Der
Lenz-Moser hat es in sich, vielleicht hatte auch er schon ein Glas
zuviel von dem Rotwein getrunken; doch
Kollege Holzmann war richtig abgefüllt. Schneider
beobachtete, wie Holzmann wie ein betrunkener Matrose auf Frau Dimpfl
zuschwankte. Frau Dimpfl aus der Dokumentationsabteilung, der blonde
Star des Betriebsfestes. Wie ein Schwarm Bienen summten die Männer
um sie herum, anzüglich ihre Komplimente, versuchten die
Aufmerksamkeit der Frau auf sich zu lenken, die sie mit amüsierter
Gelassenheit gleichmässig verteilte.
“Frau
Dimpfl, Frau Dimpfl, kennen Sie den Witz vom Mann mit der Sonnenuhr?”
“Nein,
Herr Holzmann, wie geht der?”
“Herr
Meier befindet sich am Nacktbadestrand und fragt eine Frau:
‘Entschuldigung, können Sie mir sagen, wie spät es ist?’
‘Ja,
es ist viertel nach drei.’
‘Oh,’
sagt Herr Meier und blickt an sich hinab. ‘Ich sehe, meine
Sonnenuhr geht nach, muss sie schnell wieder aufziehen.’
“Herr
Holzmann,” Frau Dimpfl tat interessiert, “was meinen Sie damit,
könnten Sie das nicht demonstrieren?”
“Selbstverständlich,
Frau Dimpfl, für Sie tue ich doch alles,” grinste Holzmann.
Was
für ein Biest, dachte
Schneider. Sie will Holzmann vorführen.
Er
nahm Holzmann zur Seite, ging mit ihm auf den Parkplatz und setzte
ihn in das nächste Taxi.
Als
er zurückkehrte, kam ihm Udo entgegen. Er trug seinen Trenchcoat
über dem Arm.
“Wir
haben einen Fall.”
“Es
wurde auch Zeit, sonst hätte es auch mit mir noch böse enden
können.”
Sie
gingen zum Parkplatz und stiegen in den Bereitschaftswagen.
“Im
Sachsenwald haben sie eine Frauenleiche gefunden.”
Schneider
blieb stumm. In seinem Kopf hämmerte es. Wäre er doch bei
Mineralwasser geblieben! Es dauerte eine Weile, bevor sie die
Blaulichter der Polizeiwagen und die Lichtkegel der aufgestellten
Scheinwerfern sahen. Sie stiegen aus, gingen an den Polizisten
vorbei.
“Dr.
Petersen, wie sieht es aus?” Ein Mann, über die tote Frau gebeugt,
richtete sich auf.
“N’Abend
Herr Schneider. Die Frau wurde aus etwa fünf Meter Entfernung mit
einer kleinkalibrigen Pistole erschossen. Sie wurde ins Herz
getroffen und war sofort tot.”
“Wann
ist der Tod eingetreten?”
“Vor
etwa drei Stunden.”
Schneider
sah, die Frau war noch jung. Sie hatte ein süsses Gesicht, ihre
Augen schienen vor Schreck geweitet. Er wandte sich an den Kollegen
der Spurensicherung.
“Irgend
was gefunden Herr Müller?”
“Nichts.”
Der Untersuchungsbeamte zuckte mit den Achseln. “Es liegen zu viel
Blätter herum. Wir suchen jetzt die nähere Umgebung nach
Reifenabdrücken ab.”
Schneider
und Udo blieben stehen, warteten und froren. Es war ein kalter
Herbstabend.
Nach
einer Viertelstunde kamen die Männer von der Spurensicherung zurück.
“Wir
haben Reifenabdrücke aufgenommen. Das wars. Ich glaube, wir können
jetzt Schluss machen. Morgen, wenn es hell ist, kommen wir noch mal
vorbei.”
“Haben
Sie die Leiche identifizieren können?”
“Es
handelt sich um eine Else Schütte.” Der Untersuchungsleiter griff
nach einem Plastikbeutel und zog einen Personalausweis heraus.
Der
Tag war grau, als sich Schneider und Udo am nächsten Tag auf den Weg
machten. Es war Nachmittag und sie fuhren die Alster entlang.
Segelboote bildeten helle Tupfer auf der bleiernen Oberfläche des
Flusses. Die rötlichen Blätter der grossen Kastanienbäume bildeten
einen weiteren Kontrast zu dem Grau der Wolken, das mit den Fassaden
der hohen Häuser zu verschmelzen schien.
“Der
Herbst hat doch auch seinen Charme,” meinte Udo.
