Wasser. Ein Kolibri verharrte schwirrend über einem Glasbehälter mit Honigwasser, der von der Verandadecke herabhing. Schwalbenschwanzfalter gaukelten über gelben und roten Azaleen, deren strenger Duft sich auf seine Sinne legte. Magnolienblüten leuchteten durch die Zypressen am Ufer. Ein Pelikan ruhte sich auf einem Holzpfahl aus und äugte argwöhnisch zu ihm herüber. Hallo Albert! Heinz war mit sich, der Welt zufrieden und blätterte in seiner Gedichtsammlung.
Es war schon einige Tage her, dass er seinen Koffer ausgepackt hatte und in den nächsten Stop n’ Shop Supermarkt gefahren war, um sich Angelzeug zu kaufen und den Kühlschrank zu füllen. Am liebsten würde er sich selbst versorgen. Das Gewässer vor seinem Haus war reich an Fischen und zwei Monate reichten aus, um Salat und Radieschen anzubauen.
Heinz klappte das Buch zu und blickte auf ein Ruderboot, das am Holzsteg vertäut war, der von der Veranda hinwegführte. Er stand auf, betrat das Haus, ging in die Küche. Mit einem Steak ging er zum Schuppen. Sein Blick wanderte über Werkzeuge, Arbeitshandschuhe, Gartengeräte, die Schubkarre hinweg. Das Angelzeug lag auf einer Drehbank. Heinz ergriff seine Angelrute sowie Kasten, Kescher und Netz. Ein Jutesack fiel vor seine Füsse. Holzpflöcke kollerten heraus. Heinz stieg über sie hinweg, verliess den Schuppen und setzte sich ins Boot. Er band es los, ruderte zwischen den Eichen hindurch. Er legte die Ruder ins Boot und sah sich um. In etwa zwanzig Metern Entfernung trieb ein Baumstamm im Wasser.
Heinz schnitt ein Stück Fleisch vom Steak, zog es auf den Haken und warf die Angel aus. Nach einigen Minuten zuckte der Schwimmer und er hatte den ersten Fisch am Haken. Eine halbe Stunde später ruderte Heinz mit einem vollen Netz zappelnder Katzenwelse und Barsche zurück.
Am Steg vertäute er das Boot und band das Netz an einem der Pfähle fest, die die Planken abstützten. Das Netz hing taumelnd im Wasser.
Am nächsten Morgen baumelte die zerrissene Leine müde vom Pfahl herab. Das Netz war verschwunden. Heinz blickte missmutig aufs Wasser hinaus. In etwa dreissig Meter Entfernung dümpelte ein Baumstamm.
Besorge ich mir ein neues Netz, seufzte Heinz resigniert und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Danach ruderte er wieder zum Angeln aus. Interessiert blickte der Pelikan von seinem Pfahl auf ihn herab.
Nach einer halben Stunde, mit Welsen und Barschen im Netz, liess er es ins Wasser, holte einen Stuhl aus dem Esszimmer und postierte sich auf die Terasse.
Es war schwül. Dösend betrachtete Heinz den See. Der Baumstamm bewegte sich, trieb langsam auf das Netz zu. Heinz sah genauer hin. Kein Baumstamm, es war ein Alligator! Ein Riesentier, bestimmt 5 Meter lang! Heinz sprang auf und lief zum Steg. Der Alligator schwamm schneller. Heinz hechtete auf die Planken und zog das Netz in die Höhe. Die Echse riss das Maul auf.
“Harry, so geht das nicht!” rief Heinz. Mit weit aufgerissenem Maul schwamm der Alligator hin und her, peitschte mit seinem Schwanz und blickte wütend zu ihm hoch. Heinz ergriff ein paar Fische und warf sie der Echse in den Rachen. Er hörte Flügelschlagen und blickte zur Seite. Der Pelikan landete in zwei Meter Entfernung und wartete auf seinen Anteil.
Heinz warf ihm einen Barsch vor den Schnabel. Nach einigen Schwierigkeiten hatte der Vogel den Fisch in seinen ausladenden Schnabel geklemmt und flog auf seinen Pfahl zurück. Heinz blickte ins Wasser hinab. Der Alligator war verschwunden. Hinter ihm rauschte es. Heinz blickte über seine Schulter. Das Tier war wieder aufgetaucht, hielt etwas im Maul, liess es ins Wasser gleiten und verschwand in der Tiefe. Heinz beugte sich zum Wasser hinunter. Ihm stockte der Atem. Unter ihm schwamm das Stück einer Leiche. “Vielen Dank, Harry,” brüllte Heinz verstört über das Gewässer. Er lief in den Schuppen und holte seinen Kescher. Nach einigen Mühen gelang es ihm, das Leichenteil mit dem Kescher auf den Steg zu ziehen. Kopf, Hals und Oberkörper waren unversehrt. Das untere Teil war verschwunden. Vermutlich hatte es der Alligator im Bauch.
Heinz stand gedankenverloren über dem Leichnam. Ein lautes Stöhnen schreckte ihn auf. Der Kopf bewegte sich. Rötliche Augen starrten ihn an, versuchten sich in sein Bewusstsein zu fressen.
