"Kein Mord? Wir sollten uns mal
wieder um Aufgaben k
ümmern, für die wir bezahlt
werden.“
Schneider zog seinen
Mantel aus, setzte sich an den Schreibtisch.
„Zur Zeit nichts. Was
für eine Stadt wie Hamburg mit 1.9 Millionen Menschen erstaunlich
ist.“
Udo drückte auf den
Höhenversteller seines Gamestuhls. „Bei dem geht die Luft raus.“
„Bei meinem ist keine
drin.“ Schneider grinste „Ist dir aufgefallen, dass jeder, der an
der Cthulhu-Statue im Stadtpark vorbeispaziert, sich davor verneigt?“
„Ist das so? Das war
doch schon in Arkham. Nur hatte Cthulhu dort ein
Realitätenverzerrungsfeld aufgebaut. Wenn das hier nicht weiter
aufstößt, haben wir hier auch eins.“
Zum Glück hatten sie noch
mehr zu tun, als Mörder aufzuspüren.
Abend.
Schneider
riss die Tür auf und rief in die Küche hinein: “Abend Emma,”
hängte Mantel
und Jacke
weg, ging ins Wohnzimmer und fläzte sich auf die Couch.
“Ist
was, Heinrich? Du klingst so anders.” Emma steckte ihren Kopf in
die Tür und blickte Schneider prüfend an.
“Sieh
dir mal meinen Arm an.” Schneider streckte Emma seinen Arm
entgegen. “Ich glaube, mich hat etwas gestochen.”
“Lass
mal sehen. – Ich tippe auf Mückenstich. Das haben wir gleich.”
Emma verschwand in der Küche und kam mit einer Zwiebelscheibe
zurück. “Die legst du jetzt für zehn Minuten auf den Mückenstich,
dann verschwindet er.
So,”
Emma fuhr mit der Hand durch Schneiders Haar. “Ich verschwinde
wieder in der Küche, und wenn das Essen fertig ist, rufe ich dich.”
Schneider
liess sich zurückfallen und hielt die Zwiebelscheibe auf seinen Arm
gepresst. Er blickte auf den ausgeschalteten Fernseher, fühlte sich
ausgebrannt. Burnout Syndrom? Er hatte doch nichts auszustehen. Emma
war der rettende Hafen, in dem er am Feierabend anlegte. Nur,
tagsüber vermisste er den Kick, den Adrenalinschub. In Ermangelung
frischer Taten gingen sie im Kommissariat alte ungeklärte Mordfälle
durch und durchsuchten sie auf Gemeinsamkeiten.
“Morgen,
Udo. Immer noch nichts?”
Sein
Mitarbeiter schüttelte den Kopf.
“Nee,
nichts Besonderes. Vielleicht sind wir einfach zu gut und es traut
sich keiner mehr, ein Kapitalverbrechen zu begehen. Dann könnten wir
uns auf die Schulter klopfen. Ich möchte nun auch nicht soweit
gehen, selbst eines zu produzieren, nur damit wir was zu tun
bekommen.”
“Du
meinst, wie manche Feuerwehrleute,
die erst die Scheune in Brand stecken und sich dann im heldenhaften
Löscheinsatz hervortun.”
“Ja,
so ähnlich. Nehmen wir uns lieber die ollen Mordfälle vor.”
Nichts
hatten sie gefunden. Es fehlt eine Datenbank, die nach den
Attributen der Mordfälle sortiert ist. Schneider
war frustriert und auf dem Heimweg. Als er mit seinem Wagen um die
Ecke bog, sah er das Blaulicht mehrerer Polizeiwagen vor dem Institut
für alternative Energien. Er stoppte sein Gefährt und sprang
heraus. Der Eingang des Gebäudes war geöffnet. Schneider ging
hinein.
“Hören
Sie mal, hier können Sie nicht rein.” Ein Polizist stellte sich
ihm in den Weg. Schneider zeigte seinen Ausweis.
“Ist
Dr. Petersen hier?”
“Schon
gut Leute, es ist Kommissar Schneider. Lasst ihn durch.”
Petersen,
der im Korridor neben einem Toten kniete, erhob sich und gab
Schneider die Hand. “Seltsame Geschichte, Herr Schneider. Der Mann
wurde mit einem Giftpfeil getötet. Sieht nach Curare aus.”
“Ist
das nicht ein Gift südamerikanischer Indios, mit dem diese Affen
erlegen?”
“Stimmt.
