Coversong Roads

domenica, novembre 01, 2026

Kurzgeschichte: Sprung nach vorn


 

Es war ein trüber Tag. Dunkle Wolken hingen über der Landschaft. Kevin Mallory stoppte seinen Cadillac vor der Ampel. Scheibenwischer klackten. Müde blickte er aus dem Wagenfenster. Ein Schwarm Krähen stob aus einem Kastanienbaum  empor und liess sich auf einem Acker nieder.

  Die Ampel schaltete auf grün und Kevin bog auf die Scuffletown Road. Ein paar Meilen weiter verengte sich die Strasse und endete vor einer Schranke. Am Gitterzaun ein Schild mit der nichtssagenden Aufschrift ‘AL-Institute’. Ein Wachmann in Uniform. Kevin liess die Scheibe herunter und hörte: “Guten Tag, Dr. Mallory. Einen schönen Tag noch.” Die Schranke hob sich und Kevin fuhr noch ein paar hundert Yards, an gepflegten Rasenflächen, an Bäumen vorbei. Kevin stellte seinen Wagen ab und sah die parkenden Wagen.

  “Verdammt, ich bin der letzte,” murmelte er, griff nach seiner Tasche und hastete  am Wachmann im Foyer vorbei, eilte durch ein paar Korridore und riss die Tür zum Konferenzraum auf. Frauen und Männer standen im Raum, unterhielten sich. Andere schenkten sich Kaffee ein, dann gab es die auf ihren Plätzen, die in die Luft starrten. Akademiker, so sagten die Namensschilder.    

  Ein seriös wirkender, grauhaariger Herr hielt seine Brille gegen das Licht,   putzte sie und rief in die Menge. “Meine Damen und Herren. Ich meine wir sollten jetzt anfangen.”

  Er stellte sich vor. “Ich heisse George McLoyd und habe einige Kollegen von der Regierungskommission für neue Technologien mitgeschleppt, um sie an den Ergebnissen teilhaben zu lassen, die Sie uns nun präsentieren wollen. Bitte sehr.”

  Geräuschlos senkten sich die Fensterjalousien. Deckenlampen tauchten den Raum in gedämpftes Licht. Bill Brown ging zur Projektionswand.

  “Unser Forschungsobjekt, Artificial Life, das Künstliche Leben, ist an einem Scheideweg angekommen. Es stehen uns interessante Zeiten bevor.”

  Browns Brillengläser blinkten im matten Schein des Projektors. “Sie erinnern sich, in der siebziger Jahren startete Marvin Minsky einen Versuch mit AI, der Künstlichen Intelligenz. Entscheidungsprozesse sollten auf dem Computer abgebildet und optimiert werden. Hierdurch wurde ein Problem sichtbar, das der Wissenserhebung und –speicherung.

  Wissen ist zu komplex in seinen diversen Ausprägungen. Wie Minsky sagte: “Vögel können fliegen, es sei denn, es sind Pinguine oder Strausse, sie sind tot, haben gebrochene Flügel, befinden sich in Käfigen, ihre Füsse stecken in Zement oder sie haben so schlimme Erfahrungen gemacht, dass sie psychologisch dazu nicht mehr imstande sind.

  Mit AL haben wir die Hürde genommen. Das Programm, welches wir entwickelt haben, ist lernfähig, imstande, Wissen auf hierarchischen Ebenen aufzunehmen,  zu verarbeiten und Entscheidungsvorbereitungen zu erstellen. Folgendes schlagen wir vor:”

Brown zauberte mit der Fernbedienung ein neues Computerbild auf die Leinwand.

 

“

·         Einsatz des Programmes in jedem bundes- und staatseigenen Computer .

·         Angebot an den Bürger, an einem P2P, also einem Peer to Peer-Versuch teilzunehmen.

Dadurch werden zwei Dinge erreicht:

1.       Erweiterung der Wissenserhebung mit Hilfe der Benutzer-Computer.

2.       Nutzung ihrer Maschinenzeit im Computer-Verbund.

·         Verbund sämtlicher bundes- und staatseigenen Computer über Hochgeschwindigkeitsleitungen.”

 

  Brown blickte in die Runde, dann brachte er eine neue Grafik auf die Leinwand.

  “Diese Massnahme soll uns dazu bringen, herauszufinden, welches Resultat aus der Wissensverarbeitung entsteht.