“Zieh mich aus dem Licht! Zieh mich aus dem Licht!”
Der Kopf hielt den Mund weit geöffnet. Zwei spitze Vampirzähne boten sich dar. Vampirzähne?
Heinz erstarrte. Wo bin ich denn hier. Bei Dracula? Plötzlich erinnerte er sich an den Jutesack mit den Holzpflöcken und stürzte in den Schuppen. Mit einem Holzpflock und einem Hammer kam er wieder hervor und lief auf den Steg zurück. “Du Bastard wirst mir nicht meinen Urlaub versauen!”, brüllte er und mit einem wuchtigen Schlag trieb er dem Vampir den Holzpflock ins Herz.
Ihm stockte der Atem, als er sah, wie der Vampir in wenigen Minuten zu Staub zerbröselte. Sein Herz raste. Wie benommen ging er zum Haus zurück. Was war hier los? Er war erschrocken. Wieso hatte er auf diese Weise reagiert? Ohne nachzudenken, und ohne zu zögern hatte er den Vampir erlegt. Reflex, reiner Reflex, dachte Heinz und setzte sich in seinen Wagen.
Marktplatz von Eltville. Er ging in die Bayou Inn und sah sich nach Ellis um. Die Bedienung zeigte ihm das Büro der kommunalen Grundstücksverwaltung auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Ellis sass vor einem Computer und bearbeitete ein Spreadsheet.
Als er Heinz sah, drehte er sich auf seinem Stuhl zu ihm herum und grinste. “Hallo Heinz, nimm Platz. Ich habe dich schon erwartet. Kaffee?”
Heinz nickte und nahm vor dem Schreibtisch Platz.
“Ellis, du wirst nicht glauben, was ich dir jetzt erzähle.”
“Oh, yeah? Vampire, nicht wahr?” Ellis griff nach dem Topf und füllte zwei Pappbecher.
Einen schob er Heinz zu.
“Was? Du weisst davon und hast mir nichts gesagt?”
“Heinz. Erstens wollte ich das Haus vermieten und zweitens willst du sicher was im Urlaub erleben, oder irre ich mich? Doch erzähl mal, was ist passiert?
Heinz schilderte sein Abenteuer. “Ich hatte den Eindruck, als würde der Alligator, nachdem ich ihn gefüttert hatte, mir den Vampir zum Geschenk machen,.”
“Das ist neu für uns.” Ellis kratzte sich am Ohr. “Das haben wir noch nicht erlebt. Es ist wahr, wir haben Vampire in unserer Gegend. Unter Umständen war der, den du erlegt hast, der vorige Hausbesitzer gewesen. Dein Vorgänger war plötzlich verschwunden. Er hatte keine Erben und so haben wir das Haus mit dem Grundstück übernommen. Es ist nicht das Einzige.”
Ellis deutete auf seinen Computer. “Ich habe jeden Tag damit zu tun, verwaiste Häuser und Grundstücke wieder an den Mann zu bringen.”
Heinz erbleichte. Ihm war nicht wohl.
“Ich glaube, ich kann einen Brandy gebrauchen. Da kann also des nachts einer von ihnen bei mir eindringen und seine Hauer in meinen Hals schlagen, oder?”
Ellis tippte nervös mit seinem Fuss auf den Boden.
“Theoretisch ja. Aber wir haben in deiner Gegend gut aufgeräumt. Die Zone sollte jetzt vampirfrei sein. Unsere Taskforce ist wöchentlich im Einsatz, ein paar Jahre vorher hatte sie noch täglich zu tun. Viele der Untoten halten sich tagsüber in hohlen Bäumen auf, die im Sumpf stehen, und gehen nachts auf Beute aus. Es werden immer weniger. Die meisten von ihnen werden von Alligatoren in Schach gehalten. Nur wenigen von ihnen gelingt es, ans Festland zu kommen, der Rest wird entweder auf dem Weg dorthin von Alligatoren zerrissen oder bleibt in den Bäumen. Wir ziehen sie tagsüber heraus und vernichten sie. Nicht alle. Mit den weiblichen von ihnen verfahren wir anders.”
“Wieso denn das?”
“Wir können sie noch einsetzen.” Ellis öffnete eine Schreibtischtür, holte eine Flasche Brandy und zwei Gläser hervor. Er schenkte ein. Danach blickte er Heinz nachdenklich an. “Prost Heinz, aber vielleicht solltest Du doch Knoblauch auf deinem Grundstück auslegen. Unsere Felder hast du gesehen, als du zum ersten Mal in unseren Ort gefahren bist, oder?”
“Ich dachte, dass seien Zwiebeln. Und was ist mit den Schweineställen?”
“Normale Schweinezucht. Mit einer kleinen Variante. In unserer kommunalen Schlachterei wird das Schweineblut gesammelt und in eine Blutbank überführt.”
Ellis erhob sich und griff nach seiner Jacke. “Komm Heinz, wir gehen mal auf einen Sprung zur Pfarrei. Sie ist hier gleich um die Ecke.”