“Du
wirst poetisch,” meinte Schneider. “Gestern hatte ich im
Fernsehen eine Folge von ‘Indiana Jones jr.’ gesehen, in dem eine
Dichterin ihn angehimmelt und ihm eine Poesie gewidmet hatte, in der
es hiess: ‘Selbst die Fusswege strahlen, wenn du auf ihnen
gehst.’.”
“Nett.”
Udo bog in eine Seitenstrasse. “Blumenstrasse. Das ist es.”
Schneider
fuhr fort. “Warum kann ich nicht dichten? Der Herbst macht mich
melancholisch. Besonders bei Morden wie diesem.”
Sie
stellten sich vor einen Hauseingang und läuteten.
Nach
einer Weile öffnete sich die Tür. Eine ältere Frau blickte sie
fragend an.
“Frau
Schütte?” Die Frau nickte.
“Gestatten
Sie, Kommissar Schneider und Inspektor Schmitz von der
Mordkommission. Wir möchten Ihnen unser Beileid aussprechen und
einige Fragen stellen bezüglich des Todes Ihrer Tochter. Sie hatten
sie ja am Vormittag identifiziert. Haben Sie eine Erklärung für
diesen Mord?”
Die
Frau blickte starr geradeaus. Sie schluckte, dann schien sie sich zu
fangen.
“Kommen
Sie bitte herein.”
“Ich
weiss nicht, wie ich es sagen soll,” sie stockte und ihr Gesicht
rötete sich leicht. “Ich glaube, meine Tochter war in schlechte
Gesellschaft geraten.”
Schneider
und Udo sagten nichts.
“Ich
meine, meine Tochter hatte eine lesbische Freundin.”
“Das
ist, Frau Schütte, in unserer heutigen Zeit doch kein Grund mehr,
sich darüber aufzuregen,” warf Schneider ein.
“Vielleicht
ist das so; aber die Freundin war so dominant, dass sie es nicht
zuliess, wenn Else mit anderen Bekannten ausging.”
“Haben
Sie ihre Adresse?”
“Nein,
aber ich weiss, dass sie abends öfter in ein Lokal gingen. Es war
unmöglich.”
“Was
für ein Lokal?” fragte Udo.
“Ich
glaube, es heisst Camelot und
ist auf Sankt Pauli.”
“Und
können Sie uns noch den Namen der Freundin sagen?”
“Ja,
Andrea. Aber sie liess sich Andreas nennen.”
“Vielen
Dank, Frau Schütte. Ich glaube, Sie haben uns da ein grosses Stück
weitergeholfen. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte
an.”
Schneider
erhob sich und gab ihr seine Visitenkarte. “Komm Udo, wir gehen.”
“Hast
du von dem Camelot schon
mal was gehört, Udo?”
“Nee,
am besten rufen wir die Kollegen von der Davidswache an.”
Im
Büro angekommen, informierte Schneider sich. “Ist in der
Talstrasse, Udo. Sie haben mir jedoch gleichzeitig gesagt, dass man
als Mann allein da nicht reinkommt."
“Kein
Problem, dann nehmen wir Anna mit.”
“Was
heisst wir, Udo. Da gehe ich mit Anna allein hin. Zwei Männer und
eine Frau, das würde auffallen.”
“Also,
Emma, du wirst es nicht glauben, wo ich heute abend noch hin muss.”
Schneider sass mit seiner Frau auf der Couch und sah sich die
Nachrichten im Fernsehen an.
“Na,
wohin schon. Zum Kegelabend, zum Skat, mit Udo auf die Eisbahn,
obwohl ich mir das nun wirklich nicht vorstellen kann. Nun sag
schon.”
“Ins
Camelot. In einen Lesbenclub. Warte nicht auf mich. Es kann spät
werden.”
“Was?
Die lassen dich als Mann doch gar nicht rein. – Denke ich mir
wenigstens,” fügte Emma hinzu, als sie Schneiders irritierten
Blick bemerkte.
“Ich
gehe mit Anna dahin. Es ist dienstlich. Es geht um den Mord im
Sachsenwald.”
Am
Abend fuhren Schneider und seine Kollegin Anna nach Sankt Pauli. Sie
parkten ihren Wagen in der Talstrasse, gingen zum Lokaleingang.
Schneider drückte auf den Klingelknopf. Eine Klappe öffnete sich,
eine Frau lugte hindurch. Bei Schneiders Anblick verdüsterte sich
ihr Gesicht.
“Kommen
Sie schon,” murrte sie. Das Türschloss klackte.
Das
Lokal war in schummriges Licht getaucht. Schneider hörte seichte
Discomusik, sah eine kleine Fläche, auf der einige Pärchen
engumschlungen tanzten. Eine Theke, an der einige Frauen sassen, zog
sich an zwei Seiten des Raumes entlang.