Curare wird aus Pflanzen gewonnen und zu einer zähen, klebrigen und
bitterschmeckenden Flüssigkeit verarbeitet. Pfeile, in diese Tinktur
getaucht und mit mit einem Blasrohr auf das Opfer geschossen, führen
zu einem grausamen Tod.”
Petersen
griff nach einem Plastikbeutel.
“Sehen
Sie den Pfeil? Grausam deshalb, weil das Opfer bis zu seinem
Erstickungstod miterlebt, wie nach und nach sämtliche Muskeln seines
Körpers gelähmt werden.”
Schneider
betrachtete das Geschoss.
“Weiss
man schon etwas über das Opfer?”
Petersen
deutete auf eine Bürotür.
“Dort
im Büro befinden sich einige Mitarbeiter dieses Mannes. Ich weiss
nur, der Tote heisst Morgenstern und war Leiter des Institutes.”
“Wen
habt ihr von der Mordkommission angefordert?”
“Holzmann.”
Schneider
griff nach seinem Handy und rief zurück, dass Holzmann nicht zu
kommen brauchte.
Petersen
sah ihn an.
“Ich
bin fertig und gehe jetzt. Die Spurensicherung ist auch schon durch.
Einen schönen Abend noch, Herr Schneider.”
Schneider
öffnete die Bürotür. Einige Frauen hatten es sich auf den Stühlen
bequem gemacht, während zwei Männer auf den Schreibtischen sassen.
Laborpersonal? Die
Leute trugen weisse Kittel.
“Vielen
Dank, dass Sie gewartet haben. Mein Name ist Heinrich Schneider. Als
Kommissar der Mordkommission möchte ich Ihnen einige Fragen
stellen.”
Einer
der Männer erhob sich und gab Schneider die Hand.
“Reimann,
Laborleiter. Es ist schrecklich. Wir sind noch vollkommen
durcheinander. Was wollen Sie wissen?”
Schneider
erfuhr, dass der Tote an der Verbesserung von Brennstoffzellen
gearbeitet hatte.
“Wer
von Ihnen hat das Knowhow, die Arbeit fortzuführen?”
Einige
blickten auf eine blasse junge Frau, die schluchzend in einer Ecke
sass.
“Fräulein
Morgenstern hat eng mit ihrem Vater zusammengearbeitet. Sie hat die
nötigen Kenntnisse und besitzt die Erfahrung, das Projekt zu einem
erfolgreichen Abschluss zu bringen.”
Reimann
legte eine Hand auf die Schulter der Frau. “Wir alle sind betroffen
über den Tod ihres Vaters.”
Schneider
sah zu der jungen Frau hinüber.
“Fräulein
Morgenstern. Bitte nehmen Sie mein Beileid entgegen. Ich werde noch
einmal zu einem günstigeren Zeitpunkt auf Sie zukommen.”
Schneider
drückte Reimann seine Visitenkarte in die Hand und setzte seinen
Heimweg fort.
Schneider
riss die Tür zur Küche auf.
“Abend
Emma, gibst du mir ein Bier?” Er gab seiner Frau einen herzhaften
Kuss, hängte Mantel
und Jacke
weg, ging ins Wohnzimmer, liess sich auf die Couch fallen und
schaltete den Fernseher ein.
“Heinrich,
du bist ja richtig aufgeblüht. Was ist denn passiert?” Emma
stellte das Bier auf den Couchtisch.
“Wir
haben einen Mord.”
“Ist
ja schrecklich, ich meine, ist ja toll. Doch komm jetzt in die Küche.
Das Essen ist fertig und bring Dein Bier mit.”
“Wie
es der Zufall so will, Udo….” Schneider hängte seinen Mantel an
den Haken und sah Udo über die Schulter, der in der Bildzeitung
weiterlas.
“Bist
du auf einen frischen Mord gestossen. Guten Morgen, Heinrich und
herzlichen Glückwunsch.
Der
Blasrohr Mord. So steht das in der Bildzeitung. Bei dieser exotischen
Tötungsart sollte sich die Anzahl verdächtiger Personen eigentlich
eingrenzen lassen.”
“Dazu
müssen wir erst mal ein paar Verdächtige haben, mein Lieber. Ich
werde uns im Institut anmelden. Wenn du soweit bist, fahren wir dort
hin.”
“Fräulein
Morgenstern, Herr Reimann, erzählen Sie uns doch bitte etwas über
Brennstoffzellen.”
“Ganz
einfach,” erklärte Reimann. “In Brennstoffzellen werden Wasser
und Sauerstoff in Wasserdampf umgewandelt. Dabei wird Strom erzeugt.”