Ellis schloss das Büro ab. Als sie um die Ecke bogen, sah Heinz die kleine schmucklose Kirche mit dem Pfarrgebäude auf der anderen Strassenseite. Ein Schild auf dem Rasen vor dem flachen Kirchenbau verriet ihm, das sie auf die Kirche der geretteten Seelen zugingen. Hinter der Pfarrei erstreckte sich ein weitläufiger, gepflegter Friedhof.
Ellis betätigte den Klopfer an der Tür, rief “Pfarrer Mc Grew!”. Sie warteten eine Weile.
“Niemand zu Hause.” Ellis wandte sich ab. “Also Heinz, wie wäre es mit heute abend, um 8:30 vor meinem Büro? Ich habe dir noch einiges zu zeigen.”
Heinz war einverstanden, fuhr zum Stop n’ Shop, kaufte ein Dutzend Knoblauchzwiebeln und machte sich auf den Heimweg. Er fuhr langsam. Wie ein Bienenschwarm schwirrten Gedanken in seinem Kopf. Wie kam es, dass niemand von Vampiren in Eltville wusste? Fernsehen, Zeitungen, Radio, niemand berichtete davon. Was war hier los? Heinz fand keine Erklärung. Als er zu Hause ankam, holte er eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich auf seine Terasse und blickte auf das Wasser hinaus.
Der Steg knarrte, Albert, der Pelikan ruhte auf seinem Pfahl. Die moosbedeckten Eichen, unbeweglich im Wasser, vermittelten ein Bild der Ruhe. Schmetterlinge gaukelten von Blüte zu Blüte. Die Idylle liess nicht ahnen, dass sich in Eltville auch eine andere Welt etabliert hatte.
Er traute sich nicht, zum Angeln auszufahren. Harry würde wieder auftauchen, vielleicht mit einem anderen Präsent.
Heinz holte seine Gartengeräte und Samen aus dem Schuppen und fing an, seine Gemüsebeete anzulegen. Er grub um, hackte und harkte den Boden und säte seinen Salat und seine Radieschen aus. Danach begoss er die Beete. Anschliessend holte er die gekauften Knoblauchzwiebeln aus der Küche, hängte sie über die Fenster und über die Tür. Das muss reichen. Heinz blickte auf die Uhr. Schon wieder Abend. Heinz sprang in seinen Wagen und fuhr nach Eltville hinein.
Ellis wartete schon auf ihn. “Du kannst deinen Wagen hier stehen lassen. Wir gehen zu Fuss. Es ist nicht weit von hier.”
Zwei Strassen weiter erblickte Heinz ein grosses, flaches Gebäude. Der Parkplatz davor war mit Pick-up Trucks und Personenwagen vollgepackt. Die Leuchtreklame war noch ausgeschaltet. Heinz las
Zum Steilen Zahn
Strip, Table-Dance and Lap-Dance
“Du wirst es nicht glauben, Heinz. Aber dieser Laden gehört der Stadt, und er ist jeden Tag voll.” Ellis lachte und legte einen Arm um Heinz Schulter. “Komm, lass uns reingehen. Ich gebe dir ein Bier aus.”
Sie gingen an der Kasse vorbei. “Kommunalangestellte haben freien Eintritt. Übrigens der Name ‘Steiler Zahn’ ist verfehlt, aber das wirst du gleich sehen.”
Die Beleuchtung war gedämpft, Boden und Wände mit rotem Samt ausgelegt. Der Laufsteg in der Mitte des Saales erinnerte an eine Modenschau, doch der Eindruck verflüchtigte sich beim Anblick der Männer mit Baseballmützen, die mit ihren Stühlen dicht an den Laufsteg herangerückt sassen, sowie der bleichen, weiblichen Gestalten im Bikini, die sich vor ihnen bewegten. Die Kellner waren voll im Einsatz. Das Lokal war brechend voll, die Tische fast alle besetzt.
Sie nahmen an einem reservierten Tisch Platz, von dem aus sie einen guten Überblick hatten. Ohne Aufforderung brachte der Kellner zwei Flaschen Bier. “Kommunalangestellte haben auch freie Getränke. Nun kannst du dir vorstellen, warum ich nicht von hier weggehen würde. Prost Heinz.”
Heinz langte nach der Flasche. “Wow, Ellis, die Frauen sind toll gebaut; aber selbst unter dieser schummrigen Beleuchtung sehen sie bleich aus. Was ist mit denen los? Sind sie alle anämisch? Und ausserdem, mensch Ellis, jede von ihnen, die den Mund aufreisst, hat zwei Zahnlücken. Das heisst doch wohl nicht….”
“Genau das, Heinz. Sie waren Vampire. Im Grunde sind sie es immer noch, untot, können nicht sterben.”
“Donnerwetter! Und ohne ihre Hauer sind sie ungefährlich?”
