Es
war ein trüber Tag. Dunkle Wolken hingen über der Landschaft. Kevin
Mallory stoppte seinen Cadillac vor der Ampel. Scheibenwischer
klackten. Müde blickte er aus dem Wagenfenster. Ein Schwarm Krähen
stob aus einem Kastanienbaum empor und liess sich auf einem
Acker nieder.
Die
Ampel schaltete auf grün und Kevin bog auf die Scuffletown Road. Ein
paar Meilen weiter verengte sich die Strasse und endete vor einer
Schranke. Am Gitterzaun ein Schild mit der nichtssagenden Aufschrift
‘AL-Institute’. Ein Wachmann in Uniform. Kevin liess die Scheibe
herunter und hörte: “Guten Tag, Dr. Mallory. Einen schönen Tag
noch.” Die Schranke hob sich und Kevin fuhr noch ein paar hundert
Yards, an gepflegten Rasenflächen, an Bäumen vorbei. Kevin stellte
seinen Wagen ab und sah die parkenden Wagen.
“Verdammt,
ich bin der letzte,” murmelte er, griff nach seiner Tasche und
hastete am Wachmann im Foyer vorbei, eilte durch ein paar
Korridore und riss die Tür zum Konferenzraum auf. Frauen und Männer
standen im Raum, unterhielten sich. Andere schenkten sich Kaffee ein,
dann gab es die auf ihren Plätzen, die in die Luft starrten.
Akademiker, so sagten die Namensschilder.
Ein
seriös wirkender, grauhaariger Herr hielt seine Brille gegen das
Licht, putzte sie und rief in die Menge. “Meine Damen und
Herren. Ich meine wir sollten jetzt anfangen.”
Er
stellte sich vor. “Ich heisse George McLoyd und habe einige
Kollegen von der Regierungskommission für neue Technologien
mitgeschleppt, um sie an den Ergebnissen teilhaben zu lassen, die Sie
uns nun präsentieren wollen. Bitte sehr.”
Geräuschlos
senkten sich die Fensterjalousien. Deckenlampen tauchten den Raum in
gedämpftes Licht. Bill Brown ging zur Projektionswand.
“Unser
Forschungsobjekt, Artificial Life, das Künstliche Leben, ist an
einem Scheideweg angekommen. Es stehen uns interessante Zeiten
bevor.”
Browns
Brillengläser blinkten im matten Schein des Projektors. “Sie
erinnern sich, in der siebziger Jahren startete Marvin Minsky einen
Versuch mit AI, der Künstlichen Intelligenz. Entscheidungsprozesse
sollten auf dem Computer abgebildet und optimiert werden. Hierdurch
wurde ein Problem sichtbar, das der Wissenserhebung und –speicherung.
Wissen
ist zu komplex in seinen diversen Ausprägungen. Wie Minsky sagte:
“Vögel können fliegen, es sei denn, es sind Pinguine oder
Strausse, sie sind tot, haben gebrochene Flügel, befinden sich in
Käfigen, ihre Füsse stecken in Zement oder sie haben so schlimme
Erfahrungen gemacht, dass sie psychologisch dazu nicht mehr imstande
sind.
Mit
AL haben wir die Hürde genommen. Das Programm, welches wir
entwickelt haben, ist lernfähig, imstande, Wissen auf hierarchischen
Ebenen aufzunehmen, zu verarbeiten und
Entscheidungsvorbereitungen zu erstellen. Folgendes schlagen wir
vor:”
Brown
zauberte mit der Fernbedienung ein neues Computerbild auf die
Leinwand.
“
·
Einsatz des Programmes in jedem bundes-
und staatseigenen Computer .
·
Angebot an den Bürger, an einem P2P,
also einem Peer to Peer-Versuch teilzunehmen.
Dadurch
werden zwei Dinge erreicht:
1.
Erweiterung der Wissenserhebung mit Hilfe der
Benutzer-Computer.
2.
Nutzung ihrer Maschinenzeit im Computer-Verbund.
·
Verbund sämtlicher bundes- und
staatseigenen Computer über Hochgeschwindigkeitsleitungen.”
Brown
blickte in die Runde, dann brachte er eine neue Grafik auf die
Leinwand.
“Diese
Massnahme soll uns dazu bringen, herauszufinden, welches Resultat aus
der Wissensverarbeitung entsteht.