Schneider
gab Anna die Wagenschlüssel und verabschiedete sie. Man sah ihr an,
dass sie heilfroh war, aus diesem Loch verschwinden zu können. Er
blickte sich um. Anscheinend war er der einzige Mann im Lokal.
Schneider ging zur Theke.
“Ein
Pils bitte.”
“Sind
Sie allein hier? Dann kann ich Sie nicht bedienen.”
“Wieso
denn das?”
“So
sind die Regeln. Ich kann Ihnen nur ein Bier geben, wenn Sie in
weiblicher Begleitung sind.”
Missmutig
rutschte Schneider vom Hocker und setzte sich an einen leeren Tisch.
Er
beobachtete die Pärchen auf der Tanzfläche und an den Tischen. Wer
von ihnen war Andreas? Bei den meisten Pärchen konnte man
unterscheiden, wer der maskuline Partner war. Er war kurzhaarig und
streng gescheitelt, trug Oberhemd und Krawatte. War er derjenige, der
normalerweise obenauf lag, der Partnerin sagte, wo es lang ging?
Schneider kannte sich da nicht aus.
Es
gab auch andere. Schneider fielen zwei junge Frauen auf, die an einem
Tisch saßen und sich stritten; eine dunkelhaarige Latinoschönheit
und eine blonde Elfe, schien einem Märchen von Hans Christian
Andersen entsprungen. Wollte die Dunkelhaarige mit der Blonden
tanzen, so verweigerte sich diese. Schneider beobachtete, wie sich
eine Krawattenfrau von der Bar löste und die Dunkelhaarige
aufforderte, die noch einen letzten rätselhaften Blick auf die
Blonde werfend, in der Menge der tanzen Pärchen verschwand. Die Elfe
war den Tränen nahe, sah ihn hilfesuchend an.
Er
stand auf und näherte sich der Frau. Sie erhob sich, kam auf ihn zu
und folgte ihm auf die Tanzfläche, drängte ihn dorthin, wo ihre
Freundin tanzte und schmiegte sich demonstrativ an ihn.
“Sie
machen den Eindruck, als sei dies hier nicht Ihr Tanzlokal.”
Schneider sah auf sie hinab. Sie drückte sich noch enger an ihn.
“Stimmt, meine Freundin wollte unbedingt hierher und traute sich
nicht allein in das Lokal. So bin ich mitgegangen. Ich weiss nicht,
was meine Freundin hat. Ich finde es scheusslich hier. Es ist so
bizarr. Sehen Sie sich doch nur diese Mannfrauen an.”
“Tun
Sie mir bitte einen Gefallen, und kommen Sie mit mir an die Bar.
Allein bekomme ich hier kein Bier. Übrigens, ich bin der Heinrich.
Wie heissen Sie denn?”
“Ich
bin die Monika.”
“Und
ihre Freundin?”
“Meine
Freundin heisst Karin. Sie ist so impulsiv. Sie will mir weh tun,
weil ich nicht mit ihr tanzen wollte.”
Gemeinsam
setzten sie sich an den Tresen. Schneider orderte zwei Pils.
Geschafft, dachte er. Jetzt muss ich nur rauskriegen, wer diese
Andrea ist. Sie
drehten sich zur Tanzfläche herum.
Eine
Weile beobachteten sie die Tanzenden, dann hielt Monika ihre Hände
vors Gesicht. “Ich kann es nicht mehr mit ansehen, komm lass uns
gehen.”
Schneider
stürzte sein Bier hinunter und zahlte. “Sag mal, kannst du mir
sagen, wer Andreas ist?”
“Ja,”
die Bardame deutete mit dem Kopf auf diejenige, die mit Monikas
Freundin tanzte. “Das ist ein ganz scharfer Hund. Der lässt sich
nicht die Butter vom Brot nehmen.”
Ok,
spielen wir gegen die Bande. Schneider glitt vom Hocker und hob
Monika herunter. Sie presste sich an ihn. Ihm wurde heiss. Das Blut
pochte in seinen Schläfen. Einen Moment blieben sie so stehen, dann
gingen sie gemeinsam zum Ausgang, ohne sich umzusehen. Er legte den
rechten Arm um sie. Sie rieb ihren Schenkel an seinen, als sie auf
die Strasse traten. Langsam gingen sie den Bürgersteig entlang,
vorbei an Kneipen, Musik- und Reizwäschegeschäften. ‘Zimmer
frei’. Ein Schild leuchtete und ein obskures Hotel tat sich vor
ihnen auf.
“Gehen
wir hinein.” Monika drängte ihn in den Eingang. Schneider blickte
sich um, sah, dass Karin vor einem der Schaufenster stand. Er
grinste, als sie die engen Stufen hochstiegen.
