“Huch!,” Anna stolperte, Otto blieb stehen und ergriff ihren Arm. “Fall nicht hin,” brummte er.
“Geht schon wieder,” meinte sie und zog sich an ihm hoch.
Der Mond spiegelte sich in der Wuemme. Vor ihnen, in der Ferne, strahlten bunte Lichter.
Schweigend gingen sie auf dem Deich entlang. Otto wurde langsamer, als er zum blassweissen Band der Milchstrasse emporblickte, das sich zwischen Schwan und Herkules, Adler und Schlangentraeger durch den Himmel zog.
“Schau mal, Anna….”, er unterbrach sich. Sie war weitergegangen, und er beschleunigte seinen Schritt. Otto wusste, sein astronomisches Hobby war ihr ein Graus. Gut, dachte er, dass sie sich nur zu besonderen Anlaessen trafen. Er mochte Anna, ahnte jedoch, zu Tode langweilen wuerde er sich, wenn er sie staendig um sich haette. Als er sie einholte, ergriff sie seine Hand. Die Luft war lau, Grillen zirpten am Ufer und Froesche quakten im Schilf.
“He, ihr beiden! Wer seid ihr denn?”
Die Umrisse eines Mannes schaelten sich aus der Dunkelheit. Brabbelnd torkelte er an ihnen vorbei.
Musik der Karussels, die Stimmen der Losverkaeufer, Otto und Anna gingen ihnen entgegen, auf die bunten, blinkenden Lichter zu. Hand in Hand liefen sie den Deich zum Schuetzenplatz hinab, zu den zwischen Karussels, der Schiessbude, dem ‘Hau den Lukas’, zu den zwischen Staenden mit Bonbons, gebrannten Mandeln, Liebesaepfeln, belegten Broetchen, und dem Wurstimbiss mit seinen Kampftrinkern wuselnden Menschen.
“Eine Cola, einen Halben und einen Korn, zwei Bratwuerste mit Broetchen.”
Otto kletterte auf einen Hocker, waehrend Anna unschluessig um sich blickte.
“Komm schon, Anna. Von hier aus haben wir gute Sicht.”
Links von ihnen kreisten Polizeiwagen, Ambulanz, Feuerwehr und Strassenbahn. Pandemonium auf dem Kinderkarussel. Das Apothekerpaar stand davor. Karin und Heinrich Boecklers Kinder, die kleinen Racker mit den lachenden Mopsgesichtern hielt es nicht auf den Sitzen. Sie schrien, hupten und schellten, laeuteten wie wild die Glocke des Feuerwehrautos.
Vor dem Suesswarenstand, auf der anderen Seite des Weges, standen Udo und Angelika. Otto sah, wie der Autoverkaeufer und seine Frau ein paar Liebesaepfel kauften und Arm in Arm weiterschlenderten. Vor einem halben Jahr war Angelika noch die Attraktion im Horsdorp Night, hatte dort mit ihrem fulminanten Strip den Maennern eingeheizt und waere als Vorsitzende des Duenkelskirchener UFO-Clubs nicht tragbar gewesen. Das jedoch hatte sich geaendert, nachdem sie Udos Frau geworden war. Es war die Rede davon, dass in Horsdorp an der Wuemme vor einiger Zeit ein UFO niedergegangen war. Was so eine kreisrunde Delle in einem Kornfeld an Phantasien freisetzte… Auf der anderen Seite: im Fernsehen hat Otto einen Film gesehen ueber eine kleine amerikanische Stadt. War es Blaine? In Missouri? Auch dort gab es einen kreisrunden Flecken, mitten in einem Kornfeld, und ein junger Mann hat darin gestanden und erzaehlt, die Temperatur an eben diesem Platz sei das ganze Jahr ueber konstant: Neunzehn Grad mit einer Luftfeuchtigkeit von 40. Gab das nicht zu denken?
“N’ halben und n’ Korn fuer mich, aber dalli.”