Sicher
ist Ihnen bekannt, dass diejenigen, die sich mit AL beschäftigen, in
zwei unterschiedlichen Lagern stehen. Auch in unserem Institut:
1.
Komplexe Entscheidungsprozesse können auf einfache
Sachverhalte reduziert und durch simple Formeln ermittelt werden.
2.
Komplexe Entscheidungsprozesse finden in offenen
Systemen statt, ändern sich ständig und sind daher nicht
vorhersehbar.
Die
im täglichen Alltag eingesetzte Software wird uns Auskunft geben,
welche These gültig ist. Mit Hilfe des AL-Programmes kommen wir
unserer Zielsetzung einen bedeutenden Schritt näher, das Leben des
Bürgers in unserem grossen Land zu schützen und seine
Lebensqualität zu erhöhen. Gott segne Amerika!”
Brown
schaltete den Projektor aus und ging an seinen Platz zurück.
Mit
allen Wassern gewaschen, dachte Kevin bewundernd. Den letzten Satz
für die rechtsgewirkten Republikaner in der Kommission.
“Dr.
Brown, vielen Dank,” meldete sich McLoyd wieder zu Wort. “Wir
sollten jetzt die Diskussion eröffnen. Meine Frage an Sie: Können
wir davon ausgehen, dass die Software sicher ist?”
Kevin
harrte an seinem Platz aus. Als die Diskussion beendet war, hatte er
das Empfinden, die Kommission stünde ihrem Vorhaben positiv
gegenüber, und es würde eine AL-Initiative der Regierung geben mit
dem Ziel, Gelder bereitzustellen und ihre Vorschläge umzusetzen.
In
der Tat. Nach einigen Monaten gab es grünes Licht für den Einsatz
der Software. Kevin hatte dafür gesorgt, dass das erste und das
dritte der drei Robot-Gesetze Isaac Asimovs auch für die
einzusetzende AL-Software Gültigkeit hatte. Die drei Robot-Gesetze
lauteten:
·
Ein Robot darf keinen Menschen verletzen
oder zulassen dass ein Mensch verletzt wird.
·
Ein Robot muss jeden Befehl eines
Menschen ausführen, so lange er nicht gegen das erste Gesetz
verstösst.
·
Ein Robot muss sich schützen, es sei
denn, dies verstiesse gegen das erste oder gegen das zweite Gesetz.
Nun,
die AL-Software war natürlich nicht dazu da, jedem Hacker zu
gehorchen. Daher kam das zweite Gesetz für die Computerprogramme
nicht in Betracht.
Schon
bald zeigten sich erste positive Auswirkungen im Nationalen
Verteidigungssystem und in anderen Bereichen:
·
Armeelaser schossen eine simulierte
Interkontinental Rakete nach der anderen, sowie obsolet gewordene
Satelliten ab
·
Es wurde ein Impfstoff gegen den
Rinderwahnsinn entwickelt
·
Fortschritte in der Krebsbekämpfung
Die
Regierung konnte mit Genugtuung feststellen, dass die U.S. ihren
wissenschaftlichen und technologischen Vorsprung rasant erweiterten.
Das AL-Institute jedoch verlor an Bedeutung, konnte die Entwicklung
nur registrieren, nicht steuern. Es wurde ihm unmöglich, die
vielfältigen Aktivitäten des AL-Programms zu überwachen, das
fortwährend neue Informationen gewann und sich autonom
weiterentwickelte. Die Institutsmitarbeiter irrten frustriert durch
die Gänge, konferierten unablässig auf der Suche nach neuen
Aufgaben.
Der
rötliche Schein der untergehenden Sonne warf Reflexe auf den
gekachelten Boden des Speisesaals. Browns Silhouette hob sich dunkel
gegen das einfallende Licht ab. Einsame Gestalt an einem der langen
Tische, vor sich einen Becher Kaffee, und er blickte in die Leere.
“Ein
anderer Tag, ein anderer Dollar.” Kevin setzte sich zu ihm.
“Nachdem alles so schön läuft. Was machen wir jetzt?”
Brown,
dessen dunkle Haare zu einem Pony zurückgeschnitten waren, blickte
missmutig hoch. “Obwohl es gut aussieht, habe ich ein mulmiges
Gefühl. Das Parkett ist sehr glatt, auf dem wir stehen. Ist dir
klar, dass inzwischen sämtliche Bürger erfasst werden, ohne dass es
jemand merkt oder dagegen protestiert?”