“So ist es. Unsere Taskforce sucht die hohlen Bäume in den Sümpfen nach Vampiren ab, die sich dort tagsüber verstecken und dort schlafen. Männliche und wenig reizvolle weibliche Exemplare werden vernichtet. Die gutaussehenden stopfen wir in Bodybags und schützen sie vor dem Tageslicht. Anschliessend karren wir sie zum kommunalen Zahnarzt, der ihnen die beiden Vampirzähne zieht. Sie sind damit für Menschen ungefährlich.
Es sind Vampire, keine Menschen, man kann das gar nicht oft genug betonen. Sonnenlicht ist tödlich für sie, sie scheuen den Tag. Davon abgesehen sind sie unsterblich und benötigen Blut als Nahrung. Durch Experimente haben wir herausbekommen, dass sie auch von Schweineblut leben können.”
Ellis nahm einen Schluck aus seiner Flasche. “Die städtische Blutbank brauche ich dir wohl nicht zu zeigen. Ich denke, du glaubst es mir auch so. Jede der Frauen kennt eine Code-Nummer, mit der sie Zugang zur Blutbank hat. Das Blut bezahlen die sie mit ihren Einnahmen.” Ellis deutete auf die Männer, die den Stripperinnen einige Dollarnoten zwischen ihre Brüste schoben.
“Die Blutbank selbst wurde mit Hilfe der Kirche der geretteten Seelen eingerichtet. Pfarrer McGrew ist eine der Hauptstützen diese Projekts. “
Ellis grinste wieder. “Vermutlich hatte er sich mit einer seiner Elevinnen im abgedunkelten Schlafzimmer zur Ruhe gelegt, als wir ihn besuchen wollten. Er hält für sie nächtliche Kurse über Servietten falten, Aquarelle malen, klassische Musik und Literatur ab. Tagsüber schlafen sie hier auf dem Boden.” Ellis deutete auf die Decke des Saales. “Oder auch bei ihm.”
“Ihr habt doch so scharfe Anti-Diskriminierungsgesetze in den U.S.” Heinz zeigte auf die Schönen der Nacht. “Ich meine, wenn ihr nur die Gutaussehenden am Leben lasst. Was sagt denn die Equal Employment Opportunity Commission dazu. Es gibt doch den Equal Opportunity Act, den Gleichstellungsgrundsatz.”
“Nun hör mal auf, Heinz.” Einige der Frauen waren über die Brüstung des Stegs gesprungen und kletterten auf den Schoss der Gäste. “Erstens sind dies Vampire und keine Menschen und zweitens…” Einer der Männer brüllte und sprang von seinem Sitz hoch, zog die Frau mit sich, die sich an seinem Hals festgebissen hatte. Verzweifelt versuchte er sie abzuschütteln.
“Ein Vampir!” schrie Ellis. “Sie hat sich hier eingeschmuggelt!”
Zwei Rausschmeisser stürzten herbei und rissen die Frau von dem Gast herunter. Die anderen Mädchen wandten ihr Gesicht ab, als die Männer den weiblichen Vampir auf den Laufsteg warfen, hinterhersprangen und ihm einen Holzpflock ins Herz rammten.
Während der Vampir zu Staub zerfiel, torkelte das Opfer dem Ausgang zu. Ellis griff in seine Jacke, zog einen Revolver hervor, zielte und schoss dem Gast in den Kopf. Blut lief an dem Kassenfenster herunter. Einem Mann, der gerade seinen Eintritt bezahlt hatte, war es auf Gesicht, Hemd und Jacke gespritzt. Seelenruhig setzte er sich an den Laufsteg. Die Frauen stürzten sich auf ihn, tanzten vor ihm, kletterten auf seinen Schoss, küssten ihn, leckten das Blut von seinem Gesicht.
“Nun ist es gut,” brüllte Ellis. “Schmeisst den Mann hier raus, der versaut unseren Umsatz,” rief er den beiden Rausschmeissern zu. Die waren schon vom Laufsteg heruntergesprungen, rissen den Mann vom Stuhl und schleiften ihn zum Ausgang.
“Das ist ein bischen ausser Kontrolle geraten,” Ellis blickte den Männern nach, die durch den Ausgang verschwanden. “Ich musste den Gast erschiessen, er war infiziert. Als Vampir hätte er schweres Unheil anrichten können.”
Heinz war aufgesprungen. Er schwankte leicht. “Ellis, ich glaube ich habe genug gesehen. Es ist besser, ich gehe jetzt.”
“O.K.”, erwiderte Ellis resigniert “Bist wohl nicht an einer unserer Hübschen interessiert, wie?”
Er lächelte. “Aber dir fehlt noch eine Information, und wir haben ein unerklärliches Mitteilungsbedürfnis. Vielleicht wollen wir damit unsere Handlungen rechtfertigen. Ich weiss es nicht. Morgen werde ich einen Termin mit unserem Bürgermeister sowie dem Pfarrer machen. Wir haben dir noch einiges zu erklären. Du hörst von mir.”