Karl Lammer, der Autohaendler zwaengte sich zwischen Anna und Otto und haute seine Pranke auf den Tresen. Otto runzelte die Stirn. Der Lammer war heute vermutlich schon des oefteren am Wurststand gewesen. Ottos Blick fiel auf Frau Lammer, die verzweifelt gen Himmel sah. Ein aparte Person, hinreissend in ihrem dunkelbraunen Mini und der engen, weissen Bluse. Ihr suesses, bleiches, von langen, dunklen Haaren umrahmtes Gesicht passte so gar nicht zu den apfelbaeckigen Horsdorpern.
“Wieviel Sterne doch am Himmel sind,” staunte sie und drehte sich einmal um sich selbst. “Nur schade, dass man sie nicht deutlich sehen kann.”
“Da sind Sie bei Otto richtig,” meinte Anna leicht verbittert, “wenn Sie etwas ueber Sterne wissen wollen. Nur mit Frauen kennt er sich nicht so aus.”
“Stimmt das, Otto?” Lisa Lammers Blick konnte Eisberge schmelzen. Ein Passant stiess gegen sie, sie schwankte und wurde gegen Otto gedraengt.
“Entschuldigung,” hauchte sie, als sie sich zoegernd von ihm loeste.
“Was machst du denn da, Lisa. Lass den Mann in Ruhe!,” knurrte ihr Mann und kippte sich einen weiteren Korn in die Kehle.
“Und Sie,” Lammers Gesicht roetete sich, sein Stiernacken schwoll, als er Otto fixierte. “Starren Sie meine Frau nicht so an.”
“Entschuldigen Sie, Herr Lammer,” Otto blickte auf den Verkaeufer, der die Bratwuerste wendete. “Sie sollten sich zurueckhalten. Ich bin einer Ihrer Kunden, fahre den Bus der Linie 47 und bringe den des oefteren zur Reparatur bei Ihnen vorbei,” dann drehte er sich zu Lammer herum: “Ihre Frau beeindruckt mich, weil sie sich fuer die Sterne interessiert. Als Amateurastronom koennte ich ihr die Sternbilder erklaeren.”
“Karl, hast du gehoert?” rief Lammers Frau, “der Herr Otto ist Astronom und wird mir jetzt die Sterne erklaeren. Kommen Sie mit, Otto.” Lisa Lammer ergriff seinen Arm, zog Otto vom Hocker und entfernte sich mit ihm, dann drehte sie sich noch einmal um und rief: “Anna, passen Sie auf meinen Mann auf, ja?” Sie hakte sich bei Otto unter. “Kommen Sie. Wo gehen wir jetzt hin?”
“Am besten auf den Deich.”
“Seit wann interessiert sich Lisa denn fuer Sterne? Der Kerl soll bloss meine Frau in Ruhe lassen,” hoerte Otto noch, bevor Lammers Stimme in den Jahrmarktsgeraeuschen unterging.
Wie verloren standen sie auf dem Deich und blickten gen Himmel.
“Also, Lisa, dort links sehen Sie den grossen Wagen…”
“Shhhh,” Lisa legte Otto einen Finger auf den Mund. “Sagen Sie nichts. Lassen Sie uns nur so in den Himmel schauen. Ist es nicht atemberaubend, ist es nicht, ist es nicht romantisch? Vielleicht sehen wir eine Sternschnuppe und koennen uns etwas wuenschen.”
Lisa draengte sich enger an ihn.
“Haben Sie nicht auch das Gefuehl, dies sei eine Schicksalsnacht?”
Otto blieb stumm, auch als Lisa ihre Arme um seinen Hals legte.
“Kuess mich!” Ploetzlich hing Lisa wie eine Klette an ihm und zog ihn hinab. Er taumelte und fiel auf den Boden, riss Lisa mit sich. Sie stiess einen spitzen Schrei aus, als sie die Boeschung hinunterrollten und im Schilf der Wuemme landeten.
Wasserhuehner stoben erschreckt davon. Lisa lag unter ihm und ruehrte sich nicht. Eine Weile blieben sie bewegungslos. Ein paar Froesche sprangen ueber sie hinweg.
“Otto, du bist zu schwer!”
“Entschuldigung. Ist Ihnen nichts passiert?”