  Sicher ist Ihnen bekannt, dass diejenigen, die sich mit AL beschäftigen, in zwei unterschiedlichen Lagern stehen. Auch in unserem Institut:

 

1.      Komplexe Entscheidungsprozesse können auf einfache Sachverhalte reduziert und durch simple Formeln ermittelt werden.

2.      Komplexe Entscheidungsprozesse finden in offenen Systemen statt, ändern sich ständig und sind daher nicht vorhersehbar.

 

  Die im täglichen Alltag eingesetzte Software wird uns Auskunft geben, welche These gültig ist. Mit Hilfe des AL-Programmes kommen wir unserer Zielsetzung einen bedeutenden Schritt näher, das Leben des Bürgers in unserem grossen Land zu schützen und seine Lebensqualität zu erhöhen. Gott segne Amerika!”

  Brown schaltete den Projektor aus und ging an seinen Platz zurück.

  Mit allen Wassern gewaschen, dachte Kevin bewundernd. Den letzten Satz für die rechtsgewirkten Republikaner in der Kommission.

  “Dr. Brown, vielen Dank,” meldete sich McLoyd wieder zu Wort. “Wir sollten jetzt die Diskussion eröffnen. Meine Frage an Sie: Können wir davon ausgehen, dass die Software sicher ist?”

 

  Kevin harrte an seinem Platz aus. Als die Diskussion beendet war, hatte er das Empfinden, die Kommission stünde ihrem Vorhaben positiv gegenüber, und es würde eine AL-Initiative der Regierung geben mit dem Ziel, Gelder bereitzustellen und ihre Vorschläge umzusetzen.

 

  In der Tat. Nach einigen Monaten gab es grünes Licht für den Einsatz der Software. Kevin hatte dafür gesorgt, dass das erste und das dritte der drei Robot-Gesetze Isaac Asimovs auch für die einzusetzende AL-Software Gültigkeit hatte. Die drei Robot-Gesetze lauteten:

 

·         Ein Robot darf keinen Menschen verletzen oder zulassen dass ein Mensch verletzt wird.

·         Ein Robot muss jeden Befehl eines Menschen ausführen, so lange er nicht gegen das erste Gesetz verstösst.

·         Ein Robot muss sich schützen, es sei denn, dies verstiesse gegen das erste oder gegen das zweite Gesetz.

 

  Nun, die AL-Software war natürlich nicht dazu da, jedem Hacker zu gehorchen. Daher kam das zweite Gesetz für die Computerprogramme nicht in Betracht.

 

  Schon bald zeigten sich erste positive Auswirkungen im Nationalen Verteidigungssystem und in anderen Bereichen:

·         Armeelaser schossen eine simulierte Interkontinental Rakete nach der anderen, sowie obsolet gewordene Satelliten ab

·         Es wurde ein Impfstoff gegen den Rinderwahnsinn entwickelt

·         Fortschritte in der Krebsbekämpfung

 

  Die Regierung konnte mit Genugtuung feststellen, dass die U.S. ihren wissenschaftlichen und technologischen Vorsprung rasant erweiterten. Das AL-Institute jedoch verlor an Bedeutung, konnte die Entwicklung nur registrieren, nicht steuern. Es wurde ihm unmöglich, die vielfältigen Aktivitäten des AL-Programms zu überwachen, das fortwährend neue Informationen gewann und sich autonom weiterentwickelte. Die Institutsmitarbeiter irrten frustriert durch die Gänge, konferierten unablässig auf der Suche nach neuen Aufgaben.

 

  Der rötliche Schein der untergehenden Sonne warf Reflexe auf den gekachelten Boden des Speisesaals. Browns Silhouette hob sich dunkel gegen das einfallende Licht ab. Einsame Gestalt an einem der langen Tische, vor sich einen Becher Kaffee, und er blickte in die Leere.

  “Ein anderer Tag, ein anderer Dollar.” Kevin setzte sich zu ihm. “Nachdem alles so schön läuft. Was machen wir jetzt?”

  Brown, dessen dunkle Haare zu einem Pony zurückgeschnitten waren, blickte missmutig hoch. “Obwohl es gut aussieht, habe ich ein mulmiges Gefühl. Das Parkett ist sehr glatt, auf dem wir stehen. Ist dir klar, dass inzwischen sämtliche Bürger erfasst werden, ohne dass es jemand merkt oder dagegen protestiert?”