“Nun
war mein Vater dabei, ein Verfahren zu entwickeln, welches den
Wirkungsgrad um ein Hundertfaches erhöhen sollte. Da
werden Lithium-Batterien nicht mithalten können.”
Fräulein Morgenstern beugte sich vor und blickte Schneider und Udo
bedeutungsvoll an.
Sie
hat sich wieder gefangen, dachte Schneider. Ihre Wangen röteten
sich, als sie sah, wie er auf ihren Kittel blickte. Verlegen knöpfte
sie ihn vollständig zu.
“Es
ist nicht nur ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen einzelnen
Brennstoffzellenherstellern entflammt, sondern auch zwischen diesen
und der Öl-Industrie, die mittelfristig mit grossen Absatzeinbussen
rechnen muss, wenn die Brennstoffzellen so wirtschaftlich sind, dass
die Autofirmen sie in ihre Wagen einbauen.”
“Es
entstehen keine Schadstoffe. Smog in den Städten wird drastisch
reduziert. Ist das nicht herrlich?”
Reimann
strahlte. “Und wir sind die Pioniere.”
Schneiders
Gesicht verriet keine Bewegung. “Herr Reimann, können Sie mir eine
Liste ihrer Mitarbeiter beschaffen und auch die Zeit ihrer
Betriebszugehörigkeit auflisten?”
Während
Reimann in die Verwaltung ging, blickte die junge Frau sie ängstlich
an.
“Herr
Schneider, Herr Schmitz, was geschieht nun? Ich habe Angst, dass der
Mörder es nun auf mich abgesehen hat, da ich die Einzige bin, die
das Projekt meines Vaters fortführen kann.”
“Keine
Sorge,” Schneider lächelte ihr beruhigend zu. “Wir werden uns
darum kümmern. Tagsüber wird sich ein Polizeibeamter zu Ihrem
Schutz im Institut aufhalten. Während der übrigen Zeit werden
wir hin und wieder einen Wagen mit Polizisten in Zivil
vorbeischicken, die Ihr Haus oder Ihre Wohnung beobachten. Schreiben
Sie doch bitte Ihre Adresse auf einen Zettel.”
Schneider
gab ihr seine Visitenkarte. “Sollten Sie etwas Verdächtiges
bemerken, Fräulein Morgenstern, rufen Sie mich bitte an. Entweder im
Kommissariat oder zu Hause.”
Als
Reimann ins Büro zurückkehrte, händigte er ihnen die Liste aus.
Schneider und Udo fuhren ins Kommissariat zurück.
“Brennstoffzellen,”
dachte Udo nach. “Habe schon davon gehört. Ist schon interessant,
was es inzwischen an Erzeugern von alternativen Energien gibt:
Windmühlenparks, Solarzellen, Gezeitenkraftwerke. Dann die
Supraleitfähigkeit.”
“Das
ist ja nun was anderes, meine ich.”
Schneider
stellte den Wagen auf dem Parkplatz ab, sie stiegen aus.
“Die
vermindert doch nur den Leitungswiderstand bei niedrigen
Temperaturen. Wie auch immer, wir sollten uns die Liste vornehmen.
Ich werde die Bundesanstalt für Angestelltenversicherung um Auskunft
bitten. Die müssten wissen, wo die Leute sonst noch gearbeitet
haben.”
“Heinrich,
was macht Dein neuer Mordfall?” fragte Emma und setzte sich zu
Schneider auf die Couch.
“Wir
sind noch nicht weitergekommen. Jemanden mit einem Giftpfeil
umzubringen, kommt nicht jeden Tag vor und nun ist die Tochter des
Ermordeten in Gefahr.”
Das
Telefon klingelte. Emma nahm ab.
“Heinrich,
ist für dich. Eine Jessica Morgenstern.”
Emma
hörte, wie eine aufgeregte Stimme auf Heinrich einsprach und er am
Schluss sagte: “Ich komme sofort zu Ihnen. Machen Sie niemandem
auf, bevor ich a bin. Ich klingele: Zwei kurz, drei lang.”
“Siehste,
Emma. Das war die Tochter des Ermordeten. Sie hat jemanden um ihr
Haus schleichen sehen. Ich fahre sofort hin.”
“Nimm
dich in acht und sei vorsichtig, Heinrich. Es wird schon dunkel. Ich
fühle mich gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass womöglich jemand
mit einem Blasrohr Giftpfeile auf dich schiesst.”
Schneider
schnallte sich sein Pistolenholster um
“Keine
Angst, Emma. Der weiss ja nicht, dass ich komme. Bis nachher.”