Sie richteten sich auf, sahen sich an und lachten.
“Oh Gott, wie ich wohl aussehen mag?” Lisa versuchte, ihr Haar zu richten.
“Zum Glueck sind wir nicht im Wasser gelandet. Lisa, was war denn ploetzlich ueber Sie gekommen?”
“Das fragst du? Sieh dir doch meinen Mann an!”
Lisas blasses Antlitz, unter dem naechtlichen silbrigen Licht des Mondes, ihre dunkle, wilde Haarpracht, zogen Otto magisch an. Ihre Augen glaenzten, und er beugte sich vor.
“Traenen.” Er legte seinen Arm um sie. “So schlimm wird es doch wohl nicht sein.”
“Hast du eine Ahnung, wie unausstehlich er geworden ist. Wenn er abends vom Geschaeft nach Haus kommt, bruellt er: “Kein U2, keine Affenmusik!,” nimmt meine Platte aus dem Spieler und legt dann seine Volksmusik auf: Titel wie ‘Ich zeig Dir die Berge’, ‘Tu’s fuer mich’, ‘Ich mag das gern’. Das ist seine Art mir zu sagen, dass ich ihn hochbringen soll. Danach dudelt das Lied ‘Liebe braucht keine Worte’. Und das stimmt, er grunzt nur dabei.”
Lisa blickte Otto verzweifelt an: “Ich kann nicht mehr! Ich weiss nicht mehr weiter!” Ihr Koerper wurde vom Schluchzen erschuettert, als sich ihm ihr bleiches Gesicht entgegenreckte…
In Gedanken versunken gingen sie auf den Jahrmarkt zu.
“Geh du zum Wurststand,” murmelte Otto. “Solltest du Anna sehen, sag ihr, ich bin bei der Raupe.”
Es kam jedesmal mit dem Jahrmarkt, ein Karussel fuer Jungverliebte, eine Raupe, die in einer seichten Berg- und Talfahrt im Kreis herumfuhr, Personen durchruettelte und in regelmaessigen Abstaenden ihr Verdeck auf sie niederliess und vor der Sicht umstehender Zuschauer verbarg.
Otto besorgte sich fuenf Fahrscheine und kletterte hinein. Er war verwirrt. In der Raupe fuehlte er sich geborgen. Mit einem Ruck setzte die sich in Bewegung. Vor ihm turtelte ein junges Paar. Otto versuchte seine Gedanken zu sortieren. Er dachte an Anna. Hoffentlich bekam sie keinen falschen Eindruck von ihm. Er hatte es nicht gewollt, wirklich. Doch die Lisa war eine Granate. Otto seufzte und lehnte sich zurueck. Die Raupe nahm Fahrt auf und ratterte ueber die Schienen, dann schloss sich das Verdeck. Fuer einen Augenblick konnte er sich in der Dunkelheit verstecken. Warum blieb es nicht so?
Nach einigen Minuten schob sich das Verdeck wieder zurueck, und das Karussel kam zum Stillstand. Otto blieb sitzen, er konnte noch vier weitere Karten abfahren. Ein Mann kam vorbei. Otto gab ihm sein Ticket. Er blickte auf die Menge, die um das Karussel herumstand. Bildete er es sich ein? Sie schienen ihn alle anzusehen. Zeigten sie nicht auf ihn? Er, Otto, Busfahrer der Linie 47, hatte die Frau des Autohaendlers im Schilf gebumst. Stand Lisas Mann auch vor dem Karussel? Wo war Anna? Ploetzlich sah er Lisa zwischen den Menschen. Suchend blickte sie herueber, erspaehte Otto und lief auf ihn zu.
“Wo ist Anna?”
Lisa keuchte: “Sie war nicht mehr da.”
“Und dein Mann?”
“Ist auch weg, sein Wagen steht noch dort, und er hat den Autoschluessel.”
Ein korpulenter Mann stieg in das Karussel und nahm vor Otto Platz.
“Komm Lisa, ich habe noch ein Ticket ueber.”
Lisa kletterte neben ihn, ihr Minirock schob sich die Schenkel hoch.