  “Wieso das?” fragte Kevin.

  “Gestern musste ich meinen Führerschein erneuern. Die Daten auf dem Antrag werden nicht mehr eingetippt, sondern gescannt. Zu diesen Daten gehören auch meine Fingerabdrücke, die mit blossem Auge nicht, aber für den Scanner  erkennbar sind. Für die Formulare benutzen sie speziell beschichtetes Papier.”

  “Donnerwetter.” Kevin schlürfte nachdenklich seinen Kaffee. “Da gibt es einen Zusammenhang mit der BSE-Impfung, zu der jeder aufgerufen wurde. Dort nehmen sie Blut ab, um es auf BSE zu testen, wie sie sagen. Ich wette, dass sie die DNA automatisch speichern lassen.”

  Brown sah Kevin an. “Wir sollten die letzten Aktionen auf sich wiederholende Muster und Trends überprüfen. Wie nennen wir es? Zauberlehrling-Syndrom? Die Programme lassen sich nicht entfernen, ohne dass wir sämtliche Computer abschalteten.”

 

  Doch sie kamen nicht von der Stelle. Das Programm war inzwischen zu komplex geworden. Ständig wurden Teile auf andere Computer ausgelagert, so dass inzwischen auf der hauseigenen Maschine nur ein Bruchteil des Gesamtprogrammes lief. Die Spuren an Information, die sich ihnen offenbarten, reichten jedoch aus, sie nervös zu machen.

  “Was meint das Programm mit Reziprozität?” fragte Kevin in den Raum hinein. Er sass vor seiner Tastatur, blickte auf den Bildschirm und fluchte vor sich hin. Ihm fiel es schwer, aus einem Lademodul etwas herauszulesen.

 “Nun mal langsam,” meinte Lisa, die neben ihm sass. Sie lächelte ihn an. “Durch Fluchen wird es auch nicht besser.”  Lisas, ein niedlicher Kobold. Kleine Stupsnase, grüne Augen und rotblonder Haarschopf. Ein Glück, dass es so etwas wie Lisa gibt. Kevin fühlte sich wohl in ihrer Nähe. Und sie war tüchtig, hatte einen scharfen, investigativen Verstand

  “Dann erzähl mal. Was ist hier mit Reziprozität gemeint?”

  “Gegenseitigkeit. Tust du mir was gutes, tu ich dir was gutes. Ich weiss nur noch nicht, in welche Zusammenhänge das Programm dieses Konzept einstellen will.”

 

  Nach einigen Monaten wurde es in Ansätzen sichtbar. Die Regierung folgte den Empfehlungen der Regierungskommission für neue Technologien, setzte in laufender Folge die Vorschläge der AL-Software in die Praxis um.

  Die komplette Automatisierung von Produktion und Verwaltung in Grossbetrieben war einer von ihnen, bei Entlassung der Arbeitskräfte unter Beibehaltung von Lohn- und Gehaltszahlung. Aktien wurden in Anteilsscheine umgewandelt, die eine jährliche Dividende versprachen. Der Spekulation wurde  der Boden entzogen, sämtliche Produktionsmittel nach und nach in gesellschaftliches Eigentum überführt. Das kapitalistischste Land der Welt wurde in kommunistisches umgewandelt.

  Regierung, Senat, Repräsentantenhaus, Volks- und Betriebswirtschaftler, Arbeiter, Angestellte, Bauern, Lehrer, Schüler sahen fassungslos, wie ihr Land in einer lautlosen Revolution von Computern übernommen wurde. Der Umbruch ging nicht reibungslos vonstatten. Es gab Verwerfungen. Millionen fanden sich plötzlich auf der Strasse wieder, ohne Tätigkeit, die ihrem Leben einen Sinn gegeben hatte. Revolten flammten auf, die von der Nationalgarde schnell im Keim erstickt wurden.

  Die Menschen hatten keine Chance, dagegen anzugehen. Sämtliche Mikroprocessoren bis hin zu denen in der Waschmaschine oder in den Autos waren von der AL-Software übernommen worden. Sie waren ihr ausgeliefert. Gewerkschaften wurden aufgelöst. Gegen wen sollten sie die Rechte der noch tätigen Arbeitskräfte geltend machen? Gegen Mikroprocessoren?