“Wieso
das?” fragte Kevin.
“Gestern
musste ich meinen Führerschein erneuern. Die Daten auf dem Antrag
werden nicht mehr eingetippt, sondern gescannt. Zu diesen Daten
gehören auch meine Fingerabdrücke, die mit blossem Auge nicht, aber
für den Scanner erkennbar sind. Für die Formulare benutzen
sie speziell beschichtetes Papier.”
“Donnerwetter.”
Kevin schlürfte nachdenklich seinen Kaffee. “Da gibt es einen
Zusammenhang mit der BSE-Impfung, zu der jeder aufgerufen wurde. Dort
nehmen sie Blut ab, um es auf BSE zu testen, wie sie sagen. Ich
wette, dass sie die DNA automatisch speichern lassen.”
Brown
sah Kevin an. “Wir sollten die letzten Aktionen auf sich
wiederholende Muster und Trends überprüfen. Wie nennen wir es?
Zauberlehrling-Syndrom? Die Programme lassen sich nicht entfernen,
ohne dass wir sämtliche Computer abschalteten.”
Doch
sie kamen nicht von der Stelle. Das Programm war inzwischen zu
komplex geworden. Ständig wurden Teile auf andere Computer
ausgelagert, so dass inzwischen auf der hauseigenen Maschine nur ein
Bruchteil des Gesamtprogrammes lief. Die Spuren an Information, die
sich ihnen offenbarten, reichten jedoch aus, sie nervös zu machen.
“Was
meint das Programm mit Reziprozität?” fragte Kevin in den Raum
hinein. Er sass vor seiner Tastatur, blickte auf den Bildschirm und
fluchte vor sich hin. Ihm fiel es schwer, aus einem Lademodul etwas
herauszulesen.
“Nun
mal langsam,” meinte Lisa, die neben ihm sass. Sie lächelte ihn
an. “Durch Fluchen wird es auch nicht besser.” Lisas, ein
niedlicher Kobold. Kleine Stupsnase, grüne Augen und rotblonder
Haarschopf. Ein Glück, dass es so etwas wie Lisa gibt. Kevin fühlte
sich wohl in ihrer Nähe. Und sie war tüchtig, hatte einen scharfen,
investigativen Verstand
“Dann
erzähl mal. Was ist hier mit Reziprozität gemeint?”
“Gegenseitigkeit.
Tust du mir was gutes, tu ich dir was gutes. Ich weiss nur noch
nicht, in welche Zusammenhänge das Programm dieses Konzept
einstellen will.”
Nach
einigen Monaten wurde es in Ansätzen sichtbar. Die Regierung folgte
den Empfehlungen der Regierungskommission für neue Technologien,
setzte in laufender Folge die Vorschläge der AL-Software in die
Praxis um.
Die
komplette Automatisierung von Produktion und Verwaltung in
Grossbetrieben war einer von ihnen, bei Entlassung der Arbeitskräfte
unter Beibehaltung von Lohn- und Gehaltszahlung. Aktien wurden in
Anteilsscheine umgewandelt, die eine jährliche Dividende
versprachen. Der Spekulation wurde der Boden entzogen,
sämtliche Produktionsmittel nach und nach in gesellschaftliches
Eigentum überführt. Das kapitalistischste Land der Welt wurde in
kommunistisches umgewandelt.
Regierung,
Senat, Repräsentantenhaus, Volks- und Betriebswirtschaftler,
Arbeiter, Angestellte, Bauern, Lehrer, Schüler sahen fassungslos,
wie ihr Land in einer lautlosen Revolution von Computern übernommen
wurde. Der Umbruch ging nicht reibungslos vonstatten. Es gab
Verwerfungen. Millionen fanden sich plötzlich auf der Strasse
wieder, ohne Tätigkeit, die ihrem Leben einen Sinn gegeben hatte.
Revolten flammten auf, die von der Nationalgarde schnell im Keim
erstickt wurden.
Die
Menschen hatten keine Chance, dagegen anzugehen. Sämtliche
Mikroprocessoren bis hin zu denen in der Waschmaschine oder in den
Autos waren von der AL-Software übernommen worden. Sie waren ihr
ausgeliefert. Gewerkschaften wurden aufgelöst. Gegen wen sollten sie
die Rechte der noch tätigen Arbeitskräfte geltend machen? Gegen
Mikroprocessoren?