“In Ordnung, tu das.” Halb benommen, und ohne zu grüssen, stolperte Heinz dem Ausgang zu. An der frischen Luft kam er wieder zur Besinnung, ging die paar Meter zu seinem Wagen zurück und fuhr nach Hause. Während er langsam die Einfahrt zu seinem Haus hinauffuhr, blendete er die Scheinwerfer auf. Heinz erschrak, als er sah, wie eine Gestalt den Rasen entlanglief und hinter dem Haus verschwand. Er fuhr seinen Wagen in den Unterstand. Zum Glück hatte er dort ebenfalls Knoblauch ausgelegt. Hoffentlich wirkt das. Heinz sprang aus dem Fahrzeug, schloss die Tür auf, lief ins Haus und verriegelte die Tür von innen.
Er konnte nicht schlafen. Zu sehr hatten ihn die vorangegangenen Ereignisse aufgewühlt. Er schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Programme. In einem gab es ‘Buffy, the Vampire Slayer’, in einem anderen ‘Forever Knight’, den Detective, der als bekehrter Vampir die Stadt von kriminellen Elementen befreite. Auf einer anderen Station sah er eine Frau, die den Tighmaster zwischen ihre Beine geklemmt hatte, Federn, die stramme Schenkel versprachen. Heinz kauerte sich im Sessel zusammen und wartete auf den Morgen.
Als er in der Küche das Frühstück zubereitete, liess er den vorherigen Abend vor seinem inneren Auge ablaufen. Was für weisse Flecken gab es denn noch auf der Landkarte? Was wollten die Leute in Eltville heute erzählen?
Der gesunde Menschenverstand sagte ihm, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden; doch er hing am Haken. Er kam nicht mehr los. Das war Abenteuerurlaub, oder? Er war voller Energie, ass mit gutem Appetit, holte sein Angelzeug aus dem Schuppen, stieg ins Boot und ruderte an den Bäumen vorbei. Auch diesmal war das Netz schnell voll. Heinz ruderte zurück, ging auf den Steg und hängte es ins Wasser. Er setzte sich und liess die Beine ins Wasser baumeln. Harry, der Alligator, liess nicht lange auf sich warten. Mit mächtigen Schlägen seines Schwanzes schoss er durch das dunkle Wasser. Heinz zog seine Beine hoch, ergriff das Netz und zog es nach oben, kehrte es um und schüttete einige Fische in den aufgerissenen Rachen der Echse. Flügel flatterten, Albert landete neben ihm und blickte ihn fordernd an. “Hier hast du einen, Albert.” Heinz suchte nach dem grössten Barsch, der noch im Netz war und legte ihn dem Pelikan vor die Füsse. Er blickte hinab. Harry hatte seinen Rachen wieder weit aufgerissen. Heinz erhob sich und liess die letzten Fische in Harrys Rachen fallen.
Er zeigte Harry das leere Netz. “Das war der Rest Harry.”
Während Heinz das Netz zusammenrollte, rauschte es hinter ihm. Er wandte sich um. “Nicht schon wieder,” stöhnte er, als er sah, dass der Alligator mit seiner Schnauze einen Kadaver an die Wasseroberfläche befördert hatte und wieder wegtauchte.
War es ein Kadaver? Er nahm sich keine Zeit zu überlegen, sondern sprang ins Boot, band es los und ruderte zu dem im Wasser treibenden Körper. Es war eine Frau, der Körper schien unversehrt. Heinz griff ihr unter die Achseln und zog sie ins Boot hinein.. Ein paar Ruderschläge, das Boot schob sich unter die Balken. Heinz schwang sich heraus und band es fest, so dass es unter dem dunklen Steg blieb. Tageslicht war tödlich. Er lief ins Haus hinein, holte eine Wolldecke hervor, zog die Schubkarre aus dem Schuppen, hastete mir ihr zum Steg, band geschwind das Boot los, zog es unter dem Steg hervor, sprang hinein, wickelte den steif daliegenden Körper in die Decke und wuchtete ihn anschliessend auf das Holz des Steges. Er stemmte sich nach oben, das Boot trieb ab und dümpelte etwa zwei Meter entfernt auf dem Wasser.
Heinz hob den Körper empor und liess ihn in die Schubkarre fallen. Heinz keuchte und wischte sich mit der Hand den Schweiss von der Stirn. Die Frau bewegte sich nicht, schien leblos. Heinz karrte die die Frau zum Schuppen. Es war dunkel dort. Der einfallende Schein des Tageslichtes liess nur ahnen, wo die Werkbank stand.
Wieder sass er in seinem Pontiac und fuhr Richtung Eltville. Ellis hatte ihn angerufen. Heinz schüttelte sich innerlich. Mann, das war was gewesen und hatte Kraft gekostet. Doch es war ihm gelungen, der Frau die Vampirzähne zu ziehen.
Nicht zu fassen, was er hier machte. Mit Schraubstock, Arbeitshandschuhen und Flachzange hatte er es geschafft. Jetzt lag sie in dem dunklen Schuppen. Gegen Abend würde sie zu sich kommen, musste er unbedingt zu Hause sein.
Ellis wartete in seinem Büro auf ihn. Gemeinsam gingen sie ins Rathaus, stiegen die Treppe hoch und traten in das Besprechungszimmer, in dem der Bürgermeister sowie Pfarrer McGrew bereits auf sie warteten.