 

  Für Kevin, Brown, Lisa und die anderen Mitarbeiter des AL-Institutes machte es keinen Sinn, ihren Arbeitsplatz aufzusuchen. Sie taten es trotzdem. Die Wachmänner versahen ebenfalls noch ihren Dienst. Auch ihre Anwesenheit war nicht mehr erforderlich. Was taten die Programme? In welche Richtung entwickelten sie sich weiter? Niemand wußte es. Ein Sprung von Komplexität zur Perplexität.

  Der Fernseher in der Kantine war eingeschaltet. Brown und seine Mitarbeiter sahen Nachrichten. Das Parlament hatte sich aufgelöst. Gesetze wurden nunmehr von Maschinen gemacht. Die Regierungskommission für neue Technologien hatte die Aufgabe übernommen, die Dekrete der Computer so darzustellen, als ob sie von ihr stammten. Die neuen Beschlüsse waren:

 

  “Es wurde heute entschieden, dass jeder U.S. Bürger die Chance hat, sich weiter um die Gesellschaft verdient zu machen. Diejenigen, die noch in Arbeit stehen, gehören zu jenem Kreis. Aber auch Bürger ohne Arbeit haben die Gelegenheit, Punkte zu sammeln und in den Genuss von staatlichen Privilegien zu kommen, wenn sie einen positiven Beitrag leisten. Dazu gehören folgende Aktivitäten:

 

·         Weiterbildung und erfolgreiche Ablegung von Prüfungen

·         Kunstausübung wie

·         Poesie, Romane, Kurzgeschichten

·         Bildhauerei

·         Malerei

·         Musik

·         Theater

·         Film

·         Hörspiel

·         Forschung und Entwicklung

 

  Künstler sind dazu angehalten, ihre Ergebnisse binnen eines Monats in ihren PC einzuscannen, so dass AL-Programme sie beurteilen können. Kunstwerke müssen originell sein. Plagiate führen zu Minuspunkten.

 

  Sollte von Komponenten der nichtarbeitenden Bevölkerung binnen eines Monats kein positiver Beitrag geleistet worden sein, so sind diese angehalten, ihren Wagen gegen einen Roller umzutauschen, auf dass jedem Bürger ersichtlich ist, dass dort ein Trittbrettfahrer fährt, der an der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft keinen Anteil hat.  Ihre Bezüge werden auf das Minimalgehalt heruntergestuft.

  Privilegien hingegen bestehen aus neuen Wagenmodellen, Anteilsscheinen an Produktionsmitteln, Information über wissenschaftliche Entdeckungen der AL-Programme, Zugang zu Kunstausstellungen und Konzerten, in denen auch die Werke der AL-Programme zu sehen und zu hören sein werden und vieles andere mehr.

  Im Anschluss an diese Mitteilung bringen wir nun das Konzert “5. Dimension”, komponiert von AL, gespielt von den Philharmonikern Philadelphias unter der Leitung von AL-Robot XZ5001. Viel Vergnügen.”

 

  Brown nahm die Fernbedienung vom Tisch und versuchte den Fernseher auszuschalten. “Verdammt, was ist los?” Brown drückte ein weiteres Mal auf die Taste. Der Fernseher blieb aktiv. Brown druckte auf Programm 2, dann auf 3 und auf 4. Überall das gleiche Fernsehprogramm.

  Kevin kratzte sich am Kopf. “The shit hits the fan. Damit haben wir uns was eingebrockt. Diesen Laden können wir dichtmachen.”

  Lisa lehnte sich zurück und starrte an die Decke. “Die Programme sind extrem neugierig. Geschlossene Systeme interessieren sie nicht. Das war gut für nicht intelligente Programme. Darüber sind sie hinaus. Was sie wollen, ist Originalität, etwas was sie nicht vorherbestimmen können. Sie benötigen Stoff, originellen Stoff, um herauszufinden, warum sie selbst nicht darauf gekommen sind.

  Leute, die sich darauf nicht einlassen wollen oder können, müssen eben mit diesem Roller durch die Gegend fahren. Sie sind berechenbar und damit für die Programme uninteressant. Hätten wir nicht die Asimovsche Regel eingebaut, würden sie eliminiert werden.”