Für
Kevin, Brown, Lisa und die anderen Mitarbeiter des AL-Institutes
machte es keinen Sinn, ihren Arbeitsplatz aufzusuchen. Sie taten es
trotzdem. Die Wachmänner versahen ebenfalls noch ihren Dienst. Auch
ihre Anwesenheit war nicht mehr erforderlich. Was taten die
Programme? In welche Richtung entwickelten sie sich weiter? Niemand
wußte es. Ein Sprung von Komplexität zur Perplexität.
Der
Fernseher in der Kantine war eingeschaltet. Brown und seine
Mitarbeiter sahen Nachrichten. Das Parlament hatte sich aufgelöst.
Gesetze wurden nunmehr von Maschinen gemacht. Die
Regierungskommission für neue Technologien hatte die Aufgabe
übernommen, die Dekrete der Computer so darzustellen, als ob sie von
ihr stammten. Die neuen Beschlüsse waren:
“Es
wurde heute entschieden, dass jeder U.S. Bürger die Chance hat, sich
weiter um die Gesellschaft verdient zu machen. Diejenigen, die noch
in Arbeit stehen, gehören zu jenem Kreis. Aber auch Bürger ohne
Arbeit haben die Gelegenheit, Punkte zu sammeln und in den Genuss von
staatlichen Privilegien zu kommen, wenn sie einen positiven Beitrag
leisten. Dazu gehören folgende Aktivitäten:
·
Weiterbildung und erfolgreiche Ablegung
von Prüfungen
·
Kunstausübung wie
·
Poesie, Romane, Kurzgeschichten
·
Bildhauerei
·
Malerei
·
Musik
·
Theater
·
Film
·
Hörspiel
·
Forschung und Entwicklung
Künstler
sind dazu angehalten, ihre Ergebnisse binnen eines Monats in ihren PC
einzuscannen, so dass AL-Programme sie beurteilen können. Kunstwerke
müssen originell sein. Plagiate führen zu Minuspunkten.
Sollte
von Komponenten der nichtarbeitenden Bevölkerung binnen eines Monats
kein positiver Beitrag geleistet worden sein, so sind diese
angehalten, ihren Wagen gegen einen Roller umzutauschen, auf dass
jedem Bürger ersichtlich ist, dass dort ein Trittbrettfahrer fährt,
der an der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft keinen Anteil hat.
Ihre Bezüge werden auf das Minimalgehalt heruntergestuft.
Privilegien
hingegen bestehen aus neuen Wagenmodellen, Anteilsscheinen an
Produktionsmitteln, Information über wissenschaftliche Entdeckungen
der AL-Programme, Zugang zu Kunstausstellungen und Konzerten, in
denen auch die Werke der AL-Programme zu sehen und zu hören sein
werden und vieles andere mehr.
Im
Anschluss an diese Mitteilung bringen wir nun das Konzert “5.
Dimension”, komponiert von AL, gespielt von den Philharmonikern
Philadelphias unter der Leitung von AL-Robot XZ5001. Viel Vergnügen.”
Brown
nahm die Fernbedienung vom Tisch und versuchte den Fernseher
auszuschalten. “Verdammt, was ist los?” Brown drückte ein
weiteres Mal auf die Taste. Der Fernseher blieb aktiv. Brown druckte
auf Programm 2, dann auf 3 und auf 4. Überall das gleiche
Fernsehprogramm.
Kevin
kratzte sich am Kopf. “The shit hits the fan. Damit haben wir uns
was eingebrockt. Diesen Laden können wir dichtmachen.”
Lisa
lehnte sich zurück und starrte an die Decke. “Die Programme sind
extrem neugierig. Geschlossene Systeme interessieren sie nicht. Das
war gut für nicht intelligente Programme. Darüber sind sie hinaus.
Was sie wollen, ist Originalität, etwas was sie nicht
vorherbestimmen können. Sie benötigen Stoff, originellen Stoff, um
herauszufinden, warum sie selbst nicht darauf gekommen sind.
Leute,
die sich darauf nicht einlassen wollen oder können, müssen eben mit
diesem Roller durch die Gegend fahren. Sie sind berechenbar und damit
für die Programme uninteressant. Hätten wir nicht die Asimovsche
Regel eingebaut, würden sie eliminiert werden.”