Das Karussel begann sich zu drehen.
“Otto, halte mich fest, halte mich ganz fest.” Lisa klammerte sich an ihn. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt.
“Du solltest vorsichtiger sein. Kennt dich denn niemand hier?”
Sie rueckte von ihm ab, doch als sich das Verdeck ueber ihnen schloss, nahm Lisa sein Gesicht in ihre Haende, verschloss seinen Mund mit einem Kuss, dann oeffnete sie ihre Bluse.
“Otto, schon lange habe ich mich nicht mehr so als Frau gefuehlt.”
Lisa stoehnte, als sie sein Gesicht gegen ihre Brueste drueckte.
Himmel, wie soll das bloss enden, dachte er. Morgen muss ich meinen Bus fahren. Wieso bin ich nicht bei Anna geblieben?
Ihre Haende machten sich an seiner Hose zu schaffen.
“Otto, nimm mich! Gleich hier!”
“Das Verdeck geht gleich hoch,” nuschelte er in ihre Brueste.
Dann ging alles fuerchterlich schnell.
Das Verdeck schnappte nach oben, der Fahrtwind pfiff ueber sie hinweg. Otto riss sich von Lisa los. Lisas Brueste wippten, als die Raupe ueber die Unebenen ratterte und langsam die Geschwindigkeit verringerte.
“Otto,” schrie sie, “der Mann vor uns!”
Lisa zeigte nach vorn. Ottos Blick fiel auf den korpulenten Mann vor ihnen, der schraeg aus der Raupe heraushing. Das Karussel kam zum Stillstand. Lisa kletterte heraus und zog die Bluse ueber der Brust zusammen, Otto folgte ihr. Die Herumstehenden beachteten sie nicht. Sie sahen auf den dicken Mann, der aus der Raupe fiel und auf die Holzplanken polterte. Jemand beugte sich hinab und tastete nach seiner Halsschlagader. Er richtete sich auf und bruellte: “Ruft nen Krankenwagen. Er lebt noch!”
Lisa blickte verstoert auf den Mann und flusterte aufgeregt: “Und ich dachte schon, jemand habe es auf uns abgesehen.”
“Klar doch,” knurrte Otto, “knoepf deine Bluse zu, ich bringe dich nach Hause.”
Der Bus verringerte seine Geschwindigkeit, als das gelbe Schild mit der Aufschrift Horsdorp an der Wuemme, Kreis Duenkelskirchen in Sicht kam, fuhr am Autohaendler sowie an der Apotheke vorbei und hielt vor dem Gasthof Zum Roten Ochsen. - Endstation.
Zischend oeffneten sich seine Tueren. Otto erhob sich und tauschte die Richtungsschilder aus. Danach kletterte er aus dem Fahrzeug und ging in die Gaststube. Anna wirtschaftete hinter dem Tresen. Otto blickte sich um. Er war der einzige Gast.
“Hallo, Anna, du warst auf einmal verschwunden.”
“Anna zog ein Tuch hervor und wischte den Tresen.
“Nun komm schon, Anna, ich habe Lisa die Sterne gezeigt, das war alles. Du interessierst dich ja nicht dafuer.”
“Sterne, was? Und mich mit dem besoffenen Lammer allein lassen.”
In Annas Gesicht begann es zu arbeiten.
“Ihr hab sie ja nicht alle. Ich musste den Kerl nach Haus fahren und dort absetzen. Und dann wollte der mir noch seine CDs mit Volksmusik vorspielen.”
Anna knallte Otto eine Tasse Kaffee auf den Tresen.
“Da hast du deinen Kaffee. Trink ihn aus und dann mach, dass du wegkommst.” Otto trank seinen Kaffee aus, zahlte und blieb noch einen Augenblick vor Anna stehen. Sie sah an ihm vorbei, und er wusste, es hatte keinen Sinn, sich zu rechtfertigen. Bedrueckt verliess er das Lokal.
Eine halbe Stunde spaeter ratterte sein Bus Richtung Duenkelskirchen und Anna brach in Traenen aus.

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