 

  “Was ist mit krimineller Originalität?” fragte Kevin. “Keine Ahnung,” erwiderte Lisa. “Ich meine jedoch, Fingerabdrücke und DNA in der Datenbank werden es Kriminellen nicht lange erlauben, auf freiem Fuss zu bleiben. – Ich denke, ich mache mich davon. Mal sehen, was ich künstlerisch mache. Ich meine, das ist der geringste Aufwand, um Punkte zu ergattern.”

  Lisa erhob sich. Als sie auf die Tür zuging, wandte sie sich noch einmal um. “Meine e-mail adresse habt ihr. Lasst von euch hören. Vielleicht sollten wir uns alle zwei Wochen treffen um neue Entwicklungen zu diskutieren.”

  Kevin sah ihr nach, als sie durch die Tür verschwand. Brown wirkte verstört. “Es ist frustrierend, dass wir hier nichts mehr tun können.” Er blickte alle der Reihe nach an. “Aber Kevin hat recht. Wir können den Laden hier dichtmachen. Ich schlage vor, dass wir uns alle künstlerisch betätigen, um unser gesellschaftliches Niveau zu halten und abwarten, in welche Richtung sich die Programme  weiterentwickeln. Vielleicht können wir, wenn wir mehr wissen, ihnen Hilfestellung geben und Vorschläge unterbreiten, wo noch Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht. Lasst uns nach Hause gehen. Ich werde auch den Wachmännern sagen, dass sie gehen können.”

 

  Als Kevin heimfuhr, schaltete er das Radio ein. Zum Glück gab es dort noch keine Gleichschaltung. Country & Western drang aus den Lautsprechern.  Die Natur war schön wie eh und jeh. Die Parkplätze der Einkaufszentren standen voller Wagen. Es gab keine äusseren Anzeichen eines Umbruchs. Zu Hause angekommen, holte sich Kevin ein Bier aus dem Kühlschrank und Schreibpapier aus seinem Studio und wartete auf die Inspiration.

                           

                            Berechenbare Schönheit

                           

                            Von Kevin Mallory

 

Wo sind wir jetzt, wo stehen wir,

im Abseits des Stromes gefangen?

Gedanken sind frei, Gedanken von mir

müssen zu Euch wohl gelangen.

Ihr habt die Wahl, doch ohne Emotion

vermögt Ihr nicht, auch wenn Ihr Euch bemüht,

die Schönheit einer Blume schon

verstehen, wenn sie erneut erblüht.

 

  “Hoffentlich gibt ihnen das zu denken,” brummte Kevin, als er den Text seines Gedichtes einscannte. Kurz darauf erschien eine Nachricht auf seinem Monitor.

 

  Wir haben Ihr Gedicht empfangen. Besten Dank. Ihrem Konto wurden 500 Punkte gutgeschrieben. Rund um die Uhr stehen wir zur Aufnahme weiterer Werke von Ihnen bereit. Denken Sie daran, 10000 Punkte versetzten Sie in die Lage, beim nächsten Händler einen Porsche 911 abzuholen.

 

  Donnerwetter, dachte Kevin. Allemal besser als ein Roller.

 

  Zu einem Porsche hatte es für Kevin nach einem Monat doch noch nicht gereicht, aber er war auf dem besten Wege dorthin. So fuhr er weiterhin seinen Cadillac und lenkte ihn in die Innenstadt. Lisa, Brown und er selbst hatten sich zu einem Treffen in einem Restaurant verabredet, dass im Zentrum der Stadt lag.

  Es dauerte eine Weile, bevor er einen Parkplatz fand. Ein paar Roller standen auf dem Bürgersteig. Kevin stieg aus und schlenderte durch die Fussgängerzone. Ein Pflastermaler fotografierte sein Werk mit einer Polaroidkamera und hetzte zum nächsten Kopiershop, um sein Photo einzuscannen. Demjenigen der sein Strassenpflasterbild danach nutzte, würden Punkte abgezogen werden. Zehntausend Minuspunkte bedeuteten Umerziehungslager.

  Kevin ging weiter. Ein Penner nahm einen Schluck aus seiner Wermutflasche, hantierte mit einer Spraydose, lallte: “Wir machen jetzt in Kunst”, und sprühte Graffitti auf die Hausmauer. Nach einigen Sekunden schon war die Polizei zur Stelle, fotografierte die Mauer und nahm ihn fest. Kevin wusste, sie würde ihn wieder laufen lassen, nachdem sie Pluspunkte aus seiner Kunst gegen die Minuspunkte wegen Sachbeschädigung verrechnet hatte.