“Hallo Heinz, nett dass du dir die Zeit genommen hast. Ich bin Ted und das ist Marty.” Smith schüttelte seine Hand und deutete auf McGrew, der ihn neugierig musterte.
“Nachdem du schon so viel über unsere Situation weisst, solltest du auch den Rest hören. Wenn du hier weg bist, kannst du mit deinem Wissen ohnehin nichts anfangen.”
Smith lachte meckernd und füllte die Whiskygläser. Ellis und McGrew fielen in das Lachen ein, als sich alle in die schweren Ledersessel fallen liessen, die um einen kleinen Tisch gruppiert waren.
“Ich muss gestehen, dass ich immer noch nicht begriffen habe, wieso die Aussenwelt bisher nichts von den Vampiren mitbekommen hat.”
“Du bringst es auf den Punkt.” Smith zeigte mit dem Whiskyglas auf Heinz. Wir nennen es SLID, ‘Spooky Loss of Information at a Distance’, also ‘geisterhaftes Verschwinden von Information auf Entfernung’.”
“Mit anderen Worten,” ergriff McGrew das Wort, “wenn du aus einem fest definierten Umkreis von Eltville herausgefahren bist, hast du jede Information, die du über Vampire gehabt hast, vergessen.”
“Und nicht nur das,” Ellis hob das Glas mit der goldgelben Flüssigkeit gegen das Licht, “auch schriftliche Information, die sich auf Vampire bezieht, ist dann verschwunden.”
“Wie ist es mit e-mail oder verschlüsselten Botschaften?” fragte Heinz.
“Die kommen nicht an.”
Heinz blieb stumm. Alle blickten sie auf ihn, als habe er eine Erklärung. Er hatte keine. Die Honoratioren Eltvilles haben sich passabel eingerichtet. Sie hätten wegziehen können. Aber sie dachten gar nicht daran. Mit ihrem Stripschuppen verdienten sie einen Haufen Geld, hatten eine Menge Spass, Bier und Frauen umsonst und konnten ihren Jagdinstinkten freien Lauf lassen.
“Welche Erklärung habt ihr dafür?”
“Wir meinen, in unserem Gebiet überschneiden sich zwei Dimensionen. Die ersten Vampire waren nicht von unserer Erde. Sie hatten die unangenehme Eigenschaft, ihre Natur auf uns Menschen zu übertragen. Nur sie können nicht mehr dorthin zurück, wo sie hergekommen waren – es scheint, unsere Dimension verhindert das - und wir müssen das beste daraus machen.”
Smith lächelte. “Du weisst, wie das geht.”
Heinz setzte sein Pokergesicht auf.
“Was ich noch sagen wollte. Ich habe einen weiblichen Vampir in meinem Schuppen. Die Zähne habe ich ihm selbst gezogen. Ich möchte gern im Haus sein, wenn er aufwacht.”
Heinz erhob sich. “Und noch etwas. Ich denke, er wird Schweineblut benötigen. Wieviel trinkt er so am Tag?”
“Sie wird mit einem halben Liter pro Tag auskommen,” erwiderte McGrew. Er hatte sich ebenfalls erhoben. “Ich gehe mit ihm zur Blutbank,” wandte er sich den anderen zu. “Sie ist direkt neben der Kirche, Heinz.”
Smith stand auf und gab Heinz die Hand. “Viel Spass noch bei uns. Wenn du Lust auf einen sorglosen Abend im Steilen Zahn hast, fühl dich dort wie zu Hause. Du bist unser Gast.”
“Vielen Dank,” meinte Heinz und winkte Ellis zu. Dann machte er, dass er aus dem Büro kam. McGrew folgte ihm. Gemeinsam gingen sie über die Strasse auf die Kirche zu. Neben ihr befand sich ein kleines unscheinbares Gebäude. Ein Generator brummte. McGrew drückte ein paar numerierte Tasten, die neben einer Stahltür angebracht waren und riss die Tür auf. Es war schummrig und kühl. McGrew zog zwei Plastikbehälter aus einem Regal, schraubte deren Deckel ab und hielt sie unter einen Zapfhahn.
“O.K. Heinz. Hier sind zwei Fünfliterbehälter. Mit denen kommt sie zwanzig Tage aus. Wenn der erste Tank leer ist, komm zu mir und ich fülle ihn wieder auf. Denke daran, Blut muss kühl gelagert werden. Am besten kaufst du im Stop n’ Shop vier 2,5 Liter Orangensaftbehälter, die passen in jeden Kühlschrank, und füllst das Blut um, wenn du zu Hause bist.”
Heinz ergriff die Plastikbehälter und trat ins Freie. McGrew liess die schwere Tür hinter sich ins Schloss fallen.
“Du wirst sehen. Des Nachts wird sie zu dir zu kommen und sich zu dir legen.”
McGrew sah zu Heinz hin und schüttelte den Kopf. “Nein, nein, sie ist nicht auf Sex aus, oder sagen wir mal, das ist nicht das Einzige. Es ist etwas anderes.”