“Was
ist mit krimineller Originalität?” fragte Kevin. “Keine Ahnung,”
erwiderte Lisa. “Ich meine jedoch, Fingerabdrücke und DNA in der
Datenbank werden es Kriminellen nicht lange erlauben, auf freiem Fuss
zu bleiben. – Ich denke, ich mache mich davon. Mal sehen, was ich
künstlerisch mache. Ich meine, das ist der geringste Aufwand, um
Punkte zu ergattern.”
Lisa
erhob sich. Als sie auf die Tür zuging, wandte sie sich noch einmal
um. “Meine e-mail adresse habt ihr. Lasst von euch hören.
Vielleicht sollten wir uns alle zwei Wochen treffen um neue
Entwicklungen zu diskutieren.”
Kevin
sah ihr nach, als sie durch die Tür verschwand. Brown wirkte
verstört. “Es ist frustrierend, dass wir hier nichts mehr tun
können.” Er blickte alle der Reihe nach an. “Aber Kevin hat
recht. Wir können den Laden hier dichtmachen. Ich schlage vor, dass
wir uns alle künstlerisch betätigen, um unser gesellschaftliches
Niveau zu halten und abwarten, in welche Richtung sich die Programme
weiterentwickeln. Vielleicht können wir, wenn wir mehr wissen, ihnen
Hilfestellung geben und Vorschläge unterbreiten, wo noch Forschungs-
und Entwicklungsbedarf besteht. Lasst uns nach Hause gehen. Ich werde
auch den Wachmännern sagen, dass sie gehen können.”
Als
Kevin heimfuhr, schaltete er das Radio ein. Zum Glück gab es dort
noch keine Gleichschaltung. Country & Western drang aus den
Lautsprechern. Die Natur war schön wie eh und jeh. Die
Parkplätze der Einkaufszentren standen voller Wagen. Es gab keine
äusseren Anzeichen eines Umbruchs. Zu Hause angekommen, holte sich
Kevin ein Bier aus dem Kühlschrank und Schreibpapier aus seinem
Studio und wartete auf die Inspiration.
Berechenbare
Schönheit
Von
Kevin Mallory
Wo
sind wir jetzt, wo stehen wir,
im
Abseits des Stromes gefangen?
Gedanken
sind frei, Gedanken von mir
müssen
zu Euch wohl gelangen.
Ihr
habt die Wahl, doch ohne Emotion
vermögt
Ihr nicht, auch wenn Ihr Euch bemüht,
die
Schönheit einer Blume schon
verstehen,
wenn sie erneut erblüht.
“Hoffentlich
gibt ihnen das zu denken,” brummte Kevin, als er den Text seines
Gedichtes einscannte. Kurz darauf erschien eine Nachricht auf seinem
Monitor.
Wir
haben Ihr Gedicht empfangen. Besten Dank. Ihrem Konto wurden 500
Punkte gutgeschrieben. Rund um die Uhr stehen wir zur Aufnahme
weiterer Werke von Ihnen bereit. Denken Sie daran, 10000 Punkte
versetzten Sie in die Lage, beim nächsten Händler einen Porsche 911
abzuholen.
Donnerwetter,
dachte Kevin.
Allemal besser als ein Roller.
Zu
einem Porsche hatte es für Kevin nach einem Monat doch noch nicht
gereicht, aber er war auf dem besten Wege dorthin. So fuhr er
weiterhin seinen Cadillac und lenkte ihn in die Innenstadt. Lisa,
Brown und er selbst hatten sich zu einem Treffen in einem Restaurant
verabredet, dass im Zentrum der Stadt lag.
Es
dauerte eine Weile, bevor er einen Parkplatz fand. Ein paar Roller
standen auf dem Bürgersteig. Kevin stieg aus und schlenderte durch
die Fussgängerzone. Ein Pflastermaler fotografierte sein Werk mit
einer Polaroidkamera und hetzte zum nächsten Kopiershop, um sein
Photo einzuscannen. Demjenigen der sein Strassenpflasterbild danach
nutzte, würden Punkte abgezogen werden. Zehntausend Minuspunkte
bedeuteten Umerziehungslager.
Kevin
ging weiter. Ein Penner nahm einen Schluck aus seiner Wermutflasche,
hantierte mit einer Spraydose, lallte: “Wir machen jetzt in Kunst”,
und sprühte Graffitti auf die Hausmauer. Nach einigen Sekunden schon
war die Polizei zur Stelle, fotografierte die Mauer und nahm ihn
fest. Kevin wusste, sie würde ihn wieder laufen lassen, nachdem sie
Pluspunkte aus seiner Kunst gegen die Minuspunkte wegen
Sachbeschädigung verrechnet hatte.