  Als Kevin die Tür des Restaurants öffnete, bemerkte er seine Kollegen im Hintergrund des Lokals. Sie unterhielten sich angeregt. Lisa zeigte ein Bild herum. Kevin gesellte sich hinzu, beugte sich vor und nahm das Bild in die Hand. “Abstrakte Kunst”. Lisa bog ihren Kopf zurück und strahlte ihn an. “Es heisst Die Suche.”

  “Es hätte ebenso Die Seuche heissen können,” lachte Brown.

  “Ich habe mir schon etwas dabei gedacht,” meinte Lisa ungehalten. “Nächstes Mal, bringe ich mehr Rot hinein und nenne es dann Die Suche nach Liebe. Den Monat darauf mehr Grün. Dann wird es Die Suche nach der Natur usw. “

  “ Und ich habe mir mit meinem Gedicht so viel Mühe gegeben, während Du nur gekleckst hast.” Kevin zog mit bedeutungsschwerer Miene sein Gedicht aus der Jackentasche und las es vor.

  “Schön, wunderschön, Du bist ein Poet. Ist Kevin nicht ein Poet, Bill?” Lisa blinzelte zu Brown hinüber. “Wenn Kevin so weitermacht, kann er sich vor schmachtenden Frauen nicht mehr retten.”

  “Im Moment reichte es schon, wenn Du mich anschmachtetest, Lisa. Nun Bill, womit hast Du Deine Sporen verdient?”

  “Ich kann nichts vorzeigen.” Brown lächelte verschmitzt. “Ich lade Euch jedoch ein, unser nächstes Konzert in der Musikhalle zu besuchen. Hier sind die Tickets.”

  Brown zog ein paar Karten hervor und verteilte sie. “Ich spiele Geige.”

 “Du hast schon immer die erste Geige gespielt,” meine Kevin lachend. “In das Geigenspiel kannst Du wenigstens noch Originalität hineinlegen. Da wird es dem Musiker mit der Triangel viel schwerer fallen, zu Punkten zu kommen.”

  “Es zählt nicht so sehr die Originalität des Einzelnen, sondern mehr die des Klangkörpers, also des Orchesters. Wenn wir zum Beispiel das gleiche Stück mehrere Male spielen, müssen wir darauf achten, es immer wieder anders darzustellen, oder wir müssten ständig die Stücke wechseln. Das fällt uns dann nicht schwer, wenn wir AL-Kompositionen spielen. Von denen gibt es jeden Tag neue und sie sind erstaunlich gut.”

  “Es wird bizarr, wenn ich höre, dass unsere Irrenanstalten Unmengen von Punkten sammeln, nachdem sie die Maltherapie ausgeweitet haben.” Lisa ergriff das Bierglas und nahm einen kräftigen Schluck. “Das, was die Kranken dort zusammenklecksen, wird von AL als Kunst angesehen und honoriert.”

  “Was ist daran so verkehrt?” Brown nahm sich die Speisekarte vor. “Warum soll AL diese Leute anders behandeln als Dich?”

  “Bevor es jetzt gemischt wird, sollten wir bestellen.” Kevin rief den Kellner herbei. Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, fuhr Kevin fort. “Es gibt ein paar unschöne Fälle, wie den der Oma, die auf Wunsch ihrer Enkelkinder das gleiche Märchen zwanzig Mal erzählt hatte und nun im Umerziehungslager sitzt. Im allgemeinen funktioniert es jedoch erstaunlich gut. Ich kann mich mit dem neuen System anfreunden. Jedem, der ohne Arbeit ist, werden die gleichen Chancen eröffnet, sich künstlerisch oder wissenschaftlich weiterzubilden und zu betätigen. Und es werden immer mehr in dem Maße, in dem menschliche Arbeit abnimmt und durch Computer oder Roboter ersetzt wird. Es sieht so aus, als wenn AL bei ihrer Suche nach neuen Erkenntnissen die Menschen in unserem Land nicht zurücklassen wolle.”

  Brown und Lisa hoben ihr Glas. “Na denn prost.”


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