Er ging langsam davon und drehte sich noch einmal um. “Es ist, als ob sie deine kurzlebige, frische Energie brauchte, um ihrer Existenz auf unserer Erde einen Sinn zu geben.
Nun, genug der Phantasterei,” lachte McGrew. “Und sage uns Bescheid, wenn du Eltville verlassen willst. Wir holen die Frau ab und werden sie weiter betreuen. Sie sieht doch gut aus, oder?”
“Blendende Figur. Einfach hinreissend,” log Heinz. Es konnte stimmen oder auch nicht. Es war alles so schnell gegangen, und er hatte sie nicht mehr aus der Decke gewickelt.
Während McGrew in seine Pfarrei zurückging, beeilte sich Heinz, zu seinem Fahrzeug zu kommen. Es war schon spät geworden. Er machte seine Einkäufe im Supermarkt, besorgte sich einen Trichter sowie vier Organgensaftbehälter und fuhr heim.
Es war merklich dunkler geworden, als er zu Hause ankam. Heinz schloss auf, trug die braune Papiertüte, die beiden 5-Litertanks sowie die Orangensaftbehälter in die Küche, dann stürzte er zum Schuppen und knipste das Licht an. Verdammt, der Kopf ist noch eingeklemmt. Die Wolldecke lag auf dem Boden. Die nackte Gestalt der Frau wand sich auf der Werkbank. Heinz lockerte den Schraubstock. Fauchend stürzte sich die Frau auf ihn, warf ihn zu Boden. Die Rippen taten ihm weh, als sie ihn unter sich begrub. Ihre rötlichen Augen schienen sich in sein Gehirn zu bohren. Ihm wurde schwarz vor Augen, als er bemerkte, wie sich ihr Mund seinem Hals näherte. Er spürte ihre Lippen, dann ihre….nein, er spürte nichts weiter, nur endlose Leere und Resignation. Es war, als ob sich ihre Gefühle auf ihn übertragen hätten.
Heinz schob sich unter der Frau hervor, stand auf und zog sie zu sich hoch. Ihr bleiches Gesicht war schön. Es wurde von einer Fülle schwarzen Haares umrahmt. Tränengefüllte dunkle Augen über hochstehenden Wangenknochen blickten ihn ausdruckslos an.
Heinz nahm sie in den Arm. Er wollte sie trösten, jedoch fehlten ihm die Worte. So stützte er sie und ging mit ihr aus dem Schuppen. Es war wohl dunkel genug, mit ihr ins Freie zu gehen. Dann führte er sie in die Wohnung. Erst jetzt wurde ihm klar, dass sie nackt war. Er hatte McGrew die Wahrheit gesagt. Sie war schön. Sicher würde sie keine Probleme haben, im Steilen Zahn einen Job zu bekommen. Er schüttelte den Gedanken ab und zog eines seiner Hemden aus dem Schrank, das er ihr überzog. Heinz setzte die Frau wie eine Puppe aufs Sofa. Dort blieb sie unbeweglich sitzen und starrte ins Leere, während er in der Küche verschwand und das Blut umfüllte. Er kam mit einem vollen Glas aus der Küche hervor und kniete sich vor ihr hin.
“Trink diesen Saft, er wird dir gut tun.”
Sie setzte das Glas an die Lippen und trank es in einem Zug aus.
“Danke.” Sie sah ihn unverwandt an, und Heinz merkte, wie Leben in ihre Augen kam.
“Komm, wir gehen vor die Tür, der Abend ist so schön.” Heinz erhob sich und zog sie zu sich empor. Sie schwankte und lehnte sich gegen ihn. Er hakte sie unter und ging mit ihr auf die Terasse. Sie setzten sich auf die Bank.
Die Riesenscheibe des Mondes spiegelte sich auf dem Wasser, dessen monotones Plätschern nur von dem Gurren und Locken der Nachtvögel unterbrochen wurde. Es war warm. Stumm blickten sie auf die glänzende Oberfläche. Eine lange Weile sassen sie so. Dann blickte Heinz zur Seite. Dort lag seine Gedichtsammlung, die er gestern auf der Bank hatte liegen lassen. Er schlug das Buch auf.
“Nacht ist schon hereingesunken,
schliesst sich heilig Stern an Stern,
grosse Lichter, kleine Funken
glitzern nah und glänzen fern;
glitzern hier im See sich spiegelnd,
glänzen droben klarer Nacht,
tiefsten Ruhens Glück besiegelnd
herrscht des Mondes volle Pracht.”
“Goethe,” sagte Heinz nach einer Pause. “Einer unser Dichter.”
“Wunderschön,” erwiderte sie und lehnte sich an ihn.
“Wie kannst du das sagen? Du kannst doch kein deutsch?”