Schneider
liess seinen Wagen in einer Seitenstrasse stehen, steckte eine
Taschenlampe ein und ging langsam auf das Haus der Morgensterns zu.
Er trat nicht ein, sondern schlenderte an dem Haus vorbei, um nicht
aufzufallen und blickte wie beiläufig in den Vorgarten. Er sah
nichts Ungewöhnliches.
Ein
Mann ging an ihm vorbei. Schneider stutzte. In der zunehmenden
Dunkelheit hatte er dessen Gesichtszüge nicht genau ausmachen
können; doch sah er mit seinen tiefliegenden Augen, seiner Hakennase
nicht aus wie ein Indio? Schneider drehte sich um. Der Mann war
verschwunden.
Schneider
kehrte zum Haus zurück und öffnete die Metalltür zum Vorgarten. Er
trat zur Eingangstür und läutete. Jemand schob eine Gardine zur
Seite und blickte durch das Fenster.
“Herr
Kommissar. Schnell, kommen Sie herein.” Die Frau zog ihn am Ärmel
durch die Tür. Wie erschöpft lehnte sie sich an die Wand.
“Draussen
schleicht jemand herum! Haben Sie ihn gesehen?” Furchtsam starrte
sie ihn an.
“Kommen
Sie. Ziehen Sie Ihren Mantel an.”
“Wohin
gehen wir?” fragte sie aufgeregt.
“In
den Park.”
“Und
was ist mit dem Mann?”
“Der
tut Ihnen nichts, solange ich bei Ihnen bin. Kommen Sie! Wir gehen.”
Hastig
liefen sie durch den Vorgarten auf die Strasse hinaus, gingen
schnellen Schrittes die Strasse entlang, die zum Park führte und
verschwanden zwischen den Bäumen.
Wie
ein Schatten folgte ihnen eine dunkelgekleidete Gestalt. Sie hob sich
kaum von den Bäumen ab, deren Deckung sie suchte.
Die
Scheibe des Mondes schob sich hinter den Baumwipfeln empor. Die Frau
und Schneider gingen jetzt langsamer, schlenderten fast, weiter in
den Park hinein.
“Nun
sagen Sie mal, Fräulein Morgenstern. Warum hätte jemand Ihren Vater
umbringen wollen?”
“Ich
weiss es nicht, Herr Kommissar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass
dafür jemand von der Ölindustrie beauftragt worden war. Es
ist doch ein offenes Geheimnis, dass deren Unternehmen sich ebenso
wie wir mit der Entwicklung von Brennstoffzellen befassen.”
“Warum?
Weil sie damit rechnen, dass diese das Petroleum als Energieerzeuger
ablösen werden? “
“Genau.”
“Wenn
ich mir nun vorstelle,” meinte Schneider, “dass einige Länder
von den Einnahmen aus dem Verkauf von Petroleum abhängen, dann gäbe
es für diese doch einen triftigen Grund, den Brennstoffzellen den
Garaus zu machen."
“Ich
weiss es nicht.”
Sie
lehnte sich an einen Baum. “Es ist mir auch gleich. Ich habe Angst,
Herr Kommissar.”
Schneider
nahm sie in die Arme, fühlte, wie sich ihr weicher Körper an den
seinen presste. Er griff ihr zärtlich unter das Kinn. Der Mond
beleuchtete das Gesicht der jungen Frau, hob es von dem umgebenden
Dunkel ab, liess es so verwundbar erscheinen und gleichzeitig schien
er ihm zu bedeuten, dass sie in diesem Moment nur ihm, Schneider,
gehörte, als sie vertrauensvoll zu ihm aufblickte. Sein Mund näherte
sich ihren geöffneten Lippen.
Schneider
vernahm ein leises Zischen, dann ein Plop. Ein kleiner Pfeil steckte
in dem Baum, an dem die Frau lehnte.
Schneider
riss die Frau mit sich zu Boden, griff im Fall nach seiner Pistole
und schoss aufs Geratewohl in die Büsche hinein.
Ein
Stöhnen, ein dumpfes Geräusch waren alles, was sie vernahmen.
Schneider holte seine Taschenlampe hervor und sah eine
schwarzgekleidete Gestalt am Boden liegen. Sie hielt das Blasrohr
noch in der Hand. Schneider griff nach seinem Handy.
“Udo
hat mich angerufen. Heinrich, du wirst immer zügelloser. Und das in
deinem Alter,” rief Emma aus dem Wohnzimmer heraus, als Schneider
in den Flur trat. “Er erzählte mir, du hättest mit einer jungen
Frau einen Parkspaziergang gemacht. Einen Parkspaziergang mit
Folgen.”