“Na,
was gibts Neues Udo?”
Udo
las ungerührt weiter in der Bildzeitung. “Morgen Heinrich. Homos
können jetzt eine Ehe eingehen.”
“Auch
lesbische Personen?” “Ich meine schon,” erwiderte Udo.
“Gleiches Recht für alle.”
“Mann,
das war was,” stöhnte Schneider und setzte sich an seinen
Schreibtisch. “So was Bizarres. Ich kam mir vor wie ein Eintänzer
in der Fischbratküche, war der einzige Mann in dem Schuppen.”
“Wie
lange bist du denn geblieben?”
“Etwa
bis um drei Uhr morgens?”
“Hat
Emma was gesagt?”
“Nee,
ich hatte ihr erzählt, es könnte länger dauern.”
“Und
was nun?”
“Ich
habe eine Verbindung aufgebaut, setze einen Maulwurf ein, den
versuche ich jetzt mal anzuzapfen. Hoffentlich klappts.”
Schneider
griff zum Hörer und wählte eine Nummer.
“Monika.
Ich bin es, Heinrich, wie geht es Dir?”
“Und
deiner Freundin?”
“Was,
sie hat noch nichts von sich hören lassen? Das ist so ungewöhnlich?
Hast du versucht, sie zu erreichen?”
“Es
nimmt niemand ab?”
“Ist
sie vielleicht bei Andreas, der Frau, mit der sie die ganze Zeit
getanzt hat und heute abend wieder im Camelot? Wollen wir uns gegen
acht Uhr bei dir treffen und gemeinsam dort hingehen? Wo wohnst du?”
Schneider
notierte Monikas Adresse und legte auf.
“Udo,
besorg mir bitte das Foto mit den Reifenabdrücken.”
Schneider
liess seinen Wagen in einer Nebenstrasse stehen und ging langsam
durch die Dunkelheit. Er liess sich Zeit, kam an ein paar
Reihenhäusern vorbei, dann an einer Kneipe, aus der dröhnendes
Gelächter drang. Er näherte sich einem kleinen Haus. War es die
Adresse? Schneider sah auf die Nummer. Bingo. Er ging auf den Eingang
zu. Er hörte Stimmengewirr. Schneider zögerte, ging in den
Vorgarten und hockte sich zwischen die Büsche unter den Fenstersims.
“….unsere
Freundschaft so zu verraten. Ich habe gesehen, wie du mit dem Kerl
ins Hotel gegangen bist.”
“Und
du? Wie konntest du mit diesem Mannweib so intim tun. Meinst du, ich
habe nicht bemerkt, wie ihr euch auf der Tanzfläche befummelt habt?”
Schritte
erklangen. Schattengleich glitt eine Gestalt in den Eingang, verhielt
vor der Tür und läutete.
Schneider
richtete sich auf und blickte in die Wohnung hinein. Monika öffnete
die Wohnungstür. Andreas schleuderte sie zur Seite und stürmte ins
Wohnzimmer.
“Karin,
du Nutte! Wie konntest du mich so hintergehen! So etwas lasse ich
nicht mit mir machen!”
Etwas
blitzte auf, eine Pistole. Verdammt, er hatte keine Waffe mit.
Schneider
sah sich um, riss einen grossen Stein aus der Gartenumfriedung. Er
zielte und schleuderte ihn durchs Fenster. Glas splitterte , der
Stein traf Andreas am Kopf. Sie taumelte.
Schneider
raste durch den Eingang in die Wohnung. Monika stand wie versteinert
neben der Tür, als er Andreas entwaffnete.
“Karin,
ruf die Polizei an und du, Monika, beweg deinen Hintern und reich mir
die Tischdecke rüber.”
Monika
löste sich aus ihrer Starre. Sie riss die Decke vom Tisch und warf
sie Schneider zu. Der drehte sie zusammen und fesselte die Hände
Andreas hinter ihrem Rücken.
“Die
Pistole, die ich gestern sichergestellt hatte, ist die gleiche, mit
der Else Schütte ermordet worden war. Der Fall ist abgeschlossen.”
“Herzlichen
Glückwunsch, Heinrich.” Udo ass sein Frühstücksbrot, welches er
aus der Kantine geholt hatte. “Und dein Maulwurf?”
“Keine
Ahnung, und dabei soll es auch bleiben. Du weisst, wenn ein Fall
abgeschlossen ist, ziehe ich mich in den sicheren Hafen zurück.”
“Na,
dann grüss Emma heute abend von mir. Manchmal denke ich, es geht
nichts über eine solide Ehe."