“Ich spüre, was du empfindest.” Ihre Lippen näherten sich. Blutrote Lippen, dachte Heinz und verwob sich im Wirbelstrom ihrer Empfindungen, ihres Schmerzes, ihrer Süsse, der Wucht ihres Verlangens, ihrer jahrhundertelangen Einsamkeit, verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum, sah sich emporgeschleudert in ungeahnte Empfindungen leidenschaftlichen Begehrens, dann wurde es dunkel um ihn.
Als er aufwachte, lag er auf seinem Bett. Hatte er alles nur geträumt? Heinz blickte auf den Wecker. Vier Uhr morgens. Heinz sprang aus dem Bett und sah durchs Fenster. Doch, dort sass sie unbeweglich auf der Bank und blickte auf das Wasser hinaus.
Heinz zog die Vorhänge zu und knipste die Lampe aus. Heinz war sicher, hier war sie vor Tageslicht geschützt. Er stieg ins Bett und war bald darauf wieder eingeschlafen. Als er erneut aufwachte, lag sie neben ihm. Sie schlief. Sie sah so unschuldig aus, aber was wusste er denn? Hatte sie nicht im schlimmsten Falle über mehrere hunderte von Jahren hinweg durch ihren Biss aus Menschen Vampire gemacht?
Das Gefühl war unbeschreiblich. Er spürte ihre Stimmung, als sei es seine eigene. Wenn er tagsüber neben ihr lag, kehrte Ruhe in ihn ein. Er wusste, das gleich geschah mit ihr, wenn sie nachts neben ihm ruhte. Jede Stunde wollte er mit ihr auskosten und versuchte, sich ihrem Wach- und Schlafrhythmus anzupassen. Sass er abends mit ihr auf der Terasse und las ihr ein Gedicht vor, wurde Heinz von ihren Empfindungen überwältigt, verspürte er ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, ihre Freude darüber, dass sie diese bei ihm gefunden hatte, fühlte ihre aufflackernde Leidenschaft.
Hin und wieder sahen sie das Motorboot der Vampirjäger Taskforce vorbeituckern. Es kümmerte sie nicht. Harte bärtige Männer, mit Hämmern und Eichenpflöcken ausgerüstet, winkten ihnen zu und sie winkten zurück. Seitdem Heinz die Frau gefunden hatte, war er nicht mehr im Boot zum Angeln rausgefahren. Harry und Albert würden auch ohne ihn zu ihrer Beute kommen. Er wollte den Zauber der Empfindungen nicht durch ein weiteres Geschenk des Alligators zerstören.
Die Zeit verging wie im Rausch. Heinz versuchte, jeden Gedanken an seine Rückreise zu verdrängen, doch nächsten Vormittag würde er packen, das Haus abschliessen, nach Eltville fahren, Ellis die Schlüssel und McGrew die Frau übergeben und zum Flughafen nach Baton Rouge fahren. Der Urlaub war zu Ende.
Heinz war ungewöhnlich schweigsam an diesem Abend. Er sass mir ihr auf der Bank und starrte auf das Wasser, versuchte an nichts zu denken, keine traurigen Gedanken zu erzeugen. Sie hätte es sofort gemerkt. Doch künstliche Fröhlichkeit war ihm zuwider. So blieb er still und sagte nichts, kein Gedicht, kein Wort. Nur das Keckern, Kichern und Gurren der Vögel klang über das Wasser. Der Mond lugte durch die Wolken, der Steg knarrte.
Heinz ging früh schlafen, die Frau blieb auf der Bank sitzen. Als er des nachts aufwachte und zum Fenster hinaussah, sass sie immer noch dort. Am nächsten Morgen sah er sie nicht wie gewöhnlich neben sich im Bett. Er lief zum Fenster, auch auf der Bank sass sie nicht. Heinz stürzte zur Tür hinaus. Sie war verschwunden. Ein Holzpflock und ein Hammer lagen auf der Terasse. Heinz trat näher heran. Unter dem Holzpflock befand sich ein Stück Papier. Er nahm es hoch. Staub rieselte von ihm herab. Nur ein Wort, mit Blut gemalte Lettern: Danke
Heinz schrie auf, brüllte sine Trauer und Verzweiflung über das Wasser. Er setzte sich auf die Bank, vergrub sein Gesicht in den Händen. Tränen liefen ihm die Wangen herab. Warum hatte sie das getan? Warum hatte sie das bloss getan?
Als er in Eltville eintraf, lief er zu Ellis Büro und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Er verabschiedete sich von niemanden, sprang in den Wagen und fuhr weiter, aus Eltville hinaus. Ihm war traurig zumute. Nach ein paar Meilen war er immer noch traurig, obwohl er den Grund nicht kannte. Er hatte einen schönen ruhigen Angelurlaub gehabt, Gedichte gelesen und Gemüse angebaut. Wieso war er so niedergeschlagen?
Die Melancholie wich auch nicht, als er im Flugzeug sass, als er zu Hause in Italien ankam. Seine Frau spürte, dass im Urlaub etwas vorgefallen war und fragte ihn danach. Heinz konnte darauf keine Antwort geben.
Im Laufe der Zeit sublimierte er seine Trauer, schrieb Gedichte, Erzählungen und Romane, die viele Leser zum Weinen brachten.

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