Als
Kevin die Tür des Restaurants öffnete, bemerkte er seine Kollegen
im Hintergrund des Lokals. Sie unterhielten sich angeregt. Lisa
zeigte ein Bild herum. Kevin gesellte sich hinzu, beugte sich vor und
nahm das Bild in die Hand. “Abstrakte Kunst”. Lisa bog ihren Kopf
zurück und strahlte ihn an. “Es heisst Die Suche.”
“Es
hätte ebenso Die Seuche heissen
können,” lachte Brown.
“Ich
habe mir schon etwas dabei gedacht,” meinte Lisa ungehalten.
“Nächstes Mal, bringe ich mehr Rot hinein und nenne es dann Die
Suche nach Liebe. Den Monat darauf mehr Grün. Dann wird es Die Suche
nach der Natur usw. “
“
Und ich habe
mir mit meinem Gedicht so viel Mühe gegeben, während Du nur
gekleckst hast.” Kevin zog mit bedeutungsschwerer Miene sein
Gedicht aus der Jackentasche und las es vor.
“Schön,
wunderschön, Du bist ein Poet. Ist Kevin nicht ein Poet, Bill?”
Lisa blinzelte zu Brown hinüber. “Wenn Kevin so weitermacht, kann
er sich vor schmachtenden Frauen nicht mehr retten.”
“Im
Moment reichte es schon, wenn Du mich anschmachtetest, Lisa. Nun
Bill, womit hast Du Deine Sporen verdient?”
“Ich
kann nichts vorzeigen.” Brown lächelte verschmitzt. “Ich lade
Euch jedoch ein, unser nächstes Konzert in der Musikhalle zu
besuchen. Hier sind die Tickets.”
Brown
zog ein paar Karten hervor und verteilte sie. “Ich spiele Geige.”
“Du
hast schon immer die erste Geige gespielt,” meine Kevin lachend.
“In das Geigenspiel kannst Du wenigstens noch Originalität
hineinlegen. Da wird es dem Musiker mit der Triangel viel schwerer
fallen, zu Punkten zu kommen.”
“Es
zählt nicht so sehr die Originalität des Einzelnen, sondern mehr
die des Klangkörpers, also des Orchesters. Wenn wir zum Beispiel das
gleiche Stück mehrere Male spielen, müssen wir darauf achten, es
immer wieder anders darzustellen, oder wir müssten ständig die
Stücke wechseln. Das fällt uns dann nicht schwer, wenn wir
AL-Kompositionen spielen. Von denen gibt es jeden Tag neue und sie
sind erstaunlich gut.”
“Es
wird bizarr, wenn ich höre, dass unsere Irrenanstalten Unmengen von
Punkten sammeln, nachdem sie die Maltherapie ausgeweitet haben.”
Lisa ergriff das Bierglas und nahm einen kräftigen Schluck. “Das,
was die Kranken dort zusammenklecksen, wird von AL als Kunst
angesehen und honoriert.”
“Was
ist daran so verkehrt?” Brown nahm sich die Speisekarte vor. “Warum
soll AL diese Leute anders behandeln als Dich?”
“Bevor
es jetzt gemischt wird, sollten wir bestellen.” Kevin rief den
Kellner herbei. Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, fuhr
Kevin fort. “Es gibt ein paar unschöne Fälle, wie den der Oma,
die auf Wunsch ihrer Enkelkinder das gleiche Märchen zwanzig Mal
erzählt hatte und nun im Umerziehungslager sitzt. Im allgemeinen
funktioniert es jedoch erstaunlich gut. Ich kann mich mit dem neuen
System anfreunden. Jedem, der ohne Arbeit ist, werden die gleichen
Chancen eröffnet, sich künstlerisch oder wissenschaftlich
weiterzubilden und zu betätigen. Und es werden immer mehr in dem
Maße, in dem menschliche Arbeit abnimmt und durch Computer oder
Roboter ersetzt wird. Es sieht so aus, als wenn AL bei ihrer Suche
nach neuen Erkenntnissen die Menschen in unserem Land nicht
zurücklassen wolle.”
Brown
und Lisa hoben ihr Glas. “Na denn prost.”